vergrößernverkleinern
Doping, Fußball
Laut Uni Freiburg soll es im Profifußball systematisches Doping gegeben haben © Imago

München - Die Dopingvorwürfe gegen den SC Freiburg und VfB Stuttgart erschüttern den Profifußball. Doch bis zu einer lückenlosen Aufklärung dürfte es noch ein weiter Weg sein.

Die Nachricht erschütterte den deutschen Fußball. Eine Expertengruppe der Universität Freiburg hat nachgewiesen, dass es im Profibereich "Anabolikadoping in systematischer Weise gegeben" hatte.

Im Fokus steht der Sportmediziner Armin Klümper, der als Schlüsselfigur einer deutschen Dopingsystematik gilt. Bei ihm waren auch Spieler des VfB Stuttgart und des SC Freiburg in Behandlung - das war bereits bekannt.

Armin Klümper wird vorgeworfen Fußballern in den 1970er und 1980er Jahren Anabolika verabreicht zu haben © Imago

Der neue Fakt: Aus den sogenannten Klümper-Akten geht hervor, dass ein Doping-Zusammenhang zwischen ehemaligen Profis beider Teams und dem Sportmediziner bestanden hat.

SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen zur Dopingaffäre.

Warum kamen die Details jetzt an die Öffentlichkeit?

Die Kommission, die die Dopingvergangenheit der Uniklinik Freiburg untersucht, gibt es seit 2007. Aktuell besteht sie aus acht Mitgliedern, den Vorsitz hat die Kriminologin Letizia Paoli.

Die Leiterin der Evaluierungskommission in der Dopingaffäre Freiburg Letizia Paoli
Die Leiterin der Evaluierungskommission in der Dopingaffäre Freiburg Letizia Paoli © imago

Kommissionsmitglied Andreas Singler hat nun einen Alleingang unternommen und Ergebnisse veröffentlicht. Sein Motiv: das "berechtigte Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit".

Gleichzeitig hat Singler seinen Rücktritt angeboten. Seine Kollegen wollen nun darüber beraten.  

Um welchen Zeitraum geht es?

Der Bericht verweist auf die "späten 1970er und frühen 1980er Jahren". Damals sei in Stuttgart "im größeren Umfang" und "wenn auch nur punktuell nachweisbar" auch in Freiburg Anabolikadoping vorgenommen worden.

Die Schwaben spielten nach ihrem Aufstieg 1977 durchgängig in der Bundesliga. 1979 holte der Klub die Vizemeisterschaft, danach landete Stuttgart dreimal auf Rang drei. 1984 holten die Schwaben schließlich den Titel.

Der Sport-Club war zu diesem Zeitraum noch von der Bundesliga entfernt. Erst 1978 stieg Freiburg in die Zweite Liga auf und war fortan im Mittelfeld dieser Spielklasse zu finden.

Welche Spieler waren damals für die Klubs aktiv?

Bei den Stuttgarter standen damals zahlreiche Nationalspieler unter Vertrag: Die Förster-Brüder Karlheinz und Bernd wurden 1980 Europameister, ebenso wie Hansi Müller.

Karlheinz Förster, Markus Elmer, Hansi Müller und Ottmar Hitzfeld beim VfB Stuttgart
Karlheinz Förster, Markus Elmer, Hansi Müller und Ottmar Hitzfeld beim VfB Stuttgart © Imago

Auch Ottmar Hitzfeld trug das Trikot der Schwaben. In der Saison 1977/1978 bildete der spätere Meistertrainer des FC Bayern und von Borussia Dortmund den Angriff mit Dieter Hoeneß.

In den Kadern der Freiburger findet sich nur ein prominenter Name: Joachim Löw. Der Bundestrainer spielte von 1978 bis 1980 für den Sport-Club, danach wechselte er für eine Saison zum VfB Stuttgart.

Wie sind die Reaktionen?

Die Spieler geben sich überrascht und unschuldig. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand von meinen Mitspielern wissentlich gedopt hat", sagte Ottmar Hitzfeld auf SPORT1-Nachfrage.

Einen schärferen Ton wählt Jürgen Sundermann. "Das ist absolut lächerlich, so einen Schwachsinn habe ich noch nie gehört. Fußballprofis und Anabolika - das geht echt zu weit", sagt der heute 75-Jährige, der den VfB von 1976 bis 1979 sowie zwischen 1980 und 1982 trainierte, bei SPORT1.

Sundermanns damaliger Schützling Karlheinz Förster betont bei SPORT1: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass beim VfB gedopt wurde und ich selber habe auch nie gedopt."

Und Lutz Hangartner, Freiburgs Trainer in der Saison 1981/82 und heute Präsident des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer, versichert bei SPORT1, "dass ich als Trainer da mit absoluter Sicherheit nicht beteiligt war".

Dr. Rainer Koch, Vizepräsident und Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission des DFB, sprach von "gravierenden Vorwürfen", die "selbstverständlich umfänglich aufgeklärt werden müssen".

Am Dienstag bezog auch Joachim Löw Stellung. "Doping hat im Sport nichts verloren, ich lehne es absolut ab, das galt für mich als Spieler genauso wie es heute als Bundestrainer immer noch gilt", sagte der 55-Jährige dem Sid.

Müssen Spieler und Vereine Konsequenzen befürchten?

Der Kommission ist es offenbar nicht möglich, Ross und Reiter zu nennen. Es heißt, "dass eine Zuordnung von Medikationen an einzelne, konkret zu benennende Spieler nach Auswertung der Akten der Staatsanwaltschaft Freiburg nicht möglich ist".

Ob es Konsequenzen für die Vereine gibt, bleibt abzuwarten.  Aktuell ist die Lage noch zu diffus. "Ich kann zu der Sache gar nichts sagen, weil mir keine qualifizierten Informationen vorliegen", erklärte der Sportanwalt Christoph Schickhardt im Gespräch mit SPORT1.

Wann wird die Kommission weitere Details liefern?

Sie wird in den nächsten Wochen darüber beraten, ob sie ein Sondergutachten als Zwischenbericht gegebenenfalls vor Abschluss sämtlicher Arbeiten veröffentlichen will. So heißt es zumindest in Singlers Stellungnahme.

Allerdings gibt es innerhalb der Kommission offenbar große Differenzen. Mitglied Fritz Sörgel zeigte sich "entsetzt" über Singlers Alleingang.

"Wie will man in so einer Kommission noch vernünftig arbeiten", sagte er der dpa. Diese Aussage zeigt ein Dilemma der Doping-Jäger. Die Öffentlichkeit dürstet nach weiteren Information, doch die Kommission muss offenbar interne Probleme lösen.

Die beschuldigten Vereine haben übrigens ihre Unterstützung ankündigt.

teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel