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Gelsenkirchen - Satte 40 Millionen Euro nimmt Schalke mit dem Transfer von Julian Draxler ein. Das Problem: Einen Ersatz hat Manager Horst Heldt nicht gefunden.

Horst Heldt bekommt Gegenwind. Mal wieder.

Schalkes Sportvorstand hat Julian Draxler für 40 Millionen Euro an den VfL Wolfsburg verkauft. Ausgerechnet Draxler.

Ein Kind der Knappenschmiede, ein Stück der Seele des FC Schalke 04. Ein Transfer, der verwirrt, vor allem die Fußball-Romantiker. Es ist vor allem ein Wechsel, der Fragen aufwirft.

"Es ist ein Qualitätsverlust, das wissen wir", räumt Heldt ein. "Wir haben unseren besten Spieler verloren", klagt Trainer Andre Breitenreiter ungleich deutlicher. Nicht nur er als sportlich Verantwortlicher hätte Draxler gerne deutlich länger in königsblau gesehen.

"Mein Wunsch war, dass er bis zum Ende seiner Karriere bei S04 bleibt. Aber: Die heutige Zeit ist anders. Da lockt das Geld und die Herausforderung", sagte der Ex-Schalker Olaf Thon SPORT1.

"Was macht das für einen Sinn?"

Und SPORT1-Experte Peter Neururer fragte: "Was macht das für einen Sinn? Schalke will zurück in die Champions League, das muss das Ziel sein. Aber einen direkten Konkurrenten stark zu machen, indem ich Draxler dorthin verkaufe?"

Auch wenn Draxler am Dienstag versuchte, seine Beweggründe bei der offiziellen Vorstellung in Wolfsburg zu erklären - verstehen werden diesen Schritt rund um Gelsenkirchen nur die wenigsten, nachdem vor zwei Jahren noch die Kleinlaster mit einem überdimensionalen Draxler durchs Ruhrgebiet fuhren.

Dort, wo das Fußball-Herz schlägt. Dort, wo sich die Liebe zum Verein, die Identität zum Klub noch ein bisschen mehr über Eigengewächse wie Julian Draxler definiert.

Er war für einen Klub wie S04, wo der besungene Mythos vom Schalker Markt noch etwas zählt, ja eigentlich Gold wert. In erster Linie auf der so wichtigen Gefühlsebene, natürlich aber auch sportlich.

Den nächsten Schritt machen

Warum also der Wechsel?

"Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, aber Veränderungen gehören im Leben dazu und ich glaube, es war jetzt der Zeitpunkt, etwas zu verändern", begründete Draxler seine Entscheidung. Er sei mit seiner eigenen Entwicklung in den letzten zwei Jahren nicht zufrieden gewesen und sprach vom berühmten nächsten Schritt.

Der blieb ihm zuletzt auf Schalke verwehrt. Zwei Jahre lang wurde er an seiner festgeschriebenen Ablösesumme von 45,5 Millionen gemessen. Gerecht ist er ihr in dieser Zeit nie geworden. Durch Verletzungen, eigene Unzulänglichkeiten, aber auch zu defensiv ausgerichtete Spielsysteme und eine Position auf der linken Außenbahn, die ihm deutlich weniger liegt als zentral hinter den Spitzen, wie er immer wieder betonte, sich letztendlich aber fügte.

Trotzdem gab es auch immer wieder Gerüchte, Flirts mit anderen Klubs. Ob es der FC Arsenal war oder zuletzt Juventus Turin - ein Abflug zu einem europäischen Spitzenklub wäre wohl nachvollziehbar gewesen.

Aber ein Wechsel innerhalb Deutschlands, und dann noch zum VfL Wolfsburg? Absurd, so scheint es. Schließlich verliert man nicht nur ein gutes Stück eigener Identität, sondern stärkt auch noch einen direkten Konkurrenten. Denn dass ein fitter und formstarker Draxler das ist, bezweifelt niemand.

Wechselabsicht frühzeitig angekündigt

Doch was soll Schalke mit einem Spieler, der mit dem Kopf nicht mehr wirklich bei der Sache ist? Der bereits vor Monaten seine Wechselabsicht ankündigte und dies zuletzt nochmals betonte? Und das trotz eines neuen Trainers, eines Stimmungsaufschwungs während der Sommerpause, einer fast schon beängstigenden Ruhe rund um den Klub.

Doch Draxler wollte weg. Er glaubte wohl nicht an das neue Schalke, setzt lieber auf die Wolfsburger Abgeschiedenheit, weg von der Schalker Aufgeregtheit, die ihn möglicherweise auch hemmte.

Und wenn ein Spieler weg will, zählen auch keine bestehenden Verträge mehr. Lebenslange Vereinstreue ist sowieso nur noch ein Mythos.

Schalker Schuldenabbau

Daneben darf man auch die finanzielle Lage auf Schalke nicht vergessen. Verbindlichkeiten in Millionenhöhe, hinzu kamen in diesem Sommer millionenschwere Einkäufe wie Johannes Geis oder Franco Di Santo.

Und all das in einer Saison ohne die wichtigen Einnahmen aus der Champions League. Zu Heldts Aufgaben gehört neben dem Aufbau einer schlagkräftigen Mannschaft auch der Abbau der Schulden. Ohne Frage ein schmaler Grat.   

"Jule ist von null Euro gekommen, wir haben ihn ausgebildet und jetzt für 40 Millionen verkauft", betont Heldt: "Wir haben den teuersten Transfer der Vereinsgeschichte realisiert."

Auch, weil es da noch die Vereinbarung zwischen Heldt und Draxler gab. Signalisiert ein Klub ein seriöses Interesse, setzt man sich damit auseinander. Juve hatte dieses seriöse Interesse nicht, Wolfsburg schon. Wenn auch sehr kurzfristig.

Heldt hat sich dabei aber verkalkuliert. Er hat offenbar nicht damit gerechnet, dass sich Draxler tatsächlich noch für einen Wechsel nach Niedersachsen entscheiden könnte. Die Fans reagieren natürlich mit Unmut auf den Wechsel. Im Fokus der Kritik steht neben dem "armseligen Söldner" Draxler auch Horst Heldt.

Unter Druck gesetzt

Denn der hat sich mit dem Transfer, Rekordeinnahme hin oder her, selbst wieder unter Druck gesetzt. Und seinen Coach Breitenreiter, der fest mit Draxler geplant hatte, gleich mit.  "Wir müssen versuchen, das Bestmögliche daraus zu machen", macht der Trainer gute Miene zum bösen Spiel.

Denn eine halbwegs gleichwertige Alternative haben sie auf Schalke auf die Schnelle nicht mehr gefunden. Der Abgang wird nun wohl oder übel intern aufgefangen. Leroy Sane, Max Meyer oder auch Eric Maxim Choupo-Moting können die Lücke auf der linken Außenbahn füllen.

Ob sie Draxler ersetzen können, bleibt abzuwarten. Klar ist auch: Läuft es in den kommenden Wochen nicht, wird Heldt dieser Transfer unter die Nase gerieben.

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