Video

Leverkusen - Der Leverkusener Emir Spahic prügelt sich mit Ordnern, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen schwerer Körperverletzung. Es ist nicht seine erste Verfehlung: So tickt Spahic.

Die Zahlen, die Fakten, die Dokumente, sie zeichnen ein eindeutiges Bild von Emir Spahic.

Zweimal war der Innenverteidiger von Bayer 04 Leverkusen in der laufenden Saison schon gelb-rot-gesperrt, einmal nach fünf gelben Karten. Die beiden Platzverweise sind in dieser Spielzeit Bundesliga-Spitzenwert.

Anfang April 2014 zahlte er 15.000 Euro Strafe für einen Mittelfinger in Richtung seiner Gegenspieler im damaligen Spiel gegen Braunschweig, der DFB stufte den Fauxpas als "krass sportwidriges Verhalten" ein.

Auf Youtube gibt es Videos en masse von Spahic wildesten Grätschen – bestens dokumentiert ist auch, wie er Marko Marin im Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Bosnien-Herzegowina 2011 erst im Strafraum umtritt und ihm dann vor den Augen des Schiedsrichters eine Ohrfeige verpasst.

Trainer Roger Schmidt ist "schockiert"

Und dann lieferten sich Spahic und einige Bekannte nach dem Aus im DFB-Pokal gegen den FC Bayern eine per Handykamera dokumentierte Prügelei mit Leverkusener Ordnern.

Spahic schlug um sich und versetzte einem Ordner ganz gezielt einen Kopfstoß. Sein Trainer Roger Schmidt sagt: "Wenn nach dem Pokalspiel so etwas auftaucht, ist das für mich nicht nachvollziehbar. Nicht nur ich bin schockiert."

Mittlerweile liegt eine Anzeige gegen Spahic vor, die Kölner Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen wegen des Verdachts der schweren Körperverletzung gegen ihn aufgenommen.

Seitens des DFB erklärte Mediendirektor Ralf Köttker: "Der Kontrollausschuss hat die Ermittlungen eingeleitet und Herrn Spahic Gelegenheit gegeben, bis Anfang kommender Woche eine Stellungnahme abzugeben."

"Wenn Bayer 04 Leverkusen Ergebnisse dieser Ermittlungen vorliegen, wird der Verein auch interne Sanktionen überprüfen", teilt der Verein mit.

Spahic übertritt Grenzen

So formt sich das vordergründige Bild: Treter. Fiesling. Schläger.

Tatsächlich ist Emir Spahic ein Fußballprofi, der auf dem Rasen oftmals so hart spielt, sich so nah an der Grenze des Erlaubten bewegt, dass er sie mitunter übertritt.

Borussia Dortmund v Bayer Leverkusen - Bundesliga
Emir Spahic im Spiel gegen Borussia Dortmund in der Saison 2013/14: Nach einer Tätlichkeit gegen Henrikh Mkhitaryan geht er mit Rot vom Platz - und wird drei Spiele gesperrt © Getty Images

"Aber er war auch sehr sauber neben dem Platz", sagt Roger Schmidt über Spahic, der bisher 71 Mal für Leverkusen auflief. Mehr noch: Spieler wie Spahic haben im Gefüge einer Fußballmannschaft ihren speziellen Platz.

Weil die anderen wissen: Da ist einer, der auch mal hinlangt, der den Gegner einschüchtert. Der einem einen Vorteil verschaffen kann, ohne überhaupt in der Nähe des Balls sein zu müssen.

"Er ist ein sehr netter Kerl"

Tomislav Piplica hat zusammen mit Spahic in der bosnischen Nationalmannschaft gespielt. "Ich kenne ihn sehr gut", sagt Piplica, der als Torwart von Energie Cottbus in der Bundesliga Kultstatus erlangte, zu SPORT1.

"Er ist ein sehr netter Kerl, ich hatte nie Probleme mit ihm", sagt er. "Es tut mir schon weh zu sehen, dass er die Ordner angegriffen hat."

Wie tickt er wirklich, der 34-jährige Bosnier, der schon in den Top-Ligen Spaniens, Frankreichs und Russlands mit respektablem Erfolg aufgelaufen ist?

Eine Generation vom Krieg geprägt

Die Frage, wie Spahic Fußball spielt und lebt, geht einher mit der Frage, warum er das tut. "Er gibt alles für seinen Verein und sein Land", sagt Piplica.

Sein Land. Bosnien-Herzegowina. Vom Jugoslawien-Krieg zerstört, als Spahic ein Jugendlicher war, leidet es noch heute unter den Spätfolgen.

Für die Bosnier waren Tod, Folter und Zerstörung keinen fernen Bilder in den Nachrichten, sondern die Realität. Eine Karriere als Profi-Fußballer nicht nur eine Möglichkeit, einem armen Land zu entfliehen, sondern auch zu helfen: Vor allem der Familie, den Freunden.

Wollte er den Bruder schützen?

Für Profis wie Spahic ist Fußball keine Luxusentscheidung. Es ist ihr Weg, all ihren Stolz zu zeigen - und die Menschen, die ihnen etwas bedeuten, stolz zu machen.

Diese Menschen, die Freunde und die Familie, bedeuten ihnen alles. Vielleicht soll deshalb - vorübergehend - auf Spahic Facebook-Seite gestanden haben, er habe in der Auseinandersetzung mit den Ordnern nur seinen Bruder schützen wollen.

FBL - EURO - 2016 - AND - BIH
Emir Spahic (dritter von oben rechts) mit der Nationalmannschaft Bosnien-Herzigowinas © Getty Images

Es ging und geht um die Ehre. Aus der Nationalmannschaft, Spahic liegt mit 78 Einsätzen auf Rang zwei der ewigen Rangliste Bosniens, war er nach der WM 2014 eigentlich schon zurückgetreten.

Nur um noch im selben Jahr doch wieder sein Comeback zu geben. "Er kann nicht nein sagen, weil er sein Land liebt", sagt Piplica.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt

In Bosnien wird Spahic wie ein Held verehrt, sein Körpereinsatz, seine Härte sind dort kein Zeichen eines unfairen Spielers – sondern seiner Leidenschaft für den Fußball.

"Ein Abwehrspieler muss manchmal zu nicht so schönen Mitteln greifen", sagt Piplica. "Jeder redet davon, in die Zweikämpfe gehen zu müssen. Er tut es, das gehört zum Fußball dazu."

Ganz zweifellos gehören Schlägereien mit Ordnern nicht zum Fußball dazu. Warum wer zugriff und zuschlug, werden die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zeigen.

Dass die Prügelei ein Fehler mit katastrophaler Öffentlichkeitswirkung war, weiß Spahic mittlerweile offenbar selbst, er werde sich in Namen aller von seiner Seite Beteiligten entschuldigen, teilte Leverkusen mit.

Ende der Bundesliga-Karriere?

Gleichzeitig kündigte der Werksklub eine "schonungslose und vollständige Aufklärung des Sachverhaltes" an.

Spahic wird möglicherweise angeklagt und bestraft werden, Leverkusen wird den Vorfall ganz sicher in irgendeiner Form sanktionieren. Die Frage ist, wie hoch diese Strafen ausfallen wird.

Oder: Wie viel am Ende der Fußballer Emir Spahic Bayer Leverkusen wert ist. In Sommer wird er 35 Jahre alt, gegen den FC Bayern verletzte er sich zudem am Syndesmoseband und fehlt bis zu vier Wochen.

Der Vorfall könnte seine Bundesliga-Karriere schon jetzt beenden.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel