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SPORT1-Kolumnist Fredi Bobic (l.) wurde 1996 mit Deutschland Europameister © SPORT1 Grafik: Getty Images

Fredi Bobic analysiert in seiner SPORT1-Kolumne kritisch den Rücktritt von Gladbachs Trainer Lucien Favre. Er verweist aber auch auf Favres Verdienste für den Klub.

Wenn man die ersten Kommentare zum Rücktritt Lucien Favres bei Borussia Mönchengladbach liest, scheint allseits ein fader Beigeschmack beigemischt.

Unverständnis kommt zum Ausdruck, teils heftige Kritik an der Vorgehensweise des Fußball-Lehrers (Reaktionen auf Favres Rücktritt). Ich kann das teils verstehen, möchte doch aber auch einen anderen Blickwinkel auf das Thema richten.

Favre, das weiß die Szene, ist kein Trainer von der Stange. Er ist ein außergewöhnlicher Mensch, man kann auch sagen, etwas eigen.

Er ist keiner, der seinen Gesprächspartnern nach dem Mund redet,  egal, ob Funktionären, Spielern oder Medienvertretern. In Interviews etwa gibt er selten eine klare Antwort auf die Frage, wirkt somit bisweilen etwas besserwisserisch. Spieler, so hört man, nörgelten schon länger an seiner unnahbaren Art. Favre ist Taktiker und Analytiker. Dafür wird er anerkannt. Ein Menschenfänger ist er sicher nicht.

Er hat eine Entscheidung getroffen und diese gnadenlos durchgezogen. Er hat den Verein und seine Handlungspersonen vehement vor den Kopf gestoßen und die sportliche Führung um Manager Max Eberl und Vorstandsmitglied Rainer Bonhof gnadenlos im Stich gelassen.

Das kann man egoistisch nennen. Da mag Kritik berechtigt sein, insbesondere angesichts des Zeitpunktes: die englische Woche mit den Spielen gegen zwei andere Kellerkinder (Augsburg und Stuttgart) braucht eigentlich keine Unruhe.

Andererseits: Ein kurzfristiger Nachfolger, der wohl der bisherige Co Frank Geideck sein wird, hat es in der aktuellen Lage sogar relativ einfach. Er muss die Truppe nur bei Laune halten. Eine Laune, die manch einem zuletzt vergangen war. Unterstützung wird er sicherlich von Trainer-Urgestein Hans Meyer erhalten, der dem Verein als Präsidiumsmitglied eh nah steht und Abstiegskampf kennt wie kaum ein anderer.

Bei aller Kritik an Art und Zeitpunkt des Rücktritts dürfen aber die positiven Aspekte der Arbeit von Lucien Favre nicht in Vergessenheit geraten: Er übernahm den Verein 2011 in einer fast ausweglosen Lage und entwickelte im engen Schulterschluss mit Max Eberl einen Champions League Teilnehmer.

Der Klub verdiente in den letzten Jahren eine Menge Geld und ist kerngesund. Nun hat der Schweizer mit seinem Schritt auch auf viel Geld verzichtet. Immerhin war sein Vertrag bis Juni 2017 datiert. Auch dies ist in der Branche eigentlich unüblich.

Fredi Bobic gewann 1996 den EM-Titel mit der Nationalmannschaft, nachdem er in der Saison 1995/96 Bundesliga-Torschützenkönig geworden war. 1997 holte er mit dem VfB Stuttgart als Teil des "Magischen Dreiecks" den DFB-Pokal. 2006 wurde er  zum Abschluss seiner Spielerkarriere mit NK Rijeka kroatischer Pokalsieger. Internationale Erfahrung sammelte er auch als Spieler in England bei den Bolton Wanderers und als Geschäftsführer Sport und Marketing beim bulgarischen Klub Tschernomoretz Burgas. Von 2010 bis 2014 war der 43-Jährige beim VfB Stuttgart zunächst als Sportdirektor und ab 2013 als Vorstand Sport tätig. Darüber hinaus war Fredi Bobic bereits als Experte für SPORT1 bzw. das damalige DSF und den früheren Bundesliga-Sender LIGA total! aktiv.

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