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München - Giovanni Trapattoni spricht bei SPORT1 über seine Karriere, den FC Bayern und Carlo Ancelotti. Außerdem verrät er Strunz' Rolle in seiner berühmten Wutrede.

"Ich habe noch nicht fertig" - so lautet der Titel des im Delius Klasing-Verlag erschienenen Buches von Giovanni Trapattoni. Der 77-Jährige ist in der Fußballszene längst Kult. Mit einer Pressekonferenz ging der Italiener in die Geschichte ein.

Im SPORT1-Interview spricht Trapattoni über den FC Bayern, Carlo Ancelotti, die berühmte Wutrede - und seine Zukunftspläne.

SPORT1: Herr Trapattoni, wie blicken Sie auf Ihre Karriere zurück?

Giovanni Trapattoni: Es gibt immer positive und negative Momente. Ich hatte in meiner Karriere viel Glück und hatte mehr gute als schlechte Augenblicke. Ich bin wirklich froh, wie alles gekommen ist. Ich hatte viele schöne Siege als Spieler, konnte aber auch große Erfolge als Trainer erzielen.

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SPORT1: Sie hatten immer eine große Verbundenheit zu Deutschland. Warum eigentlich?

Trapattoni: Die Geschichte mit meiner Verbundenheit zu Deutschland begann, als ich drei Jahre alt war. In dem Ort, in dem ich damals wohnte, tauchten deutsche Soldaten auf und sie empfingen mich als blonden Jungen sehr freundlich. Einer von ihnen hat mich sogar zu sich gerufen und gab mir Süßigkeiten. Unsere Familie war damals sehr arm und ich habe mich darüber natürlich gefreut. Das hat dazu beigetragen, dass ich diese Begeisterung für Deutschland entwickelt habe.

SPORT1: Wie sehen Sie heute den FC Bayern? Wird es langweilig in der Bundesliga?

Trapattoni: Das würde ich so nicht sagen. Ich verfolge die Spiele in Deutschland immer noch mit großem Interesse, vor allem die des FC Bayern. Natürlich sehe ich auch, dass der Abstand von den Münchnern zu den anderen Vereinen Jahr für Jahr größer wird. In Borussia Dortmund gibt es in der aktuellen Saison aber nur einen Konkurrenten, alle anderen sind chancenlos. Man muss aber abwarten, denn so eine Meisterschaft dauert lang. Hinzu kommen auch die internationalen Spiele. Von Langeweile würde ich daher nicht sprechen.

SPORT1: Sie waren der erste italienische Trainer beim FC Bayern. Jetzt ist Ihr Landsmann Carlo Ancelotti in Ihre Fußstapfen getreten. Sie schätzen sich gegenseitig sehr. Was kann Ancelotti mit dieser Mannschaft erreichen?

SPORT1-Reporter Reinhard Franke (r.) traf Giovanni Trapattoni bei der Vorstellung seiner Autobiografie "Ich habe noch nicht fertig" © SPORT1

Trapattoni: Die aktuelle Bayern-Mannschaft ist sehr stark. Aber Ancelotti braucht etwas mehr Zeit, um in die Spieler rein zu hören und jeden Einzelnen und dessen Position besser verstehen und interpretieren zu können. Ancelotti hat viel gewonnen in Europa, aber alles sofort zu erreichen, ist etwas schwierig. Wenn er aber versteht, wie alles funktioniert im Verein, wie sein neues Team tickt und wie er die gewünschten Ziele realisieren kann, dann kann er in München sehr viel erreichen. Er kann sogar eine neue Ära prägen. Und dann wird der FC Bayern sowohl in der Bundesliga, als auch in der Champions League sehr viel Freude an Ancelotti haben.

SPORT1: Wie sehen Sie Carlo Ancelotti?

Trapattoni: Ich kenne Carlo sehr gut und er weiß ganz genau, was dem FC Bayern gut tut. Ich wünsche ihm nur das Beste. Carlo war ein sehr erfolgreicher Spieler und ist heute ein sehr guter Trainer. Er ist in der Lage, eine Mannschaft bestens zu trainieren, sowohl unter psychologischen als auch unter physischen Aspekten. Ich wünsche ihm das Triple, aber das wird alles andere als leicht. Ich kann nur sagen: Carlo, mach weiter so.

SPORT1: Als Trainer von Inter Mailand holten Sie Andreas Brehme zu sich, der Jahre später beim VfB Stuttgart Ihr Co-Trainer war. Er ist in den vergangenen Jahren völlig abgetaucht. Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Trapattoni: Leider nicht. Ich habe seit zwei, drei Jahren nichts mehr von Andi gehört. Das ist sehr schade. Ich hatte immer sehr engen Kontakt zu ihm und seiner Frau. Er war einer der wichtigsten Spieler überhaupt. Er war ein wunderbarer Angriffsspieler und ich habe in meiner Karriere keinen Spieler kennengelernt, der mit beiden Füßen gleich gut schießen konnte. Leider hatte ich in den vergangenen Jahren keine Gelegenheit, mit Andi in Kontakt zu treten.

SPORT1: Der 10. März 1998 war ein entscheidender Tag in Ihrer Karriere. Durch Ihre Wutrede wurden Sie beim FC Bayern zu einer Legende. Sind Sie heute stolz oder genervt, darauf angesprochen zu werden?

Trapattoni: Hinter der deutschen und italienischen Sprache stecken unterschiedliche Ideologien, was leider auch zu unterschiedlichen Ergebnissen führt. Beim FC Bayern zählen nur Siege, aber um meine Ideen und meinen Trainingsstil durchzusetzen, brauchte ich natürlich Zeit. Ich hatte aber sprachliche Probleme und die Spieler mussten sich an meine Trainingsarbeit gewöhnen. Es gab heftige Kritik. Diese Wutrede war sehr unglücklich, weil der Spieler, um den es hauptsächlich ging, einen Nachnahmen hat, der in Italien eine merkwürdige Bedeutung hat ("Stronzo" bedeutet Depp, Anm. d. Red.).

SPORT1: Was war denn mit Strunz?

Trapattoni: Er hat mit einem geschwollenen Knöchel gespielt und wir haben das Spiel verloren. Die deutsche Presse hat ihn verteidigt, ich habe ihn nach 25 Minuten aus dem Spiel genommen. Er sagte hinterher, dass er nicht wisse, warum er vom Platz musste. Die Journalisten kamen dann zu Strunz mit der Frage: "Warum wurden sie ausgewechselt?" Strunz sagte nur: "Es war alles nicht meine Schuld, ich kann nichts dafür." Meine Reaktion auf der Pressekonferenz war: "Was will Thomas, was will dieser Strunz?"

SPORT1: Und was wollte er?

Trapattoni: Ich glaube der Presse kam es ganz gelegen, dass ich mich so äußerte. Thomas war im Grunde unschuldig und deshalb verlief alles so unglücklich. Nach der Pressekonferenz bin ich nach Italien zurückgekehrt, weil ich nicht hätte bleiben können. Es war eine Entscheidung, die ich auch zum Wohle der Spieler getroffen habe.

SPORT1: In Deutschland trägt Ihr Buch den Titel "Ich habe noch nicht fertig". Welches Angebot würden Sie als Trainer gerne noch mal annehmen?

Trapattoni: Ich bin immer noch so selbstbewusst zu sagen, dass ich noch genug Sportsgeist und einen innovativen Prozess in mir spüre. Ich habe so viele Erfahrungen gesammelt auf meinen Stationen. Ich bin noch etwas wert. Ich hatte die Möglichkeit, in Afrika zu arbeiten, aber dort war die politische und religiöse Situation sehr gefährlich. Meine Frau sagte zu mir, wenn ich das gemacht hätte, hätte ich nicht mehr nach Hause kommen brauchen (lacht). Also bin ich nicht gegangen. Zuletzt meinte sie, dass ich eigentlich zu alt bin für ein Abenteuer. Doch alt ist der, der keine Anreize mehr hat und sich keine Ziele mehr setzt. Ich habe noch Ziele. Eins kann ich bestimmt ausschließen, nämlich, dass ich noch mal in der Bundesliga arbeiten werde.

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