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Robert Lewandowski zieht sich gegen Dortmund Knochenbrüche im Gesicht zu © Getty Images

Darmstadt und München - Gegen Barca mit Brüchen im Gesicht, kurz nach einer Gehirnerschütterung, ohne Risiko - geht das? Der Fall Robert Lewandowski wirft Fragen auf.

Bruch des Oberkiefers, Bruch des Nasenbeins, Gehirnerschütterung: Es waren niederschmetternde Worte, die Robert Lewandowski hörte, einen Tag nach seinem Zusammenrasseln mit Mitchell Langerak im DFB-Pokal.

Sie haben ihn aber nicht abgebracht vom Gedanken, dass er wieder mitmachen will im nächsten wichtigen Spiel. Der FC Bayern beim FC Barcelona, Champions-League-Halbfinale am kommenden Mittwoch.

"Ich hoffe wirklich, dass ich spielen kann", kündigte er an. Klubchef Karl-Heinz Rummenigge ist gar "felsenfest überzeugt", dass der Wunsch des polnischen Stürmers wahr werden kann. Während Klubsprecher Markus Hörwick bei SPORT1 versichert, dass "Spezialisten" über das Thema entscheiden: "Wir werden niemals zulassen, dass gesundheitliche Schäden in Kauf genommen werden."

Knochenbrüche im Gesicht, Gehirnerschütterung, Barca acht Tage danach, kein gesundheitlicher Schaden: Geht das wirklich alles zusammen? Es kommt darauf an, wie man die Sache sieht.

Maske kann Knochen schützen

Klaus Pöttgen, Sportmediziner und Vereinsarzt bei Zweitligist Darmstadt 98, hält es im Gespräch mit SPORT1 prinzipiell für möglich.

Die Nasenbeinfraktur? Sofern sie unkompliziert ist, "muss erst in sieben oder zehn Tagen entschieden werden, ob aus kosmetischen Gründen eine Operation vorgenommen werden soll. Bis dahin ist der Knochen durchbaut. Die Nase lässt sich mit einer Maske schützen."

Der Oberkieferbruch? "Sollte sich der Knochen nicht verschoben haben und keine Operation nötig sein, die den Einsatz von Drähten, Schienen oder Schrauben erforderlich machen, dann wird dieser Bruch ohnehin konservativ behandelt. Auch hier würde eine Schutzmaske helfen."

Die Gehirnerschütterung? Eine schwierigere Angelegenheit.

Ruhe, Training, Spiel

"Die mit einer Gehirnerschütterung verbundenen Beschwerden klingen üblicherweise schnell ab", sagt Pöttgen.

Bei richtigen Umgang mit einem Schädel-Hirn-Trauma - erst Ruhe, dann ein schrittweiser Wiedereinstieg ins Training, neuropsychologische Tests - könnte Lewandowski im besten Fall innerhalb von sechs Tagen einsatzbereit sein. Es ist der Mindestzeitraum, den der Weltverband FIFA 2012 in einem Konsenspapier zum Thema festgehalten hat.

Beim Darmstädter Hanno Behrens hat Pöttgern kürzlich einen ähnlich schnellen Heilungsverlauf erlebt. Und sollte es bei Lewandowski auch klappen, seien "sicherlich alle medizinischen Vorkehrungen getroffen, um längerfristige gesundheitliche Folgeschäden auszuschließen".

Nicht jeder allerdings ist der Meinung, dass sich das bei Gehirnerschütterungen so klar sagen lässt.

Forscher fordern Umdenken

Es ist erst eineinhalb Jahre her, dass Forscher der University of New Mexico vom internationalen Spitzensport ein größeres Umdenken beim Thema Kopfverletzungen gefordert haben.

Die übliche Pause von sieben bis zehn Tagen "dürfte nicht ausreichen", befand damals der Neurowissenschaftler Andrew Mayer, "da damit nicht sichergestellt ist, dass auch das betroffene Gewebe geheilt ist".

Anlass für den Appell waren Ergebnisse einer Studie, in der bei Patienten mit leichter Gehirnerschütterung noch vier Monate danach festgestellt wurde, dass sich die Gehirnflüssigkeit anders bewegte als in der Vergleichsgruppe - ein Hinweis auf eine unvollständige Genesung, die Folgeschäden haben kann. Gerade dann, wenn weitere Erschütterungen auf den Kopf einwirken.

Gravierende Folgeschäden in der NFL

Die Studie von damals ist Teil einer größeren Debatte um die besonderen Risiken von Gehirnerschütterungen bei Athleten, die viele Kontaktsportarten beschäftigt.

Vor allem die US-Football-Liga NFL wurde von der "Concussion Crisis" erschüttert in jeglicher Hinsicht.

Oakland Raiders v Denver Broncos
David Bruton erlitt in der vergangenen Saison eine Kopfverletzung © Getty Images

Tausende (!) ehemalige Spieler verklagten sie wegen der Folgeschäden von Gehirnerschütterungen. Depressionen, Demenzerscheinungen, auch Suizide wurden mit den im Spiel erlittenen Kopfverletzungen in Verbindung gebracht.

Nun ist Fußball nicht Football, nicht Eishockey, auch nicht Boxen (das manche Neurowissenschaftler am liebsten verbieten würden). Prof. Dr. Tim Meyer, Vorsitzender der DFB-Kommission Sportmedizin, befindet daher auf SPORT1-Anfrage, dass sein Sport sich "nicht zwangsläufig an Verbänden mit vollkommen anderen Häufigkeiten von Kopfverletzungen orientieren muss".

Betroffen ist der Fußball vom Thema dennoch.

Kramer als warnendes Beispiel

"Fest steht, dass gerade in den Strafräumen eine enorme Dichte an Spielern herrscht, die alle dasselbe Ziel verfolgen: mit aller Macht mit dem Kopf an den Ball zu kommen", sagt Pöttgen. Man bedenke das immer höher werdende Tempo, mit dem das geschehe. Dann das Schubsen, das Ziehen, das Stoßen: "Dass dann unkontrolliert der Kopf in Mitleidenschaft gezogen wird, ergibt sich fast zwangsläufig."

Bei der WM 2014 gab es dann auch mehrere Fälle heftiger Kopfverletzungen. Und mehrere Fälle, in denen Spieler - wie Lewandowski in den letzten Pokalminuten - trotz Kopfverletzungen weitermachten. Allen voran Christoph Kramer, der im Finale in benommenem Zustand noch 15 Minuten auf den Platz stand.

Der englische Verband FA reagierte auf die Häufung solcher Fälle mit einem Maßnahmenpaket: Neuropsycholgische Untersuchungen aller Spieler vor Saisonstart, verschärfte Regeln bei Kopfverletzungen auf dem Platz, zusätzliche Ärzte, sechs Tage Spielpause bei Gehirnerschütterungen, Aufklärungskampagnen.

Auch UEFA und FIFA beschlossen Reformen: Ein Schiedsrichter kann die Partie bei Kopfverletzungen drei Minuten lang unterbrechen. Zudem hat der Klubarzt nun explizit das letzte Wort, ob ein am Kopf verletzter Spieler eine Partie fortsetzen kann oder nicht.

Christoph Kramer beim WM-Finale in Rio
Christoph Kramer fragte nach seinem Zusammenprall in Rio: "Schiedsrichter, ist das das Finale?" © Getty Images

Drei-Minuten-Regel wird ignoriert

Im Fall Lewandowski wurde die Drei-Minuten-Regel allerdings nicht angewandt, Pöttgen kann sich gar an überhaupt keinen Fall erinnern. Sie muss sich offensichtlich noch etwas herumsprechen.

"Neue Regelungen benötigen in den meisten Fällen etwas Zeit, um ihre volle Wirkung zu entfalten", sagt DFB-Arzt Meyer.

Er versichert allerdings: "Der Deutsche Fußball-Bund nimmt Kopfverletzungen im Fußball ernst." Es sei von seinem Gremium "zu einem ihrer Schwerpunkte der laufenden Amtsperiode erhoben". Bei den beiden vergangenen Bundesliga-Ärztetagungen 2014 und 15 habe es "ausführliche Expertenhinweise zum Umgang mit Kopfverletzungen gegeben".

Die jüngsten Reformen der FIFA unterstütze der DFB "ausdrücklich".

Wie viel die bringen, ist umstritten. Skeptiker sehen die jetzt in der Verantwortung stehenden Klubärzte im Wettbewerbsdruck  in zu großer Versuchung, der falschen Logik zu folgen: Der Spieler will spielen, der Trainer will es womöglich auch, und das Spiel ist für den Arbeitgeber doch so wichtig…

In der NFL wachen aus dem Grund inzwischen auch vom Klub unabhängige Ärzte über das Wohlergehen der Spieler.

Ein empflindlicher Punkt für Bayern

Das Thema trifft gerade den FC Bayern an einem empfindlichen Punkt.

Eben erst gab es dort ja ein spektakuläres Zerwürfnis mit dem Teamarzt, das vor allem vom ständigen Streit um eine bestimmte Frage ausgelöst wurde: Soll ein angeschlagener Akteur wieder spielen – oder nicht?

Im Fall Lewandowski ist hier mal wieder eine schwierige Abwägung zu treffen. Zwischen seiner Gehirnerschütterung und dem Barca-Spiel liegen acht Tage Pause. Mehr als das FIFA-Soll. Weniger, als die Forscher aus New Mexico empfehlen würden.

Es ist in der Tat eine Frage für Spezialisten. Wobei auch die nicht immer richtig liegen können.

Man erinnere sich, wer im WM-Finale einen Spieler weitermachen ließ, der nicht mehr wusste, dass WM-Finale war: DFB-Teamarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt.

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