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Toni Polster
Toni Polster wurde beim 1. FC Köln zum Publikumsliebling und spielte später auch für Gladbach © SPORT1-Grafik: Getty Images/Imago

München - Toni Polster erinnert sich vor Gladbach gegen Köln an seine besten Derby-Momente. Der 52-Jährige spricht über Kölns Erfolgsstory und sieht den Druck bei den Fohlen.

Es gab nur wenige Fans des 1. FC Köln, die nicht fassungslos zusammenzuckten, als 1998 der Wechsel von Toni Polster von den Geißböcken zu Borussia Mönchengladbach verkündet wurde.

Von 1993 bis 1998 erzielte Polster 79 Tore in 150 Spielen für den FC und war dort Publikumsliebling. Von 1998 bis 2000 spielte er für die Fohlen. Klar, dass das Derby für ihn immer noch etwas ganz Besonderes ist.

Vor dem Duell seiner beiden Ex-Klubs spricht Polster im SPORT1-Interview.

SPORT1: Herr Polster, wie viel Bauchkribbeln haben Sie im Vorfeld zum Derby zwischen der Borussia und dem FC?

Toni Polster: Bauchkribbeln jetzt nicht direkt, aber das ist natürlich ein besonderes Spiel. Ich denke sehr gerne an die vielen interessanten Derbys zurück, egal, ob im Köln-Trikot oder im Gladbach-Trikot. Das waren immer tolle Spiele mit vielen Zuschauern, fantastischen Spielern und einem großen Medien-Interesse. Ich habe nur gute Erinnerungen an diese Zeit.

SPORT1: Gibt es eine besondere Erinnerung?

Polster: Wir haben mit dem FC in der Saison 1995/96 in Müngersdorf 4:0 gewonnen. Da habe ich in der 87. Minute noch ein Tor geschossen. In der Spielzeit 1997/98 haben wir zu Hause gegen Gladbach 3:2 gewonnen, da habe ich in der 84. Minute so einen ungelenkigen Fallrückzieher ins Tor gebracht, da sagten hinterher alle: "Das war eine orthopädische Meisterleistung." (lacht)

SPORT1: Welcher der beiden Vereine liegt Ihnen denn mehr am Herzen?

Polster: Das ist verdammt schwer zu beantworten. Die Wahrheit ist, dass ich unglaublich stolz bin, bei diesen beiden Klubs gespielt zu haben. Das werden viele Fans nicht nachvollziehen können, aber es ist so. Ich bin diesen zwei Klubs immer noch sehr verbunden. Es wäre einfach ungerecht, wenn ich mich da jetzt für einen der beiden entscheiden würde. Fakt ist, dass ich in Köln lieber Fußball gespielt habe. Aber Borussia hat mir die Chance gegeben, nach der Karriere im Fußball zu bleiben und in jeden Teilbereich des Fußballs reinzuschnuppern. Ich habe hinter den Kulissen so viel gelernt, dass ich auch den anderen Teil abseits des Rasens verstehen konnte. Ich durfte in Gladbach eine Ausbildung genießen, die vorher noch nie jemand so erleben durfte.

SPORT1: In den vergangenen Jahren ging die Borussia als Favorit in das Spiel, am Samstag (ab 15 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) dürfte es anders sein, oder?

Polster: Grundsätzlich gibt es in einem Derby fast nie einen Favoriten. Die Borussia tut sich im Moment mit dem Toreschießen schwer, der FC kriegt wenig Tore, steht sehr kompakt und hat sich insgesamt sehr gut entwickelt. Beide Vereine haben einen Riesenschritt nach vorne gemacht - in puncto Ruhe im Klub und im Umfeld, aber auch in der Stabilität. Das spiegelt sich nun auch in der Tabelle wider.

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SPORT1: Am Samstag spricht vieles für die Kölner?

Polster: Beide Teams werden versuchen, in der hitzigen Atmosphäre guten Fußball zu spielen - und der eine oder andere wird natürlich den Bock umstoßen wollen. Die Gladbacher brauchen unbedingt wieder ein Erfolgserlebnis. Die Kölner können weiter unbefangen die Punkte wie die Eichhörnchen sammeln, um sich am Ende mal wieder den Traum vom internationalen Geschäft erfüllen zu können. Den größeren Druck sehe ich auf Seiten der Borussia.

SPORT1: Welche Gründe hat die positive Entwicklung in Köln?

Polster: Ein ganz wichtiger Grund, wenn nicht sogar der Wichtigste war, dass man sich 2013 für Peter Stöger als Trainer entschieden hat. Er kann die Gruppe von Spielern mit unterschiedlichsten Charakteren unglaublich gut führen und passt nach Köln wie der Prater nach Wien. (lacht)

SPORT1: Hätten Sie bei seiner Verpflichtung gedacht, dass es so eine Erfolgsstory zwischen ihm und dem FC wird?

Polster: Ganz ehrlich? Nein. Das war damals nicht unbedingt zu erwarten. Ich habe es für ihn gehofft. Wir haben so viele Länderspiele mit ihm absolviert und ich habe mir gewünscht, dass er sich im Ausland durchsetzen wird. Ich habe mich für Peter gefreut, schließlich ist er auch ein tolles Aushängeschild für unser Land. Seine Arbeit zeigt, dass wir in Österreich doch gut sind.

SPORT1: Wäre Peter Stöger nicht ein guter Nationaltrainer von Österreich?

Polster: Vereinstrainer und Nationalcoach sind zwei Paar Schuhe. Zutrauen würde ich es dem Peter aber auf jeden Fall.

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SPORT1: Mit der Aktion "FC trainiert Champions League" haben die Verantwortlichen die hohe Erwartungshaltung aufs Korn genommen, indem die Bosse in Anzügen auf dem Trainingsplatz standen. Zeigt das die neue Lockerheit bei den Geißböcken?

Polster: Absolut. Das war natürlich eine tolle und lustige Idee - und das passt zu Köln. Ich finde es immer schön, wenn man sich selbst nicht so wichtig nimmt. Das habe ich früher auch immer verkörpert. Trotz der harten Arbeit im Training muss am Ende auf dem Spielfeld auch der Spaß eine große Rolle spielen. Warum soll der FC nicht locker drauf sein und das schaffen, was andere Vereine geschafft haben? Wenn das zum Erfolg beiträgt und der Spaß nicht aufgesetzt ist, dann ist das doch super.

SPORT1: Die Borussia hat gute Jahre hinter sich. Wie sehen Sie die Gladbacher?

Polster: Vor einigen Jahren wäre es noch undenkbar gewesen, dass man in der Champions League dabei ist. Ein bisschen fehlt noch, dass man auch in der Königsklasse eine größere Rolle spielt. Man muss abwarten, ob die Entwicklung noch einen Schritt nach vorne geht. Aber aktuell kann man nur den Hut ziehen.

SPORT1: Mit Gladbachs Sportchef Max Eberl haben Sie ein Jahr zusammengespielt. Er hat großen Anteil am Erfolg in den vergangenen Jahren. Was zeichnet ihn aus?

Polster: Ein gutes Gespür für neue Spieler. Durch seine Denke hat es die Borussia verstanden, dass Geld in die Mannschaft gesteckt werden muss und nicht nur gespart werden darf. Man hat es gut gemacht. Der Kader ist groß, mit vielen Nationalspielern - und so kann man dann auch Erfolg haben. Max hat daran einen großen Anteil.

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SPORT1: Aktuell steckt die Borussia aber in der Krise. Seit fünf Spielen gab es keinen Sieg mehr.

Polster: Solche Phasen gibt es in jeder Saison. Es wird auch beim FC nicht immer so rund laufen wie zuletzt. Am Samstag im Derby werden die Karten neu gemischt, da will jeder den Sieg.

SPORT1: Würden Sie gerne noch mal bei einem Ihrer beiden Ex-Klubs arbeiten?

Polster: Es ist mein Ziel, irgendwann in Deutschland zu arbeiten. Und wenn ich als Trainer bei Borussia oder beim FC arbeiten könnte, das wäre natürlich optimal. Aber der Fußball ist kein Wunschkonzert.

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