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VfL Bochum v FC Schalke 04 - Pre-Season Friendly
Jens Keller arbeitete von 2012 bis 2014 beim FC Schalke 04 an der Seite von Sportdirektor Horst Heldt © Getty Images

München - Ex-Schalke-Trainer Jens Keller spricht im SPORT1-Interview über das Chaos bei Königsblau, Horst Heldt, die Suspendierung von Boateng und seine Zukunft.

Jens Keller ist beim FC Schalke 04 durch ein Stahlbad gegangen. Von 2012 bis 2014 arbeitete er als Trainer in Gelsenkirchen und es verging keine Woche ohne neue Kritik an seiner Person.

Diese verstummte auch nicht, als der nun 44-Jährige mit den Königsblauen zum zweiten Mal in Folge die Qualifikation zur Champions League schaffte.

Im Herbst 2014 musste Keller gehen, doch die Unruhe bei S04 blieb. Der Verein schaffte in der abgelaufenen Saison gerade so die Qualifikation für die Europa League. Kellers Nachfolger Roberto Di Matteo trat inzwischen schon wieder zurück. Sportvorstand Horst Heldt sprach von einem Missverständnis.

Im SPORT1-Interview spricht Keller jetzt über das Chaos auf Schalke, Heldt und seine persönliche Zukunft.

SPORT1: Herr Keller, wie geht es Ihnen?

Jens Keller: Mir geht es blendend. Die Zeit auf Schalke war sehr intensiv, doch inzwischen habe ich mich gut erholt. Ich habe mich zudem weitergebildet, bei Manchester United hospitiert und werde nächste Woche mein Studium für Sportmanagement beenden. Ich bin gerade sehr entspannt.

SPORT1: Der Jens Keller, der im Herbst bei Schalke entlassen wurde und der Jens Keller heute - sind das vom Nervenkostüm her zwei verschiedene Menschen?

Keller: (lacht) Auf jeden Fall. Das ist aber auch verständlich. Der Druck auf Schalke war schon extrem. Das geht nervlich nicht spurlos an einem vorüber. Das war keine einfache Zeit, wobei ich sagen muss, dass ich das alles sehr gut überstanden habe. Ich habe auch zu der Zeit, als ich noch im Amt war, nie die Nerven verloren. Von dem her bin ich da sehr zufrieden mit allem.

SPORT1: Auf Schalke herrscht wieder mal Chaos. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage? 

Keller: Eigentlich bin ich zu weit weg, auch gedanklich ist das Thema für mich abgeschlossen, wenngleich ich den Verein auch im Herzen trage. Es ist immer schwierig, etwas Konkretes zur Entwicklung zu sagen. Natürlich sind die Spiele vor allem in der Rückrunde sehr unglücklich gelaufen. Man sieht nun, dass es nicht ganz so einfach ist, auf Schalke zu arbeiten und eine gewisse Konstanz reinzubekommen. 

SPORT1: Warum ist das so?

Keller: Ganz einfach, weil auf Schalke eine gewisse Unruhe in beiden Richtungen sehr schnell ausschlägt. Wenn Erfolg da ist, ist es gleich himmelhochjauchzend und wenn Niederlagen kommen, dann bricht alles zusammen. Natürlich wird auch sehr viel Unruhe von außen rein getragen, das macht es umso schwerer dort zu arbeiten. Klar, negative Phasen gibt es in jedem Verein, aber auf Schalke gibt es dann immer schnell enorme Unruhe. 

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Jens Keller erreichte mit Schalke 04 zwei Jahre in Folge die Champions League © Getty Images

SPORT1: Wie sehr fühlen Sie sich bestätigt in Ihrer Arbeit?

Keller: (lacht) Ich kann mich jetzt natürlich nicht hinstellen und sagen, dass ich mit der sportlichen Situation auf Schalke zufrieden bin, nur weil man sieht, dass ich erfolgreiche Arbeit abgeliefert habe. Ich sehe aber natürlich, dass meine Arbeit auf Schalke trotz der ganzen Unruhe und Kritik nicht so schlecht war. So schwierig das oft war. Ich bekam von Anfang an wenig Zuspruch und Unterstützung. Ich konnte keine zwei Wochen ruhig arbeiten. Vom erreichten Punkteschnitt war das am Ende aber nicht so schlecht, das sehen jetzt auch einige Herren auf Schalke.

SPORT1: Spüren Sie keine Genugtuung nach dem Aus von Roberto Di Matteo?

Keller: Nein. Die Punkte und Ergebnisse von mir konnten sich bei mir dennoch sehen lassen und wir haben trotz widriger Umstände Erfolg gehabt. Ich bin schon stolz auf meine Arbeit auf Schalke und hätte auch gerne weiter gemacht. Ob ich das dann weiter hinbekommen hätte, sei mal dahin gestellt. Mit mir wurden die Ziele jedoch erreicht. 

SPORT1: Wie sehr überrascht Sie das plötzliche Aus von Di Matteo?

Keller: Das hat mich schon überrascht. Man muss aber auch sagen, dass im letzten halben Jahr auf Schalke sehr viel Kredit verspielt wurde. Die Bosse haben Di Matteo einen Vertrag bis 2017 gegeben  - und dass man einerseits von langfristigem Arbeiten spricht und sich dann nach nur wenigen Monaten trennt, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell passiert.

SPORT1: Manager Horst Heldt steht seit Wochen in der Kritik, übernahm jetzt die Verantwortung für den Fehlgriff mit Di Matteo. Fühlten Sie sich eigentlich als Bauernopfer, weil man damals einen großen Namen verpflichten wollte?

Keller: Bauernopfer? Nicht unbedingt. Ich weiß nicht, wie die Strömungen im Verein waren und wer damals Druck gemacht hat. Ob das alleine die Entscheidung von Horst Heldt war oder ob da Druck von außen kam, kann ich nicht sagen. Es interessiert mich auch nicht mehr. Nochmal: Im Nachhinein sieht man, dass es nicht so einfach ist, auf Schalke erfolgreich zu arbeiten. Ob ich jetzt ein Bauernopfer war oder nicht, ist mir relativ egal. Das gehört für mich der Vergangenheit an und ich habe mit dem Thema abgeschlossen. Jetzt müssen sich einige Leute auf Schalke Gedanken machen, wie sie da in Zukunft weitermachen.

SPORT1: Hat Heldt nicht auch eine Mitschuld an der ganzen Misere?

Keller: Natürlich. Das gibt er ja auch zu. An so einer negativen Entwicklung haben alle, die in der Verantwortung stehen, eine gewisse Mitschuld. Es liegt nicht alles immer nur am Trainer.

SPORT1: Sie haben mit Heldt zusammengearbeitet. Ist er selbstkritisch genug?

Keller: Auf jeden Fall. Er ist schon sehr menschlich und hinterfragt sich in vielen Momenten. Er macht sich immer viele Gedanken und möchte auch niemandem auf der menschlichen Ebene wehtun. Ob er sich jetzt immer kritisch hinterfragt, kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht täglich bei ihm bin. Zu meiner Zeit hatte er sich immer wieder selbstkritisch geäußert. Und das macht er jetzt auch. Das muss er auch. 

SPORT1: Eine Entscheidung von Heldt, zu der er nach wie vor steht, war die Suspendierung von Kevin-Prince Boateng. War das richtig? Bei Ihnen hat Boateng funktioniert.

Keller: Ich weiß nicht, was da vorgefallen ist. Bei mir war Kevin-Prince ein ganz wichtiger Bestandteil im Team. Wir haben die beste Rückrunde der Klubgeschichte gespielt und er war für mich immer präsent. Er hat sehr viele Dinge geregelt - in der Kabine und auf dem Platz. Und er hat seine Leistung gebracht. Aber ich bin jetzt lange weg und habe seine Entwicklung nicht hautnah mitbekommen. 

SPORT1: Wie geht es mit Ihnen weiter? Gibt es aufgrund Ihres Studiums bald den Sportdirektor Keller?

Keller: Das Studium habe ich nur gemacht, um mich weiterzubilden und breiter aufzustellen für den Manager-Bereich. Momentan habe ich noch Spaß am Trainerjob und will das auch weiter machen. Aber es muss einfach alles passen. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich nicht alles machen muss. Ich möchte einiges umsetzen. Ich warte auf das richtige Angebot und bin überzeugt, dass das auch kommt. Ich will Perspektiven sehen. Die eine oder andere Anfrage war schon da, aber es hat da noch nicht gepasst. Ich kann mir auch die Zweite Liga oder das Ausland vorstellen.

SPORT1: Können Sie sich auch ein Comeback auf Schalke vorstellen?

Keller: Klar, aber aktuell ist das kein Thema, weil beide Seiten noch Abstand brauchen. Ich hatte da eine gute Zeit, wenn es auch sehr schwierig war. Meine Arbeit war gut und wir haben Ziele erreicht. Der Verein lebt, ich war da auch im Nachwuchsbereich tätig und kenne die Strukturen. Schalke ist mir ans Herz gewachsen und ich kann mir das irgendwann sehr gut vorstellen. Aber aktuell macht das keinen Sinn.

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