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Frankfurt am Main - Augerechnet ein ewiger Problemfall und ein vermeintlicher Fehleinkauf bewahren Frankfurt in der Relegation vor dem Abstieg. Die Familie von Trainer Niko Kovac muss leiden.

Selbst für Heribert Bruchhagen gab es kein Halten mehr und der Eintracht-Vorstandboss stürmte zusammen mit Spielern und Betreuern den Nürnberger Rasen.

Ein wahrhaft historischer Moment nach dem Sieg von Eintracht Frankfurt im Rückspiel der Relegation beim 1. FC Nürnberg.

Erst zum zweiten Mal in seiner Eintracht-Zeit lief der pragmatische Funktionär voller Euphorie aufs Spielfeld - zuletzt 2006 in einem Europapokalspiel bei Bröndby Kopenhagen in der Ära Friedhelm Funkel.

Wie Ironie der Geschichte mutet es an, dass im Mai 2016 ein Zusammenspiel des schon als Fehleinkauf abgestempelten Talents Mijat Gacinovic und des als Unruhestifter geltenden Stürmers Haris Seferovic den scheidenden Bruchhagen zum Abschluss seiner 13-jährigen Amtszeit ausflippen ließen.

Seferovic: "Es gibt einen Gott"

Die Vorarbeit des 21-jährigen Gacinovic vollendete der drei Jahre ältere Seferovic in der 66. Minute zum 1:0.

"Uns hat man beschimpft, wir waren abgestiegen, aber wir haben nie aufgehört zu kämpfen", sagte der Matchwinner, der als Sinnbild der Hoffnungs- und Harmlosigkeit, Disziplin- und Perspektivlosigkeit dieses Kaders galt.

Spätestens als ihm Ex-Trainer Armin Veh nach Rückrundenstart einen Egotrip vorwarf und einen Rauswurf androhte, war die Nummer neun der am meisten geächtete Eintracht-Spieler gewesen.

Seine Facebook-Seite musste er vorübergehend wegen wüster Beleidigungen schließen. Seferofic hatte daher Mühe, die richtigen Worte zu finden.

"Es gibt einen Gott und dafür bin ich dankbar. Wir sind weiter erstklassig. Für die Fans, die Stadt und uns alle ist es eine riesen Erleichterung", stammelte der Schweizer EM-Teilnehmer, der weiter als Wechselkandidat gilt. (Der SPORT1-Transferticker)

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Gacinovic unter Veh außen vor

Dass Trainer Niko Kovac an ihm festhielt – und nicht "Fußballgott" Alexander Meier aufstellte – war zuvor erstaunlich. Der in Berlin geborene Kroate, der an dem bosnischstämmigen Seferovic einmal in einem Pressegespräch explizit das "Balkan-Gen" herausstrich - obwohl er sich daran nicht mehr erinnern will - , hat damit alles richtig gemacht.

"Haris ist ein Spieler, der polarisiert. Aber er ist einer, mit dem ich in Anführungszeichen in den Krieg ziehe. Er ist ein Krieger", erklärte Kovac auf SPORT1-Nachfrage.

Irgendwie passend zur siegbringenden Balkan-Connection, dass der junge Serbe Gacinovic die Vorarbeit leistete. (Die Stimmen zum Relegations-Rückspiel)

Den Dribbler hatte Sportdirektor Bruno Hübner vor der Saison gegen interne Widerstände für 1,7 Millionen Euro Ablöse geholt - unter Veh war der junge Mann völlig außen vor.

"Der Junge ist ein Juwel. Der kleine kann den Unterschied ausmachen. Wir werden an ihm noch viel Spaß haben", prophezeite Kovac.

Kovac stellt Familie hinten an

Sicher ist nun, dass der 44 Jahre alte Cheftrainer in Frankfurt bleibt. "Eintracht ist ein großer Klub, der mehr verdient als die Relegation. Wir müssen sicherlich einiges im Kader verändern, damit so etwas nicht wieder passiert", sagte Kovac.

Aus der "Mission impossible" eine "Mission possible zu machen, sei ein Kraftakt gewesen, bei dem private Dinge bei ihm völlig in den Hintergrund getreten seien: "77 Tage Arbeit, davon nur sieben Tage bei der Familie. Aber mit den zwei Spielen haben wir die ganze Saison vergessen gemacht."

Gleichwohl: Während die Spieler bereits für den Dienstag trainingsfrei bekamen, setzten sich Trainerteam und Führungscrew noch "zwei, drei Tage" (Kovac) zusammen. Sicher ist ja, dass Fredi Bobic den neuen Vorstandsposten Sport bekommt. Die Vorstellung des 44-Jährigen, aus Berliner Zeiten mit Kovac bestens bekannt, könnte schon am Mittwoch erfolgen.

Bruchhagen wünscht sich für die Zukunft  "ein Schuss mehr Bescheidenheit". Ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl an Vorstandskollege Axel Hellmann und Aufsichtsratsboss Wolfgang Steubing, die gerne mal in größeren Dimensionen denken – und die Eintracht eher als Anwärter für den Europapokal denn als Abstiegskandidat vor dieser Saison verortet hatten. Ein gewaltiger Trugschluss.

Deshalb wertete Hellmann das Happy End in der Relegation als "ein Geschenk des Himmels."

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