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Karlsruhe - Nach der erneuten Rettung in der Relegation kennt die Erleichterung beim HSV keine Grenzen. Matchwinner Müller feiert die Moral, Adler fühlt sich um Jahre gealtert.

Lewis Holtby stapfte freudetrunken und lauthals gröhlend durch die Katakomben des Wildparkstadions, Dennis Diekmeier rang im Kreise der Journalisten nach den passenden Worten und Johan Djourou schwang im engen Gang des draußen geparkten Mannschaftsbusses schon mal munter das Tanzbein.

Die Erleichterung im Lager des Hamburger SV nach dem glücklichen 2:1 nach Verlängerung im Relegations-Rückspiel beim Karlsruher SC kannte keine Grenzen.

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Johan Djourou schwang nach dem Klassenerhalt das Tanzbein © Getty Images

"Der Rucksack, der mir von den Schultern gefallen ist, war riesig", sagte der eingewechselte Nicolai Müller, der mit seinem Treffer in der 115. Minute den Thriller entschieden hatte, stellvertretend für die gesamte Mannschaft. (Das Spiel zum Nachlesen im Ticker)

90 Minuten lang hatte es so ausgehen, als würden die Hamburger an dem Druck des drohenden ersten Bundesliga-Abstiegs zerbrechen, doch dann zogen sie doch wieder den Kopf aus der Schlinge - erst durch einen äußerst umstrittenen Freistoß von Marcelo Diaz in der Nachspielzeit, und endgültig dann durch Müllers Jokertor in der Verlängerung.

Diekmeier bleibt Mr. Relegation 

"Was ein Spiel, was ein Auf und Ab", sagte der sichtlich bewegte Diekmeier stammelnd in die Mikrofone: "Mir fehlen die Worte, so etwas habe ich noch nie erlebt." (SERVICE: Die Stimmen zur Relegation)

Und das will was heißen. Schließlich hatte der ehemalige Nürnberger bereits die vierte (!) Relegation seiner Profikarriere bestritten - und dabei zum vierten Mal jubeln dürfen.

"Ja, meine Bilanz ist ganz gut", sagte der Außenverteidiger zwar mit einem Lächeln, fügte dann aber hinzu: "Ich brauche das nie wieder."

"Ein Spiegelbild der Saison"

Diekmeiers Kollegen dürfte es da kaum anders gehen.

Zu nervenaufreibend war allein dieser Schlussakt einer an Dramatik kaum zu überbietenden Spielzeit, in der der Bundesliga-Dino schon mehrfach so gut wie abgestiegen war, an deren Ende er aber auch zum 52. Mal in Folge die Klasse halten konnte.

"Ich bin heute um drei Jahre gealtert", gestand Torhüter Rene Adler. (SERVICE: Die Pressestimmen zur Relegation

Und Torschütze Müller analysierte: "Irgendwie war die Partie ein Spiegelbild unserer Saison. Auch nach dem 0:1 haben wir nicht aufgegeben, sondern weiter gekämpft und alles probiert. Das war es, was uns schon in den letzten sechs Wochen ausgezeichnet hat."

Labbadia bringt den Glauben zurück

Sage und schreibe drei Trainer hatte der HSV seit seiner kaum weniger dramatischen Rettung in der Relegation gegen Greuther Fürth im vergangenen Sommer verschlissen, ehe Bruno Labbadia am 15. April zum zweiten Mal in seiner Karriere das Zepter bei den Hanseaten übernahm.

Diese liefen zwar auch unter seiner Regie nicht zu spielerischer Höchstform auf, immerhin aber entdeckten sie wieder den Glauben an sich selbst. (Service: Statistiken des Spiels)

Mut, Kampf, Laufbereitschaft - die Hamburger beriefen sich auf die Basics und versuchten endlich wieder der von ihrem Coach an der Seitenlinie vorgelebten Leidenschaft nachzueifern.

Auch in Karlsruhe ließen sie nach dem Gegentreffer durch Reinhold Yabo in der 77. Minute und dem fast schon sicher geglaubten Absturz in die Zweite Liga nur kurzzeitig die Köpfe hängen und wendeten das nahende Unheil letztlich doch noch ab.

Sechswöchige Nervenschlacht

"Ich kann kaum in Worte fassen, was dieses Spiel für den Verein, für die Mannschaft, aber auch für mich persönlich bedeutet", sagte der schweißgebadete Labbadia nach der geglückten Rettung auf der Pressekonferenz.

"Eine solche Intensität, wie wir sie in den letzten sechs Wochen erlebt haben, gibt es nur im Fußball", sagte er: "Wie die Mannschaft gespielt hat, zeigt, dass Fußball mehr als nur Geld ist, nämlich Herzblut."

Er habe sich "immer geschworen, nie irgendwo zehn Wochen vor Schluss einzusteigen", betonte Labbadia: "Dann bin ich doch sechs Wochen vor Schluss eingestiegen. Während dieser sechs Wochen habe ich als Familienvater quasi nicht existiert."

Und doch sei er "glücklich, es gemacht zu haben".

HSV stellt mehrere Negativrekorde auf

In einer weiteren Saison voller Niederschläge und Negativrekorde wie der schwächsten Torausbeute (25 in 34 Spielen), der schlechtesten Tordifferenz (-25) oder der höchsten Niederlage (0:8 beim FC Bayern) ihrer Bundesliga-Historie hätten es "die am Boden liegenden Spieler immer wieder geschafft, aufzustehen", hob Labbadia hervor.

Und nicht nur das. Am Ende sangen und tanzten sie sogar wieder.

Wie Holtby im Kabinentrakt. Oder Djourou im Mannschaftsbus.

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