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Leverkusen - Schlechter Verlierer oder Kalkül? Thomas Tuchels Ausbruch nach der Pleite in Leverkusen ist ein Rückfall in alte Muster - ruft aber auch Verständnis hervor.

Thomas Tuchel hatte da etwas vorbereitet. Verblüffte. Und erinnerte damit an längst vergessene Zeiten.

Borussia Dortmunds Trainer kramte nach dem 0:2 bei Bayer Leverkusen einen Zettel heraus, schaute kurz und ratterte schließlich ein paar Statistiken herunter. "20 Fouls von Mainz gegen uns, 27 von Freiburg, heute 21. Da liegen schon ein paar Gründe, was man uns entgegenstellt", sagte Tuchel.

Eine etwas seltsame Art der Analyse, mit der Tuchel nicht überall gut ankam. Wie mit seinem ganzen Verhalten nach der Pleite: dem Interview nach dem Spiel, dem Zoff mit Bayer-Coach Roger Schmidt auf der Pressekonferenz.

"Beleidigte Leberwurst", "schlechter Verlierer", so war die überwiegende Meinung nach Tuchels Wettern gegen das angeblich überharte und unfaire Einsteigen der Leverkusener. Oder auch die etwas kindisch wirkende Diskussion, welche Mannschaft denn nun dominanter war. Was Tuchel damit bezwecken wollte: Nicht jeder verstand es.

Tuchel verfällt in alte Muster

Auch wenn etwa die Foul-Statistiken Tuchel in der Tat Recht geben, wirkte die Aufzählung in dem Moment unsouverän. Nach den Siegen gegen Mainz und Freiburg hatte sich der BVB-Coach darüber jedenfalls nicht so vehement beschwert.

Tuchel wirkte im Moment der Niederlage so dünnhäutig, wie es ihm zu Mainzer Zeiten oft vorgeworfen wurde. "Wir kennen alle Thomas Tuchel. Er kann nicht gut verlieren", sagte sein ehemaliger Mainzer Schützling Stefan Bell am Sonntag der Bild, angesprochen auf den Hinweis zur Mainzer Foul-Quote.

In seinem ersten Dortmunder Jahr war davon wenig bis gar nichts zu sehen. Hin und wieder kam das bei ihm sehr ausgeprägt wirkende Unrechtsbewusstsein durch, doch Tuchel hatte sich sichtlich verändert.

Seine Kritiker hatten ihm zu Mainzer Zeiten wahlweise Unfreundlichkeit, Besserwisserei oder Arroganz vorgeworfen - ein Vorwurf, den übrigens auch Kollege Schmidt gut kennt. Nach seinem Jahr Auszeit hatte Tuchel sich in Dortmund wesentlich aufgeräumter, entspannter gezeigt, hatte offenbar an sich gearbeitet.

Was bezweckt Tuchel?

Nun also der Rückfall, als er unüberhörbare Spitzen gegen Schmidt verteilte und ihm beim Gang vom Podium zum Abschied recht jovial auf die Schulter klopfte, nachdem er mit einer beeindruckenden Präzision einige Nebenkriegsschauplätze eröffnet hatte.

Ist Tuchel tatsächlich ein schlechter Verlierer? Kann er schlecht damit umgehen, wenn ihm und seiner Mannschaft taktisch der Schneid abgekauft wird? Oder steckt etwas anderes dahinter?

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"Es ist im Prinzip ein kluger Zug. Er hat schon daran gedacht, dass es vielleicht in den nächsten Spielen auch sein könnte, dass der ein oder andere dann sensibilisiert ist. Dass man dann nicht mehr so viele Fouls macht gegen seine Mannschaft“, sagte SPORT1-Experte Armin Veh im Volkswagen Doppelpass.

Tuchels Trainerkollege Markus Kauczinski vom FC Ingolstadt kann - obwohl inhaltlich nicht ganz auf Tuchels Linie - die Reaktion des BVB-Coaches nachvollziehen. "Ich verstehe, dass er seine Mannschaft schützen will", sagte er im Doppelpass - und setzte sich dafür ein, dass Emotionen auch ausgelebt werden sollen.

Schließlich will niemand den ewigen Kuschelkurs, die ständige einhellige Meinung, wodurch Pressekonferenzen per se oft eine langweilige Veranstaltung sind. "Das schwelte wohl schon länger, deshalb musste das wohl mal raus. Ich finde es gut, dass es ausgelebt wird", sagte Kauczinski.

Schmelzer sieht es zwiespältig

Der Kapitän stimmte seinem Trainer zu - und widersprach ihm auch. Marcel Schmelzer hatte das Leverkusener Einsteigen auch als "extrem" empfunden, sagte aber dennoch: "Wir müssen uns als Mannschaft darauf einstellen. Nur weil ein Gegner aggressiv verteidigt, bedeutet das nicht, dass wir unser Spiel einstellen."

Denn das hatte der BVB über weite Strecken getan. Das Leverkusener Kalkül ging also auf, wobei die Grenze zwischen aggressiv und unfair sicher fließend ist. Bayer hatte diese Grenze indes nicht wirklich überschritten.

Vielleicht wollte sich Tuchel aber auch nur vor seine Mannschaft stellen und von der schlechten Leistung seines Teams ablenken. Hatte er das tatsächlich vor, ist ihm das definitiv gelungen.

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