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Lucien Favre (l.) und Max Eberl sind die Väter des Gladbacher Erfolgs © Getty Images/Imago

Mönchengladbach - Die Champions League ist Borussia Mönchengladbach so gut wie sicher, die Millionen-Einnahmen damit auch. Sportdirektor Max Eberl steht damit vor einem Luxusproblem.

Nein, Zeit zum Feiern hat Max Eberl nicht.

Freude über den kaum noch zu nehmenden direkten Einzug in die Champions League? Ja, die ist riesig. Euphorie ob der grandiosen Rückrunde? Natürlich. Stolz auf die beste Rückrundenmannschaft? Klar, auch das.

Doch der 41-Jährige weiß, dass Stillstand Rückstand ist. Dass man sich auch bei Borussia Mönchengladbach nach der so gut wie sicheren direkten Qualifikation für die Champions League nicht zurücklehnen kann und darf.

Erinnerungen an 2012

Erinnerungen an 2012, als mit Marco Reus, Dante und Roman Neustädter gleich drei Leistungsträger die Borussia verließen, werden nach den Abgängen von Kruse (Wolfsburg) und Kramer (Leverkusen) nur kurz wach.

Denn der Unterschied zu damals ist prägnant. Die Mannschaft ist gewachsen, gereift, hat sich entwickelt und trotz des Verlusts zweier zentraler Stützen eine große Qualität und hohe Dichte, die über Jahre sukzessiv aufgebaut wurde.

Und das soll sich auch nicht ändern. 20 bis 25 Millionen Euro bringt die Champions League mindestens ein, dazu die zwölf Millionen Euro Ablöse, die Wolfsburg aufgrund von Kruses Ausstiegsklausel zahlen muss. Der Klub verbuchte darüber hinaus im vergangenen Geschäftsjahr einen zweistelligen Millionengewinn. Rund 50 Millionen Euro stehen somit theoretisch zur Verfügung. Viel Geld für einen Manager, der zuletzt für sehr viel weniger Geld schon vieles richtig gemacht hat.

Keine verrückten Dinge

Doch Königstransfers auf Königsklassen-Niveau wird es nicht geben. "Wir werden keine verrückten Dinge machen, bloß weil es vielleicht die Champions League wird. Dementsprechend laufen unsere Planungen die ganze Zeit schon parallel in dem Maße wie wir abschneiden, und das ist international", sagt Eberl.

Der Kader soll grundsätzlich auch ohne Europa finanzierbar, das Gehaltsgefüge vor allem ausbalanciert bleiben. Auch deshalb hatte die Borussia im Fall Kruse bei einem kolportierten Jahresgehalt in Wolfsburg von fünf Millionen Euro keine Chance.

"Denn auf fünf Millionen, wenn es so ist, können wir nicht noch was drauflegen, da müssen wir eher noch zwei abziehen", rechnet Eberl vor.

Tradition kann erfolgreich sein

Wo andere mit Millionen nur so um sich schmeißen, muss am Niederrhein ein anderer Weg gegangen werden, ohne Großinvestoren im Hintergrund, dafür mit einer wohl überlegten Mischung aus Weitsicht, Vernunft, Geschick und auch Glück. Schließlich gibt es genügend warnende Beispiele, was Größenwahn nach Großtaten anrichten kann.

Aber das, was am Niederrhein passiert, kann und sollte in Frankfurt, Stuttgart oder Hamburg zumindest für Nachdenklichkeit sorgen. Sind es doch unter anderem diese (aber auch andere) Traditionsklubs, die sich seit Jahren über die vermeintlich so unfaire Verteilung der Gelder beklagen und dass sie gegen die Konzernklubs aus Hoffenheim, Leverkusen oder Wolfsburg ins Hintertreffen geraten. Tradition als Belastung?

Borussia Mönchengladbach straft diese Argumentation Lügen. Der Stadionname ist nicht verkauft, der Borussia Park ist Vereinseigentum. Kein Großkonzern, Mäzen oder sonstige Gönner stehen im Hintergrund, keine Fan-Darlehen, Genussscheine oder sonstige kruden Finanzierungsmodelle spielen eine Rolle. Ähnliches gelang auch in Dortmund, der Ausgang ist bekannt.

Eberls schmaler Grat

Die Krux, der durchaus schmale Grat, der auf Eberl nun wartet, ist ein Luxusproblem, bleibt aber trotzdem ein Problem. "Alle wissen, dass wir Geld haben", meint Eberl.

Heißt: Die Verhandlungspartner werden ihre Position ausreizen. Und wieder werden Erinnerungen an 2012 wach, als Twente Enschede satte zwölf Millionen Euro für Luuk de Jong forderte, rückblickend betrachtet sicherlich einige Millionen zu viel. Es ist das Problem, das der FC Bayern seit Jahren und Borussia Dortmund zuletzt auch hatte. Spieler kosten auf einmal immer etwas mehr.

"Damals habe ich das nicht so für möglich gehalten, weil es eine neue Konstellation für uns war", gesteht Eberl. Gladbach zahlte, doch der Niederländer entpuppte sich als Fehleinkauf.

Der nächste Coup?

Es sollte allerdings so ziemlich der einzige Fehlgriff in den letzten Jahren bleiben. Stattdessen lockte Eberl immer wieder gestandene, zugleich aber auch entwicklungsfähige Bundesliga-Spieler zur Borussia, ob nun ablösefrei oder für kleines Geld.

Lars Stindl wechselt von Hannover 96 an den Niederrhein
Lars Stindl wechselt von Hannover 96 an den Niederrhein © Getty Images

Sein jüngster Coup ist Lars Stindl, der für drei Millionen Euro von Hannover 96 kommt und Trainer Lucien Favre im Mittelfeld gleich mehrere Optionen bietet. Keine Frage aber, dass Gladbach nachlegen und die Einnahmen in die Mannschaft investieren wird.

Denn trotz der englischen Wochen kam die Borussia in dieser Saison mit einem 19-Mann starken Kader aus, das waren die wenigsten Spieler der Liga. Auch ein Resultat besagter Dichte, die nun aber noch in der Breite verstärkt werden soll. Nicht zuletzt war die Mannschaft trotz der Mehrfachbelastung durch Europa League und DFB-Pokal weit von dem Verletzungspech verschont, das die Konkurrenz aus Dortmund, Schalke oder Bayern München zu beklagen hatte.

Die Zukunft wird schwerer

So paradox es klingen mag, aber die schwierigste Zeit steht dem Klub noch bevor. Der Wind da oben in der Tabelle ist rauer, die Spieler werden mehr in den Fokus von Konkurrenten, ausländischen Klubs, Scouts und auch Medien geraten.

Alles wird ein Stück weit mehr beäugt, die Spieler mit einer größeren Aufmerksamkeit bedacht. Die bescheidene Ruhe, in der Eberl, Favre und der Vorstand arbeiten konnten, wird verschwinden. Im Erfolg, so heißt es, werden die größten Fehler begangen. Eberl weiß das. Zeit zum Feiern bleibt also nicht.

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