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München - Hoffenheims Coach Julian Nagelsmann "überrascht" Bayern mit einer wenig überraschenden Ausrichtung und schlägt den FCB mit dessen eigenen Waffen. Die SPORT1-Analyse.

Neun Jahre spielt die TSG Hoffenheim bereits in der Bundesliga.

Doch trotz aller Investitionen gelang noch nie der Sprung in den Europacup - und auch noch nie ein Sieg gegen den FC Bayern (Das Spiel zum Nachlesen im TICKER).

Letzteres hat sich seit Dienstagabend geändert, wodurch der erste Punkt auch bald hinfällig sein dürfte.

Denn durch den umjubelten 1:0-Erfolg über die Bayern ist die Europacup-Teilnahme der Hoffenheimer praktisch sicher, auch die Champions League ist alles andere als unrealistisch. (Spielplan und Ergebnisse).

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Mastermind Nagelsmann

Mastermind hinter dem Höhenflug ist Julian Nagelsmann, der auch am Erfolg über die Münchner entscheidenden Anteil hatte.

"Ich freue mich extrem für den Klub und die Mannschaft", sagte der Coach danach. "Wir haben eine sehr, sehr gute erste Halbzeit gespielt. Da ist Plan gut aufgegangen. Heute bin ich schon ein sehr stolzer Trainer."

Die Highlights der Partie in Bundesliga - Der Spieltag am Donnerstag ab 19 Uhr im TV auf SPORT1.

Aber wie konnte Hoffenheim die zuletzt so bärenstarken Bayern überlisten? Eine SPORT1-Analyse.

- Riskante Defensivstrategie

Wie schon im Hinspiel versuchte es Hoffenheim teilweise mit vielen Mannorientierungen.

Das hat den Vorteil, dass sofort Druck an Gegenspieler und Ball ist und der Gegner entweder nicht risikolos angespielt werden oder in Spielrichtung aufdrehen kann - aber eben auch den Nachteil, dass dadurch der eigene Block im Zentrum je nach Staffelung des Gegners weit auseinandergezogen werden kann.

Gerade bei einem Gegner mit der überragenden individuellen Klasse der Bayern birgt das eine nicht zu vernachlässigende Gefahr. Hoffenheim hat es aber besonders in der ersten Halbzeit perfekt verstanden, diese Manndeckungen doch sauber abzusichern.

Das hohe Anlaufen des Gegners und ein geschicktes Verstellen der Passwege führten zu selten gesehenen Abspielfehlern der Münchener besonders in der Anfangsphase. Hoffenheim hielt die Bayern gut aus dem Zentrum, lenkte immer wieder auf die Flügel und kam dort leichter in die Zweikämpfe.

In der zweiten Halbzeit zog sich Hoffenheim immer weiter zurück und hatte am Ende etwas Glück, dass die Bayern ihre deutliche Überlegenheit nicht wie so oft noch mit einem späten Treffer belohnen konnten.

- Wille, Intensität und Mut

"Ich habe Mut gefordert und habe gesagt, wenn wir mutig sind, wird das auch nicht bestraft. Wir müssen nach der ersten Hälfte sogar höher führen", sagte Nagelsmann nach dem Spiel.

Seine Mannschaft legte einen wahren Kraftakt hin, um gegen die Bayern zu bestehen. Schon in der ersten Halbzeit liefen die Gastgeber fünf Kilometer mehr als der Gegner, am Ende legte Hoffenheim sagenhafte 122,9 Kilometer zurück.

Die Bayern kamen bei etwas mehr als 113 Kilometer. Nur einmal lief Hoffenheim übrigens mehr in dieser Saison: Beim Hinspiel in München (123,2 km).

Nadiem Amiri verkörperte den unbedingten Willen und Einsatzfreude wohl am besten: Der Shootingstar kam auf über zwölf Kilometer und setzte in punkto Intensität die Maßstäbe: 36 Sprints und 98 intensive Läufe sind absolut überragende Werte.

Zum Vergleich: Die besten Bayern waren in diesen Disziplinen Kingsley Coman (33 Sprints) und Arjen Robben (78 intensive Läufe). Amiri vereinte Hoffenheims Bestmarken aber in einer Person.

- Mit den eigenen Waffen...

Nagelsmann hatte es im Vorfeld angekündigt: Wenn man den Bayern weh tun möchte, muss man ihnen den Ball wegnehmen. Und genau das versuchte Hoffenheim, so lange es geht.

Natürlich gab es die Überfall-Konter, gerade nach hohen Ballgewinnen wie vor den Chancen von Kramaric und Amiri.

Aber Hoffenheim traute sich selbst auch lange Ballbesitzphasen zu, hatte so Kontrolle über Ball und Gegner. Auch hier war die erste Halbzeit mit fast 47 Prozent Ballbesitz gegen die Bayern ziemlich außergewöhnlich.

"Wir haben die Hoffenheimer, die ohnehin schon stark sind, mit unseren Ballverlusten und unser Passivität noch stärker gemacht", sagte Mats Hummels. "In der ersten Hälfte waren wir ganz schwach unterwegs."

Hoffenheim kam in der ersten Halbzeit auf elf Torschüsse, Kramaric' Tor war bereits der elfte Treffer der Kraichgauer von außerhalb des Strafraums.

Das ist Ligaspitze und war gegen Sven Ulreich, der naturgemäß kaum Spielpraxis hatte, wohl auch eine Vorgabe des Trainers.

Andrej Kramaric erzielte den einzigen Treffer © iM Football

- Ein lethargischer Gegner

Allerdings wird es auch mit dem besten Konzept gegen eine Bayern-Mannschaft in Topform schwer. Nur zeigten sich die runderneuerten Münchener in Sinsheim alles andere als in guter Verfassung.

"Wir waren etwas überrascht von der Spielweise des Gegners", sagte Trainer Carlo Ancelotti nach dem Spiel - was wiederum selbst etwas überraschend ist: So und nicht anders konnte man Hoffenheim spätestens nach den Eindrücken aus dem Hinspiel schon erwarten.

Die Bayern wirkten müde und schlecht aufeinander abgestimmt. Die sieben Wechsel in der Startelf hatten Spuren hinterlassen, die Doppel-Sechs mit Xabi Alonso und Renato Sanches funktionierte nicht.

Vor allem der junge Portugiese erwies sich als Schwachstelle, lud den Gegner immer wieder durch unkonzentrierte Aktionen zu Gegenstößen ein. 

"Vielleicht war es ja sogar ein gutes Zeichen für uns", meinte Hummels sogar. "Weil wir nun wissen, dass wir mit einer passiven Haltung nur halb so gut sind."

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