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Werder steht nach drei Spieltagen noch immer ohne Punkte da © dpa Picture-Alliance

Bremen und München - Die Ära Viktor Skripnik bei Werder Bremen ist nach zwei Jahren Geschichte, Sportchef Frank Baumann bekommt erste Schrammen. Der Klub muss seinen Kurs hinterfragen.

Wenigstens Alexander Nouri hatte an diesem vermaledeiten Wochenende für den SV Werder Grund zur Freude. Dem Trainer der Bremer U23 gelang in der Dritten Liga am Samstag ein 2:1 gegen die Reserve des FSV Mainz, gleichzeitig der dritte Sieg in vier Spielen. Eine solche Serie soll der vorläufige Nachfolger des entlassenen Cheftrainers Viktor Skripnik jetzt auch mit den Profis in der Bundesliga hinlegen.

Nouri und sein Co-Trainer Florian Bruns bekommen zwei Heimspiele binnen vier Tagen, um im Oberhaus Boden gut zu machen: am Mittwoch gegen Mainz und am Samstag gegen Wolfsburg. Was sich der Interimscoach nach seiner Beförderung konkret vorstellt, wird er am Montag bei seiner ersten Pressekonferenz verraten.

Frank Baumann hat Schrammen abbekommen

Zu verlieren hat der ehrgeizige Fußballlehrer, der von den Talenten für seine klaren Ansprachen und sein authentisches Auftreten oft gelobt wird, nicht viel. Im Gegenteil: Der 37-Jährige kann nur gewinnen. Dafür aber hat das Gesamtgebilde Werder Bremen Schaden genommen.

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Vor allem Geschäftsführer Baumann hat einige Schrammen abbekommen. Der 40-Jährige hat schließlich eine bemerkenswerte Rolle rückwärts hingelegt, indem er nach dem Auswärtsdebakel zum Bundesliga-Auftakt in München zunächst behauptet hatte, Skripnik könne auch acht Spiele erfolglos bleiben, um nun nach der Abreibung in Mönchengladbach gleich das gesamte Trainerteam quasi noch im Mannschaftsbus zu beurlauben. Das kostet Glaubwürdigkeit.

Nicht gut steht auch Aufsichtsratschef Marco Bode da, der wichtige Personalentscheidungen entweder absegnete oder sogar einfädelte, was ihm als oberstem Kontrollherr eigentlich nicht zusteht. Die Trennung von Thomas Eichin, der beharrlich den Konsolidierungskurs durchdrückte und dafür viele unangenehme Entscheidungen fällen musste, wäre im Rückblick nur verständlich, wenn gleichzeitig dessen wichtigster Zuarbeiter Rouven Schröder geblieben wäre.

Doch den bestens vernetzten Sportdirektor ließen die Werder-Bosse im Frühjahr nach Mainz ziehen. Eichin wurde wiederum nach Saisonende entlassen, weil der sich von Skripnik trennen wollte.

Werder-Vergangenheit als Qualitätskriterium?

Der heutige Sportdirektor von 1860 München hatte mitbekommen, dass der Trainer wichtige Teile der Mannschaft nicht mehr auf seiner Seite hatte. Er wusste, dass sich ein Kraftakt zum Klassenerhalt mit Hilfe der Unterstützung des Mentaltrainers Andreas Marlovits und einer bemerkenswerten Faninitiative nicht auf Knopfdruck wiederholen ließe.

Werder hat unnötigerweise damit zwei wichtige externe Fachkräfte im sportlichen Bereich verloren, die einen unverstellten Blick auf die komplizierte Gemengelage an der Weser hatten. Eigentlich hatte Vorstandschef Klaus Filbry, der öffentlich so gut wie gar nicht in Erscheinung tritt, auf der Jahreshauptversammlung 2014 herausgestellt, der Verein benötige "Impulse von innen und außen".

Zuletzt aber wirkte es wieder so, als sei eine grün-weiße Vergangenheit wichtigstes Qualitätskriterium. Wenn der Klub weiterkommen will, muss konstruktive Kritik erlaubt sein – auch innerhalb der Werder-Familie.

Zweifel an Neuzugängen mehren sich

Baumann, der sich selbst eine Auszeit verordnet hatte, wurde von Bode allerdings fast handstreichartig mit dem wichtigen Posten des Geschäftsführers Sport betraut. Der Ehrenspielführer genießt intern wegen seiner ruhigen, sachlichen Art hohes Ansehen, aber er profitierte in seiner ersten Transferperiode davon, dass ihm die Verkäufe von Anthony Ujah und Jannik Vestergaard fast 25 Millionen Euro Ablöse in die Kassen spülten.

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Ist das Geld von ihm für neue Spieler gut angelegt worden? Die Zweifel mehren sich. Königseinkauf Max Kruse war von Ablöse und Gehalt sehr teuer, verletzte sich gleich im ersten Pflichtspiel und fehlt nun die gesamte Hinrunde. Erste Eindrücke beispielsweise der drei neuen Innenverteidiger Fallou Diagne, Lamine Sane und Niklas Moisander lassen sogar teilweise Zweifel an deren Bundesliga-Tauglichkeit zu.

Dazu kam der immerhin mehr als drei Millionen Euro teure Österreicher Florian Kainz fast noch gar nicht zum Zuge. Und auch der noch von Schröder und Eichin verantwortete Neuzugang Thanos Petsos wurde bisher links liegen gelassen - obwohl er eigentlich die Problemposition im zentralen defensiven Mittelfeld bekleidet.

Viel Arbeit also für Nouri, der einen von Verletzungen und Formschwächen geplagten Profikader vorfindet, dem weder eine taktische Grundordnung, eine klare Hierarchie noch eine echte Spielidee vermittelt worden ist.

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