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SPORT1-Redakteur Martin Quast kennt die Trainer Jürgen Klopp und Thomas Tuchel aus Mainzer Zeiten. Er weiß: Die beiden trennt mehr als das sie eint.

Hallo Fußball-Freunde,

auch wenn Jürgen Klopp am Wochenende etwas anderes behauptet hat, bin ich sicher, dass er vor der Entscheidung zugunsten von Thomas Tuchel als sein Nachfolger zumindest gefragt wurde.

Entschieden haben es natürlich andere, das ist logisch. Wenn es um eine solch entscheidende Personalie geht, wird natürlich viel miteinander geredet. Und da Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc nicht nur mit Klopp sondern auch mit dem Mainzer Manager Christian Heidel gut befreundet sind, wird von dessen Seite ebenfalls einiges an Information in Sachen Tuchel-Verpflichtung eingeflossen sein.

Ich glaube, dass Tuchels taktische Flexibilität der Hauptgrund für die Entscheidung bei Borussia Dortmund war. Man will einen neuen Spielstil einbauen, einen der auf das lange erfolgreiche und sehr stark offensiv geprägte 4-2-3-1-Klopp-System aufbaut, es aber auch entscheidend verändert und erweitert.

Tuchel ist jemand, der auf kein System festzulegen ist, der immer reagieren kann. Ich kenne keinen anderen Trainer, der in Spielen so oft umstellt, der derart häufig inmitten der 90 Minuten komplett das Gerüst umbaut.

Er ist für mich einer von ganz wenigen Trainern, die Spiele von der Seitenlinie aus gewinnen können. Und das aufgrund von taktischen Schachzügen, die er im Spiel veranlasst - und nicht, weil der Ball zufällig vom Pfosten ins Tor springt.

Grundsätzlich finde ich, dass Tuchel und Klopp mehr trennt als eint. In Sachen Einflussnahme vom Spielfeldrand sind sie sich aber schon sehr ähnlich. Beide hauen da alles rein, die leben und lieben den Fußball. Auch wenn das eine fürchterliche Phrase ist - aber wenn das bei jemandem zutrifft, dann bei den beiden. Ich habe das bei Jürgen Klopp im Übrigen auch nie als unsympathisch empfunden.

Er ist kein notorischer Meckerfritze, er ist einfach nur authentisch, trägt sein Herz auf der Zunge und lässt es intensiv leben. So wie jeder Fan auch. Für mich gehört 'Emotionen raushauen' dazu - auch auf der Trainerbank.

Tuchel muss da allerdings schon ein bisschen mehr aufpassen, weil sein Einsatz an der Linie auf viele Menschen so ein bisschen von oben herab wirkt - um nicht zu sagen: arrogant. Everybody's Darling wie Klopp wird Thomas Tuchel bestimmt nicht werden - und das will er auch gar nicht. 

Einem guten Verhältnis zu Fans und Medien hat er in Mainz nicht wirklich Beachtung geschenkt. Das war immer eher Pflichterfüllung. Und keinen Tick mehr.

Gerade rund um seinen Abschied aus Mainz gab es allerdings einige Dinge, die für mich gar nicht gehen. Er hat dort ja immer die ganz großen Werte postuliert wie Demut und Respekt - hat aber hinter dem Rücken von Mainz 05 mit Schalke und mit Leverkusen verhandelt.

Dieser Abschied in Mainz, das war Note 6. Sein persönlicher Abgang war komplett unprofessionell, obwohl er eigentlich einen ganz anderen verdient gehabt hätte.

Schließlich hat er fünf Jahre lang super Arbeit geleistet, stand nie auf einem Abstiegsrang, hat zweimal die Europa League erreicht, die Boygroup rausgebracht und Mainz war total positiv in den Schlagzeilen.

Trotz dieser großen Erfolge haben die Leute ihn zwar immer toleriert und respektiert, aber nie geliebt, so wie das bei Klopp der Fall war.

Ob das in Dortmund funktioniert?

Meiner Meinung nach hat der BVB immer dann die größten Erfolge gehabt, wenn er eine Integrationsfigur als Trainer hatte. Das war Ottmar Hitzfeld als väterlicher Typ und das war Jürgen Klopp jetzt als dieser Kumpeltyp.

Die Leute brauchen das im Ruhrgebiet mit ihrer Art. Die brauchen jemanden, der einer von ihnen ist.

Da es aber keinen zweiten Klopp gibt und der BVB dafür auch gar nicht bereit wäre, wählen meiner Meinung nach Watzke und Zorc jetzt bewusst den anderen Ansatz. Mit Tuchel. Einem der fähigsten 'Spieler-Bessermacher'. Er  wird den Verein umbauen, wird mit anderen Jungs da rangehen, Neue holen.

Mutige, Hungrige, Hochveranlagte. Solche Klasse-Kicker wie Johannes Geis von Mainz 05 fallen mir da in seinem Beuteschema ein. Da darf man gespannt sein, wie viel Geld Dortmund für Tuchel-Ideen springen lässt.

Ich glaube, die taktischen Möglichkeiten und neuen Perspektiven, die man unter Tuchel haben wird, können auch zum Teil die emotionale Bindung zum Umfeld aufwiegen, die unter Tuchel vielleicht ein Stück weit auf der Strecke bleiben.

Eines steht für mich jedoch fest: Mit Thomas Tuchel werden die Fans in Dortmund alles Mögliche erleben. Vielleicht auch große Erfolge. Aber das BVB-Vereinsmotto 'Echte Liebe' werden sie zu ihm mit Sicherheit nicht empfinden.

Euer Martin Quast

Der Autor ist Leiter der Südwest-Redaktion bei SPORT1 und hat in dieser Zeit die Trainer Jürgen Klopp und Thomas Tuchel kennengelernt.

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