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Thomas Eichin sagt, Anthony Ujah (M.) sei "ein sehr guter Nachfolger" für den nach Leipzig abgewanderten David Selke © SPORT1-Grafik Philipp Heinemann / Getty Images

Salzburg - Werder Bremen hat seine Offensive umgebaut. Im SPORT1-Interview spricht Geschäftsführer Thomas Eichin über den Tausch Anthony Ujah für Davie Selke und den Poker bei Franco Di Santo.

Werder Bremen ist im zweiten Trainingslager im Zillertal, in den bisherigen Testspielen ungeschlagen. Und Franco Di Santo ist auch noch in grün-weiß unterwegs. Letzteres soll so bleiben, muss aber nicht.

Im Interview mit SPORT1 spricht Thomas Eichin, Werders Geschäftsführer Sport, über die Aussichten auf eine Vertragsverlängerung des Argentiniers, die Entwicklung von Viktor Skripnik und die Gründe, warum er Bremen mit Ujah im Sturm besser aufgestellt sieht als mit dem zu RB Leipzig gewechselten Davie Selke.

SPORT1: Herr Eichin, Werder absolviert die erste komplette Vorbereitung unter Viktor Skripnik. Wie hat das erste Dreivierteljahr auf der Bundesligabank Ihren Trainer verändert?

Thomas Eichin: Viktor ist, wie er immer war. Diese Authentizität ist ja auch seine Stärke. Aber er lernt die Bundesliga-Mechanismen immer besser kennen, die öffentliche Wahrnehmung seiner Person und auch das Trügerische in diesem Geschäft. Das prägt ihn und entwickelt ihn positiv weiter. Ich bin sicher, dass er sich nicht verbiegen lässt.

SPORT1: Sie haben das Ziel "einstelliger Tabellenplatz" ausgegeben. Letztes Jahr ging der Start mit neun sieglosen Spielen in die Hose. Von den sieben ersten Gegnern stehen vier jetzt wieder auf dem Plan.

Eichin: Ich möchte widersprechen. Wir haben gesagt, dass wir uns perspektivisch gerne auf einem einstelligen Tabellenplatz sehen und dann möglichst lange an einem europäischen Wettbewerb kratzen wollen. Das Ziel für die neue Saison ist aber erst einmal, stabil rauszukommen, bevor wir über andere Dinge sprechen. Wenn das nicht passiert, lassen sich viele Dinge nicht mehr steuern. Wir wollen nicht wieder unter Druck geraten.

SPORT1: Für das Tor haben Sie Felix Wiedwald aus Frankfurt nach Bremen zurückgeholt. Warum fiel die Wahl auf ihn?

SPORT1-Redakteur Martin van de Flierdt traf Werders Macher Thomas Eichin in Salzburg
SPORT1-Redakteur Martin van de Flierdt traf Werders Macher Thomas Eichin in Salzburg © SPORT1

Eichin: Ein wichtiger Grund war, dass er das Umfeld kennt. Wir suchen Spieler, die zu Werder Bremen passen. Da wir nicht mit dem großen Geldkoffer unterwegs sind, müssen wir genau hinschauen. Wir waren wir schon im Winter heiß auf Felix. Wenn so ein Spieler auf dem Markt ist, dessen Vertrag ausläuft, war klar, dass wir da zubeißen. Wir sind froh, dass wir ihn bekommen haben. Er ist ein großer Torhüter, der auch eine gewisse Coolness hat, auf der Linie sehr gut ist. Er muss sich nicht großartig integrieren, er ist sofort da. Auch Viktor Skripnik kennt ihn gut.

SPORT1: Für den Angriff ist Anthony Ujah aus Köln gekommen. Worin bestehen seine Pluspunkte?

Eichin: Er ist ein Stürmer, der sehr gut in unser System passt. Er ist physisch und kopfballstark, arbeitet gut gegen den Ball und ist auch noch schnell und torgefährlich. Wir spielen offensiv, das wird Anthony entgegenkommen.

SPORT1: Inwiefern ist Ujah ein gleichwertiger Ersatz für den nach Leipzig transferierten Davie Selke?

Eichin: Davie ist ein Senkrechtstarter gewesen, der irgendwann in der Saison den Turbo eingeschaltet und für Furore gesorgt hat. Aber Ujah ist da ein bisschen weiter. Er ist schon länger im Geschäft, hat mehr Spiele gemacht und ist reifer. Davie Selke ist ein großer Stürmer, der wesentlich von seinem Torriecher lebt. Ujah arbeitet etwas mehr, er erarbeitet sich seine Möglichkeiten. Beide sind charakterlich einwandfreie Spieler, die sich immer in den Dienst der Mannschaft stellen. Ujah ist ein sehr, sehr guter Nachfolger für Selke.

SPORT1: Franco Di Santos Berater Matias Lahorca äußerte kürzlich, in Sachen Vertragsverlängerung oder Wechsel "passiert nichts bis Ende Juli".

Eichin: Die Personalie Di Santo wird mir medial zu heiß gekocht. Er hat einen Vertrag bis 2016. Wir möchten mit ihm verlängern. Ob wir da jetzt Mitte oder Ende Juli oder am Ende erst im August zueinander finden, wird man sehen. Jeder hat seine Vorstellungen. Und wir schauen jetzt mal, wann wir da zu Potte kommen.

SPORT1: Woran hakt es?

Eichin: An monetären Dingen, ist doch klar. Es kann auch sein, dass er noch auf ein besseres Angebot eines anderen Vereins wartet. Wir haben unsere Möglichkeiten. Und die andere Partei hat ihre Vorstellungen. Das ist völlig legitim. Wir kommen immer näher zueinander, sind aber noch nicht ganz beieinander. Wir sind cool genug, keinen Druck aufzubauen.

SPORT1: Selbst wenn Di Santo bleibt, wäre der Angriff mit ihm, Ujah und Melvyn Lorenzen eher dünn besetzt. Wird da noch nachgerüstet?

Eichin: Wenn wir überhaupt noch irgendwo etwas brauchen, dann sicherlich da. Wir sind in den anderen Bereichen ganz gut doppelt besetzt. Wir haben zwei klassische Stürmer mit Di Santo und Ujah und Melvyn Lorenzen dazu. Außerdem haben wir aber auch Spieler wie Fin Bartels und Levin Öztunali, die vorne spielen können, je nach System.

SPORT1: Es gibt inzwischen auch bedingt durch den Drittliga-Aufstieg der zweiten Mannschaft rund ein Dutzend Spieler aus dem eigenen Stall, die fürs Profi-Team in Frage kommen. Von wem erwarten Sie besonderen Schritt nach vorne?

Eichin: Da wage ich keine Prognose. Wir haben viele junge Spieler, die ohne Probleme Bundesliga spielen und ein, zwei gute Spiele machen können. Die Frage ist, ob sie fünf bis zehn gute Spiele hinbekommen. Es ist Aufgabe des Trainerteams, das herauszufinden.

SPORT1: In Sachen Abgänge haben Sie noch ein paar Fälle abzuarbeiten. Luca Caldirola ist nach Darmstadt verliehen. Bleiben Eljero Elia und Ludovic Obraniak. Beim Audi Quattro Cup in Salzburg sind Sie auf Ronald Koeman getroffen. An seinen FC Southampton war zuletzt  ausgeliehen. War Elia Thema Ihres Gesprächs?

Eichin: Wir haben ganz kurz über ihn gesprochen, ja. Eljero hat bei Southampton super angefangen und dann zum Ende hin etwas stagniert. Das Transferfenster ist noch lange auf. Ich mache mir keine Sorgen, dass wir eine gute Lösung finden. Gleiches gilt für Ludovic Obraniak, der in der Türkei einen ganz guten Job gemacht hat. Die Jungs werden ja nicht das erstbeste Angebot annehmen, das kommt. Deshalb wird sich das noch ein bisschen hinziehen.

SPORT1: Gilt Letzteres auch für die Vertragsverlängerung des Geschäftsführers Sport Thomas Eichin?

Eichin: Ich kann dazu nur sagen, dass beide Parteien vereinbart haben, dass sie gerne weiter miteinander weitermachen möchten. Und daran arbeiten wir jetzt. Aber auch ohne Zeitdruck. Mein Vertrag läuft noch bis 2016. Wir haben auch da die nötige Ruhe, das vernünftig zu Ende zu bringen.

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