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Der Absturz des VfB Stuttgart zwischen 2010 und 2015
2010 jubelte Cacau noch für den VfB, 2015 steht Stuttgart unter Huub Stevens auf Platz 18 © SPORT1/getty

München - Der VfB Stuttgart erlebt in den letzten Jahren einen bitteren Absturz. Die Gründe sind vielfältig, die Aussichten düster. Ehrenpräsident Staudt bleibt bei SPORT1 trotzdem optimistisch.

20. Februar 2010: Stuttgart jubelt. Der VfB gewinnt beim 1. FC Köln mit 5:1. Es ist der Startschuss für eine Aufholjagd, die am Ende der Saison auf Platz sechs und in der Europa League endet.

20. Februar 2015: Stuttgart liegt am Boden. Der VfB verliert gegen Borussia Dortmund mit 2:3. Es ist das sechste sieglose Spiel in Folge und bedeutet Tabellenplatz 18.

Armin Veh sieht grundsätzliche Probleme

Eine Entwicklung, die sich über Jahre hinweg angedeutet hat. Aber wo liegen die Gründe für den Absturz des VfB?

Eine schlechte Saison sei immer mal möglich, sagte Ex-VfB-Coach Armin Veh im Volkswagen Doppelpass: "Aber du kannst nicht vier, fünf Spielzeiten immer unten drin stehen. Dann stimmt etwas nicht."

Man habe einfach nicht die finanziellen Möglichkeiten, sich mit den Großen zu messen, erklärt auch VfB-Ehrenpräsident Erwin Staudt. "Das hat sich schon in den letzten Jahren abgezeichnet und insofern stimmt das schon, was Armin Veh sagt", gesteht der 66-Jährige SPORT1.

2007 noch führte Veh die Schwaben zum Meistertitel, als Dauergast auf der europäischen Bühne sah man sich als gesetzt im oberen Tabellendrittel der Bundesliga. Nach dem sechsten Platz in der Saison 2009/10 hatte das ein Ende.

Es folgte Platz zwölf, noch einmal Rang sechs und schließlich der Absturz. Wieder Zwölfter, 15. - und jetzt Platz 18. "Der VfB hat es in den letzten Jahren versäumt, Struktur reinzubringen", kritisierte Ex-Profi Maurizio Gaudino bereits in der Vorwoche im Volkswagen Doppelpass.

"Organisatorisch ist der VfB top in Ordnung"

Ein Vorwurf, den Staudt so nicht stehen lassen will. "Organisatorisch ist der VfB top in Ordnung", sagt der ehemalige Präsident: "Die Probleme liegen auf sportlicher Ebene."

Auch SPORT1-Experte Thomas Berthold prangert vor allem die Baustellen auf dem Rasen an: "Ich kann viele Power-Point-Präsentationen an die Wand hauen oder Diskussionen führen, aber das Hauptthema ist Fußball."

Und da hapert es bei den Stuttgartern derzeit gewaltig. Die Hintermannschaft lädt die Gegner förmlich zu Toren ein, in der Offensive fehlt die Durchschlagskraft. 

Mit mageren fünf Toren ist Martin Harnik aktuell bester VfB-Angreifer in dieser Saison - und das bei einem Verein, der in den Jahren zuvor reihenweise Top-Torjäger vorzuweisen hatte. 

Bei besagtem 5:1 in Köln erzielte Cacau einen Viererpack, davor trieben Mario Gomez und Kevin Kuranyi in den gegnerischen Strafräumen ihr Unwesen. Auch Harnik und Vedad Ibisevic haben schon Spielzeiten mit 15 Toren beim VfB vorzuweisen.

Kostspielige Fehleinkäufe

"Ibisevic hat im Moment nicht die Form und von Timo Werner kann man dann nicht erwarten, dass er es alleine macht", erklärt Veh die Stuttgarter Sturmflaute. Der vor der Saison verpflichtete Daniel Ginczek sei zudem "ein guter Spieler, der sich noch entwickelt". Der dem VfB aktuell aber nicht weiterhilft - wie schon so viele Neuzugänge in den letzten Jahren.

Mario Gomez und Sami Khedira jubeln für den VfB Stuttgart
Mario Gomez (l.) und Sami Khedira brachten Stuttgart hohe Transfererlöse © Getty Images

Trotz lukrativer Spielerverkäufe wie Mario Gomez (für 30 Millionen Euro zum FC Bayern) oder Sami Khedira (14 Millionen, Real Madrid) erlaubten die finanziellen Zwänge dem VfB keine großen Sprünge auf dem Transfermarkt. Und kostspielige Einkäufe schlugen nicht ein.

Die teuersten Neuzugänge seit Gomez' Verkauf im Sommer 2009 hießen Cristian Molinaro, Georg Niedermeier, Vedad Ibisevic, William Kvist, Mohammed Abdellaoue und Filip Kostic.

Bis auf Niedermeier und Ibisevic waren sie ihr Geld nicht oder zumindest kaum wert. Aber nicht nur einzelne Spieler enttäuschten, auch das Mannschaftsgefüge scheint nicht zusammenzupassen, ein klares System ist schon seit geraumer Zeit nicht erkennbar.

Huub Stevens soll erneut zum Retter werden

"Wir haben im Moment das Pech, dass wir nicht die ideale Teamformation haben", sagt auch Ex-Präsident Erwin Staudt im Gespräch mit SPORT1: "Das fängt mit dem Teamgeist an und geht mit dem Zusammenspiel der einzelnen Akteure weiter. Das ist im Moment nicht optimal - und daran arbeitet der Trainer."

Christian Gross als Trainer des VfB Stuttgart
Christian Gross ist der statistisch erfolgreichste VfB-Trainer der letzten Jahre © getty

Der heißt seit November wieder Huub Stevens - und rettete den VfB schon in der vergangenen Saison auf der Zielgerade vor dem Abstieg. Die Erfolgsbilanz des Niederländers seit seiner Rückkehr ist mit zwei Siegen und drei Unentschieden aus zehn Spielen aber eher mäßig.

Der Punkteschnitt von 0,9 pro Spiel liegt weit hinter dem des erfolgreichsten VfB-Trainers der letzten Jahre, Christian Gross (1,83). Jenem Christian Gross, unter dem auch das 5:1 in Köln vor fünf Jahren gelang.

Seit dem Aus des Schweizers im Oktober 2010 folgten Jens Keller, Bruno Labbadia, Thomas Schneider, Stevens, Veh und wieder Stevens. Bis auf Labbadia war keiner länger als 200 Tage im Amt.

Ex-Präsident Staudt glaubt an Klassenerhalt

"Huub Stevens ist ein absolut erfahrener Mann, der genau weiß, was in dieser Situation zu tun ist", sagt Staudt, der seinen Zweckoptimismus nocht nicht aufgeben will. Man müsse jetzt Selbstvertrauen aufbauen und die letzten Spiele mit der entsprechenden Einstellung angehen. Dann werde man die Punkte holen, die zum Klassenerhalt notwendig seien.

Und was, wenn es doch nicht klappt? Wie schlimm wäre ein Abstieg für den VfB?

"So schlimm wie für jeden anderen auch", sagt Staudt.

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