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München - Er ist unbequem, hat großes Selbstbewusstsein und will nicht von jedem geliebt werden. Trotzdem ist Max Kruse erfolgreich. In Wolfsburg will er nochmal zulegen.

Boris Becker hat mal wieder die Faxen dicke.

Dem Tennis würden die "Typen" fehlen, klagte er beim englischen Sender BBC. Dieser Satz ist populär, weil plakativ, und wird gerne von denen zitiert, die mal Typen waren. Oder sich für solche halten.

Es hat gemeinhin immer etwas Heuchlerisches, "Typen" zu fordern. Im allgemeinen Sog der Kommerzialisierung und von Marketingexperten auf Hochglanz getrimmten Sportart Fußball gelten schon eine auffällige Frisur, bunte Schuhe oder eigene Hashtags bei Twitter als Indiz. Was für ein Unsinn.

Max Kruse, das zu Beginn, ist noch ein solcher Typ. Und es ist eben nicht nur der auffällig lackierte Sportwagen, der in jedem Bericht über den 27-Jährigen als Beweismittel herangeführt wird. Kruse ist geradeaus, ein Eigenbrötler, ein Individualist. Jemand, der im Sommer keine Selfies von sich und seiner Begleitung aus der Karibik schickt, sondern in Las Vegas beim weltgrößten Pokerturnier mitmischt.

Kritik an Ex-Klub

Der mit Anfang 20 Vater wird, sich von der Mutter jedoch wieder trennt und seinen Sohn nun im Wechsel mit seiner Partnerin großzieht. Einer, der in Interviews Sätze sagt, die Pressesprechern das Wasser auf die Stirn treiben: "Wir Fußballer müssen schon weniger arbeiten. Der Verdienst ist auch nicht schlecht."

Der auch gegen Ex-Vereine nachtritt, wenn ihm deren aktuelle Klubphilosophie missfällt, so wie er es am Dienstag mit dem FC St. Pauli tat. Dabei ahnt er selbst: "Ich weiß, vielleicht sollte ich zu dem ganzen Thema einfach nichts sagen."

Er tut es dennoch und muss dafür den Shitstorm der Fans über sich ergehen lassen. Kruse ist's egal.

Nun also Wolfsburg. Weg vom traditionsbehafteten Klub aus Mönchengladbach, hin zum kühl kalkulierten und von VW alimentierten Verein aus der niedersächsischen Provinz. "Wolfsburg hat in der abgelaufenen Saison noch besser gespielt als wir. Ich habe mich für Wolfsburg entschieden und stehe dahinter", sagt Kruse im Gespräch mit SPORT1. "Manchmal hat man einfach das Gefühl, dass es eine Veränderung braucht."

Kein Fan-Liebling

Das Einfache in diesen Aussagen erschrickt fast. Kruse versucht erst gar nicht, die Floskeln der Branche zu bemühen. In Wolfsburg gibt es mehr Geld, auch das gibt er unumwunden zu ("Klar spielt Geld eine Rolle"), zudem eine höhere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Das reicht ihm. Aus den gleichen Gründen war er zwei Jahre zuvor von Freiburg nach Gladbach gewechselt. Und davor vom FC St. Pauli nach Freiburg.

Er ist ein Söldner, aber ein berechenbarer. Niemand, den die Fans als einen der ihren verehren, weil sie wissen, dass er nur auf Durchreise ist, bis ein besseres Angebot kommt. Letztlich nur das tut, was alle Profis machen. Einzig: Er macht keinen Hehl daraus.

Löw setzt auf ihn

Selbst auf dem Platz ist er schwer zu greifen. Ein bisschen Stürmer, ein bisschen Mittelfeldspieler. Wahrlich nicht der Schnellste, kein Dribbelwunder, auch Grätschen gehören nicht zu seinem Repertoire. Kruses Name fällt selten, wenn Fans über die besten Stürmer sprechen. Fast alle Trainer hingegen hätten ihn gerne im Team. In den vergangenen 100 Bundesligaspielen für Freiburg und Gladbach war er an 63 Toren beteiligt.

Auch Bundestrainer Joachim Löw setzt inzwischen wieder regelmäßig auf Kruse. Die Weltmeisterschaft in Brasilien fand ohne ihn statt. Grund soll, so heißt es, ein nächtliches Abenteuer im Rahmen der Freundschaftsspiele Ende 2013 gegen England und Italien gewesen sein. Klug ist das nicht bei einem Trainer, der auf Teamchemie sehr großen Wert legt.

"Jeder Schritt war richtig"

Für Kruse ist das abgehakt. "Ich habe wieder den Anschluss gefunden. Im Einzelfall entscheiden die Leistungen im Verein", sagt er.

Dass er es jetzt, trotz aller Ecken, Kanten und unliebsamen Entscheidungen, zum Nationalspieler gebracht hat und beim vermeintlich größten Bayern-Jäger spielt, überrascht Kruse nicht. "Das ist der Lohn der kontinuierlichen Arbeit der vergangenen Jahre. Jeder Schritt war richtig."

Im Rückblick würde Boris Becker diesen Satz gerne auch über sich sagen können.

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