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SPORT1-Chefredakteur Digital Ivo Hrstic kommentiert die Personalie Bastian Schweinsteiger © SPORT1 / getty

Auf rationaler Ebene ist der Abgang von Bastian Schweinsteiger absolut verständlich, komplizierter wird es im emotionalen Bereich. Kommentar.

Nüchtern betrachtet ist Bastian Schweinsteigers Wechsel zu Manchester United ein guter Deal für den FC Bayern München (Saisoneröffnung ab 14 Uhr im LIVETICKER, 15 Uhr LIVE im TV auf SPORT1).

Die Engländer zahlen rund 20 Millionen Euro Ablöse für einen zunehmend verletzungsanfälligen Mittelfeldspieler, der in wenigen Tagen 31 Jahre alt wird und bereits auf die Zielgerade einer fantastischen Karriere (Weltmeister, Champions-League-Sieger, achtmaliger Deutscher Meister, siebenmaliger DFB-Pokalsieger) eingebogen ist.

Das Überangebot im zentralen Mittelfeld wird kleiner - mit Thiago, Xabi Alonso, Philipp Lahm und Schweinsteiger wäre es wohl eine komplizierte Saison für Pep Guardiola geworden. Und dem Spanier wird ohnehin ein angespanntes Verhältnis zum DFB-Kapitän nachgesagt.

Schweinsteigers Abgang birgt aber auch Gefahren für den FC Bayern. Der Klub verliert nicht irgendeinen Spieler. Er verliert ein Vorbild und Urgestein, vergleichbar mit Ikonen wie Gerd Müller und Franz Beckenbauer. Aufgewachsen vor den Toren Münchens verkörpert kaum einer wie er, seit 1998 beim FCB, das Selbstverständnis von "Mia san mia".

Für Bayern-Fans ist er einer von ihnen. Und spätestens seit dem WM-Finale in Rio de Janeiro ist ihr "Fußballgott" auch außerhalb Münchens eine Legende. Eine Identifikationsfigur wie Schweinsteiger zu verlieren, hat auch eine emotionale Komponente. Zum Glück gibt es das im Millionen-Geschäft Fußball noch.

Schon längst fragen sich immer mehr Fans in München, ob der von FCB-Boss Karl-Heinz Rummenigge eingeschlagene Weg ("Alle Macht dem Pep") der richtige ist. Auf dem Weg zur Internationalisierung der Marke FC Bayern setzt Rummenigge voll und ganz auf die Karte Guardiola, mit allen Konsequenzen.

Das ist legitim und vermutlich auch richtig. Doch Identität und DNA eines Klubs müssen eine Rolle spielen. Wer das ignoriert, wird über kurz oder lang vom Fan abgestraft. Ein Bekenntnis von Guardiola über 2016 hinaus wäre an dieser Stelle wichtig, um den Skeptikern Argumente zu nehmen.

Nach Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt verliert der FC Bayern mit Schweinsteiger nun also in sehr kurzer Zeit die zweite wichtige Identifikationsfigur. Die Trennung von den beiden hat rational gesehen stichhaltige und nachvollziehbare Gründe. Allerdings täte der FC Bayern gut daran, seinen Fans den eingeschlagenen Weg plausibel zu erklären.

An Schweinsteigers Abgang droht sich sonst eine gefährliche Debatte um Guardiola zu entzünden. Wenn sie nicht schon längst im Gange ist.

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