vergrößernverkleinern
Pep Guardiola FC Bayern München Klappstuhl
Auch tausend Klappstühle werden nicht dabei helfen, Pep Guardiola näher ans unsereins heranzurücken © Imago

Bayern-Trainer Pep Guardiola nimmt an einem Pokalabend in Leverkusen auf einem Klappstuhl Platz - und alles dreht durch. Warum ist das so? Eine Ergründung.

Das einfachste, was man jetzt machen kann, ist zu fragen, ob denn nun alle verrückt geworden sind.

Pep Guardiola setzt sich auf einen Klappstuhl - und Durchdrehen. Das Internet - das natürlich vor allem -, das Fernsehen, im Endeffekt also alle nur noch: Klappstuhl, Klappstuhl, Klappstuhl. Klappstuhl-Bilder, Klappstuhl-Videos, Klappstuhl-Überschriften, Klappstuhl-Twitter-Accounts, Klappstuhl in der Stilkritik, Klappstuhl im Exklusiv-Interview.

Nichts fiele einfacher, als an dieser Stelle über den menschlichen Hang zu klagen, sich von nebensächlichen Dingen einklemmen zu lassen.

Interessanter aber ist in diesem Fall dann doch die Frage, warum genau dieses Ding genau jetzt genau diesen Trubel ausgelöst hat.

Es ist ja nicht so, als ob Neuheit bei diesem Hype ein Faktor wäre: Das Prinzip des Klappstuhls existiert schließlich seit Jahrtausenden.

Archäologische Ausgrabungen haben an mehreren Orten Nordeuropas Klappstühle aus der Bronzezeit zu Tage gefördert, römische Kaiser und Magistrate saßen ebenso auf ihnen wie die Bischöfe und Prälaten des Mittelalters. Entsprechend repräsentativ waren ihre Sitzgelegenheiten damals gefertigt: edle Schnitzereien, Vergoldungen, fein gewebte Bezüge - der Faltsitz von einst machte etwas her.

Vom modernen Klappstuhl kann man das nicht mehr behaupten, ein einfacher, funktionaler Holzsitz wie der, der in der Leverkusener Fußballarena den Gästetrainern zur Verfügung steht, wäre gar nicht weiter aufgefallen - hätte sich nicht ausgerechnet dieser Gästetrainer auf ihn gesetzt.

Bayer Leverkusen v SC Freiburg - Bundesliga
Fiel 2013 in Leverkusen nicht groß auf: Christian Streich auf einem Klappstuhl © Getty Images

Wir erinnern uns: Als Pep Guardiola, Weltmann aus Katalonien, im Sommer 2013 den Job beim FC Bayern antrat, fühlte sich das für unsereins kaum anders an als das Eintreffen eines römischen Kaisers an einem entlegenen Außenposten seines Weltreichs. Und wenn man mal darüber nachdenkt: Geändert hat sich an dieser Wahrnehmung seitdem nicht viel.

Pep Guardiola ist noch immer eine enthobene Erscheinung - und in der Art und Weise, wie er diese Rolle gestaltet, einem kirchlichen Würdenträger des Mittelalters nicht unähnlich.

So wie die Bischöfe und Prälaten einst auf Latein zum einfachen Volk sprachen, um sich von ihm abzuheben, so kommuniziert der Bayern-Coach in jener Pep-Guardiola-Sprache, von der man früher noch dachte, dass sie sich der des einfachen Volkes im Lauf der Jahre mehr und mehr angleichen würde - die sich aber stattdessen akustisch wie inhaltlich immer weiter von der Allgemeinverständlichkeit entfernt hat.

Nicht zuletzt deshalb haben die Bilder, die Pep Guardiola hinterlässt, eine noch viel größere Wirkmacht, als Bilder sie ohnehin schon haben.

Und nicht zuletzt deshalb gibt es kein Halten mehr, wenn so ein Bild so unerwartet kommt wie diese Woche.

Pep Guardiola auf einem Klappstuhl? Und nicht auf einem reich ornamentierten Faldistorium, sondern wirklich auf dem ganz einfachen Holzding, dem erdnahsten aller Möbelstücke? Ein Knüller!

Wen wundert's, dass niemand Pep Guardiola am Ende so eines Abends fragt, wie ihm das taktisch nun genau gelungen ist, einen Gegner wie Bayer Leverkusen aus dem DFB-Pokal zu werfen. Es ist nur logisch, dass er stattdessen gefragt wird, wie es war, dabei auf einem Klappstuhl zu sitzen.

Die Antwort darauf fiel übrigens aus, wie sie ausfallen musste: Eine längere Ausführung in Pep-Guardiola-Sprache, in der das Wort "Klappstuhl" kein einziges Mal vorkam und allem Anschein nach auch gar nicht Thema war.

Man sollte sich keine Illusionen machen: Dieser Trainer wird eine enthobene Erscheinung bleiben, auch tausend Klappstühle werden nicht dabei helfen, ihn näher ans unsereins heranzurücken.

Und eines ist unter diesen Umständen ebenso gewiss: Das nächste Mal, wenn dieser Pep Guardiola mit einem Alltagsgegenstand in Kontakt kommt, wird es wieder Durchdrehen geben.

teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel