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Dortmund - Der schwarzgelbe Anhang empfängt den künftigen BVB-Trainer Thomas Tuchel nicht mit offenen Armen. Als Klopp-Kopie sieht sich der frühere Mainz-Coach keinesfalls.

Klopp klonen. Das wünschten sich vergangene Woche viele BVB-Fans nach der Rücktrittsankündigung der Dortmunder Lichtgestalt.

Doch die Realität ist keine Science-Fiction und Thomas Tuchel nicht Jürgen Klopp.

"Koan Tuchel"-Plakate sind vor dem nächsten Spiel zu Hause gegen Eintracht Frankfurt zwar nicht zu erwarten, dennoch bleiben Vorbehalte beim schwarzgelben Anhang gegenüber dem künftigen BVB-Coach.

Die Fragen sind vielfältig: Ist der angeblich gefragteste Trainer Deutschlands wirklich so gut? Was hat er schon groß erreicht? Passt der Typ Tuchel nach Dortmund?

Vor allem auf die letzte lautet die mehrheitliche Antwort: "Nein!" Tuchel muss viel Überzeugungsarbeit leisten, noch ehe er überhaupt angefangen hat.

Borussia Dortmund v FSV Mainz 05  - Bundesliga
Vorgänger und Nachfolger: Jürgen Klopp (r.) und Thomas Tuchel © Getty Images

Offensive Ausrichtung wie Klopp

Eine Klopp-Kopie kann und will Tuchel nicht sein. "Ich vergleiche mich nicht mit Jürgen, ich bin anders", hat er einmal betont.

"Ich stehe für gewisse Attribute, für eine aktive Spielweise, für mutiges Verteidigen, schnelles Spiel in die Spitze", beschrieb Tuchel Ende März in einem Zeit-Interview seine Fußball-Philosophie.

Die offensive Ausrichtung ähnelt dem Powerfußball à la Klopp. Für den früheren BVB-Stürmer Karl-Heinz Riedle sind Parallelen zum Stil seines Vorgängers auch unverzichtbar.

"Wichtig wird sein, dass er der Spielphilosophie von Jürgen Klopp einigermaßen nahe kommt. Die Spieler sind das Gegenpressing über sechs, sieben Jahre hinweg gewöhnt", erklärte der Champions-League-Sieger von 1997 im Volkswagen Doppelpass auf SPORT1.

"Er ist wohl auch von Jürgen mit ins Rennen geschickt worden und kann das sicherlich erfüllen", traut Riedle ihm die schwierige Aufgabe zu.

Größere Herausforderung

Klopp folgte beim BVB 2008 auf Thomas Doll, dem keiner lange nachtrauerte. Der damals 41-jährige Coach – exakt wie jetzt Tuchel – bekam Zeit, um eine Mannschaft aufzubauen.

Tuchel übernimmt dagegen eine Truppe, die gewachsen ist und schon zahlreiche Erfolge gefeiert hat. Der bevorstehende Umbruch im Sommer bietet für den künftigen Coach eine Chance.

Doch die Ansammlung aus etablierten Bundesligaspielern wie internationalen Stars stellt eine deutlich größere Herausforderung als in Mainz dar.

"Bei Borussia Dortmund muss man die Mannschaft ganz anders führen als beim FSV Mainz 05", sagt SPORT1-Experte Thomas Strunz.

"Da kommt der neue Klopp"

Parallelen sieht der Europameister von 1996 im Hinblick auf Tuchels indirekte Klopp-Nachfolge 2009 beim FSV Mainz. "Von der öffentlichen Wahrnehmung ist es schon sehr vergleichbar", sagt Strunz.

"Ich weiß noch die Überschriften damals: 'Der neue Kloppo' – und dann kamen die Erfolge vergleichbar mit Klopp", so der 46-Jährige.

Aber genau "darin besteht die Gefahr. Dass die Erwartungshaltung und Assoziation ist: Da kommt der neue Klopp", warnt Strunz.

Aus seiner Sicht könnten "die Beiden in der Außendarstellung und ihrem medialen Auftreten unterschiedlicher nicht sein".

Draht zu den Fans

Die Erwartungen an und um den Ruhrgebietsverein sind in den vergangenen Jahren immens gestiegen – sportlich wie wirtschaftlich.

Der börsennotierte Klub steht nicht nur deutschlandweit im Fokus des Interesses, das auch medial mit dem in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt nicht zu vergleichen ist.

Ob Tuchel mit all diesen Umständen umzugehen weiß, ist völlig offen. Ebenso ob er es schaffen wird, einen Draht zu den Fans zu bekommen.

Keine Stellungnahme des BVB

Die Dortmunder Vereinsführung lässt die Möglichkeit verstreichen, dem neuen Coach das Feld zu bereiten. Nach Saisonende wird Tuchel präsentiert, davor soll es keine Stellungnahmen zu Klopps Nachfolger geben.

"Der BVB bittet um Verständnis dafür, dass sich alle Beteiligten bis zu diesem Zeitpunkt nicht zur Sache äußern werden", hieß es am Sonntag in der knapp gehaltenen Pressemitteilung zu Tuchels Verpflichtung.

Die Erwartungshaltung von Watzke und Sportdirektor Michael Zorc dürfte nicht wesentlich geringer sein als die der Fans: Vollgasfußball mit viel Herz und noch mehr Verstand.

Ein Ding der Unmöglichkeit

Von der Emotionalität am Spielfeldrand ist Tuchel gar nicht so weit entfernt von einem Klopp-Klon. Er schreit und spornt an, gestikuliert und jubelt, hadert und wütet.

Aber ob er damit die BVB-Herzen begeistern kann, erscheint noch äußerst fraglich. "Irgendwie scheint Dortmund nich so auf Tuchelkurs mittm neun Trainer zu sein", twitterte @Dortmunderisch am Sonntag im Slang der Stadt.

 

Den Nerv der Fußball- und Ruhrgebietsmetropole so zu treffen wie Klopp, ist sicherlich ein Ding der Unmöglichkeit.

Dem nur nahezukommen, wäre schon eine Leistung. Es muss ja nicht gleich "Echte Liebe" sein.

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