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Hamburg - Der HSV feiert den in der Relegation erkämpften Klassenerhalt. Doch bald schon kehrt der Alltag zurück. Und die Aussichten des Klubs sind nicht gerade rosig.

Von Clemens Gerlach

So viel Huldigung war Lewis Holtby lange nicht zuteil geworden. "Er hat die Hauptrolle gespielt und das Zepter an sich gerissen", wurde der normalerweise sehr nüchterne Peter Knäbel fast euphorisch.

Nun gut, der Sportdirektor des Hamburger SV bezog sich bei seinen Ausführungen nicht auf die Leistungen Holtbys in der gerade zu Ende gegangenen Saison. Knäbel sprach über die Feier im Mannschaftsbus nach der glücklichen Rettung in der Relegation beim Karlsruher SC.

"Da sind Emotionen rausgekommen", sagt Knäbel, "die Jungs haben sich ein Stück weit gehen lassen." Wenn die HSV-Kicker doch auch so engagiert gespielt hätten. Zumeist waren die Darbietungen freud- und trostlos.

Transfers bleiben wirkungslos

Holtby, für 6,5 Millionen Euro aus Tottenham geholt, war nicht der einzige enttäuschende neue Spieler in Hamburg. Auch die anderen wie Matthias Ostrzolek, Valon Behrami oder Ivica Olic brachten zu wenig. Bezeichnend: Zoltan Stieber, der mit 1,2 Millionen Ablöse günstigste Transfer, zeigte noch am meisten.

Angesichts der sportlichen Tristesse fordert HSV-Idol Uwe Seeler einen radikalen Wandel bei seinem Klub. "Man muss jetzt handeln und Dinge geraderücken", sagte Seeler, "ich hoffe, die Verantwortlichen wissen das."

Besser noch wäre natürlich, wenn die HSV-Führung auch wüsste, "was" zu tun ist. Knäbel zumindest macht sich keine Illusionen. "Wir brauchen mehr Substanz", sagt der 48-Jährige, "es nicht alles gut." Cheftrainer Bruno Labbadia pflichtet Knäbel bei: "Wir müssen Veränderungen vornehmen."

Umbruch steht bevor

Der Kader des HSV wird sich deutlich ändern. Etliche Spieler müssen den Klub verlassen, darunter Kapitän Rafael van der Vaart und Marcell Jansen. Doch das wird nicht reichen, um die schon Dutzend Mal angekündigte Wende zum Besseren tatsächlich zu schaffen.

Der hochverschuldete Klub kann sich allerdings keine teuren Verpflichtungen leisten. Umso größer ist deshalb die Herausforderung, der sich Knäbel stellen muss. Er soll mit weniger Geld einen besseren Kader formen.

Zum "Schicksal Relegation", so Knäbel, gehört auch, dass die zweite Relegation in Folge dem HSV wertvolle Zeit gekostet hat. "Es sind Spieler abgesprungen, weil sie nicht warten wollten", berichtet Labbadia. Zum Beispiel der künftige Frankfurter Stefan Reinartz. Sagt jedenfalls Knäbel.

Beiersdorfer angeschlagen

Der Zwei-Spiele-Aushilfscoach des HSV kann die kommenden Aufgaben immerhin einigermaßen unbelastet angehen: Für die meisten Transfers der vergangenen Saison war Knäbel nicht zuständig, er kam erst Anfang Oktober 2014 zum HSV. Die Flops muss vor allem der Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer auf seine Kappe nehmen.

Der Rückkehrer, der den HSV zu alter Stärke führen und für Investoren attraktiver machen wollte, ist angeschlagen. Beiersdorfer machte in seinem ersten Jahr als Klubboss viele Fehler, wirkte selten wie ein Leader. Immerhin zeigt er sich selbstkritisch: "Wir haben uns die Suppe selbst eingebrockt."

Noch so eine Saison kann sich Beiersdorfer nicht erlauben. Der Mann, der die Öffentlichkeit scheut, aber nun in die Offensive gehen muss, steht unter verstärkter Beobachtung.

Ohne den HSV-Stallgeruch wäre es für Beiersdorfer, der in Mirko Slomka, Josef Zinnbauer und Knäbel drei Trainer verschliss, deutlich unangenehmer geworden.

Labbadia bemüht derzeit "Dankbarkeit und Demut" und verweist auf eine positive Entwicklung unter seiner Regie. "Wir haben in den vergangenen Spielen fußballerisch einen Schritt nach vorne gemacht."

Labbadia muss liefern

Einen schwachen Start in die neue Saison wird man aber auch dem spät zum HSV gestoßenen Retter nicht gestatten. Labbadia, Vertrag bis 2016, muss Ergebnisse bringen. Der 49-Jährige baut zu hohen Erwartungen schon einmal vor.

Mit Borussia Mönchengladbach, das nach überstandener Relegation in der Folgesaison Vierter wurde, könne der HSV nicht verglichen werden. "Die haben damals das komplette Team zusammengehalten", sagt Labbadia.

Entscheidender war wohl, dass Gladbach über einen Kader mit mehr Qualität und Perspektive verfügte. Aber das kann Labbadia jetzt natürlich so nicht sagen. Er will die Feierstimmung nicht stören.

"Die sechs Wochen beim HSV waren gefühlt wie eine Saison", sagt Labbadia, "ich bin raus aus dem Tunnel, jetzt wird gelebt." Erleichterung statt Erlösung. Der Stress für den HSV fängt schon bald wieder an.

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