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München - Neuer, Draxler, Özil, Sane - Benedikt Höwedes: Schalke verliert wieder einen Sohn - was unangenehme Folgen nicht nur für Coach Domenico Tedesco haben kann.

Nun also auch Benedikt Höwedes. Und auf was für eine Art und Weise.

16 Jahre lang war der Weltmeister-Verteidiger aktiv für den FC Schalke 04, war sein Kapitän, sein Fixstern. Und nun ist auch er weg, bei Juventus Turin.

Ausgerechnet der Mann, der eigentlich wie die große Ausnahme von der Regel erschien, an die sich die Schalker Fans in den vergangenen Jahren gewöhnen mussten.

Viele verlorene Söhne

Eine ganze Elf könnte man ja mittlerweile mit den verlorenen Söhnen füllen, die seit 2008 den Verein verließen: Manuel Neuer, Julian Draxler, Mesut Özil, Leroy Sane. Sie alle wurden auf Schalke ausgebildet, sie alle sind gegangen. Und sie sind nur die prominentesten Fälle.

Die einen wechselten, weil ihre Ambitionen zu groß für den Klub wurden. Die anderen, weil die einst mit 250 Millionen Euro verschuldeten Schalker ein Interesse daran hatten, sie zu Geld zu machen - knapp 150 Millionen Euro nahm Schalke für die abgewanderten Stars ein (20 Millionen weniger, sollte Juve im nächsten Jahr kein Gebrauch von der Kaufoption für Höwedes machen).

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Oft kamen beide Gründe zusammen, unterm Strich aber steht eine für Schalke frustrierende Gesamtsituation: Einerseits hat es in Deutschland kaum ein Verein wie Schalke so gut geschafft, so viele Talente auszubilden und sie Jahr für Jahr in ihre Bundesliga-Mannschaft zu integrieren.

Andererseits hat der Klub kaum eines dieser Talente und (potenziellen) Identifikationsfiguren auf Dauer halten können. Eine Entwicklung, die nun unfreiwillig auf die Spitze getrieben wird durch den Höwedes-Abgang - der noch unangenehme Langzeitfolgen entfalten könnte.

Höwedes-Abschied ist untypisch

Im Vergleich mit den anderen genannten Wechseln ist der von Höwedes ja eigentlich ein untypischer: Höwedes geht nicht als Jungstar, der einen Karriere-Sprung machen möchte, sondern als Altgedienter, der sich bei Schalke eingerichtet hatte - und einen Wechsel ins Ausland eigentlich erst später im Sinn hatte.

Dann allerdings kam der Trainer Domenico Tedesco, setzte ihn als Kapitän ab und machte dem 29-Jährigen nicht nur damit deutlich, dass er kein entscheidender Baustein in seinen Planungen war.

Ein legitimer Schnitt, prinzipiell. Dem jungen Coach und den anderen Schalker Verantwortlichen ist es allerdings nicht gelungen, diesen Schnitt elegant zu moderieren. Stattdessen ging Höwedes im Zorn, sein Abschied bei Facebook wurde - bei allen warmen Worten, die er über Schalke als Klub verlor - im Kern zu einer bitteren Abrechnung mit den Verantwortlichen. Sein Vertrauensverhältnis zum Klub sei "mehrfach auf die Probe gestellt worden", hielt Höwedes fest: "Reisende kann man aufhalten, wenn man will."

Höwedes spielte damit auf Tedescos Äußerung an, dass man Reisende prinzipiell nicht aufhalten solle - was nicht nur Höwedes als zynisch verstand aus dem Munde des Mannes, der diese konkrete Reise veranlasst hatte.

Tedesco ist gebrandmarkt

Tedesco hat sich für die Aussage mittlerweile entschuldigt. Trotzdem hat Höwedes' öffentliche Abrechnung ihn nun dauerhaft gebrandmarkt als menschlich mindestens ungeschickten Mann, der einen respektierten Klubhelden vom Hof gejagt hat.

Während sich die Schalker Führung um Manager Christian Heidel und Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies den Vorwurf gefallen lassen muss, nun ohne Not auch den treuesten der Schalker Söhne verloren zu haben, statt ihn einzubinden für den Neuanfang unter Tedesco.

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Dieser Neuanfang ist nun getrübt, denn auch wenn Tedesco der Meinung ist, dass Höwedes' sportlicher Wert gesunken ist: Einen emotionalen Wert hätte sein Verbleib gehabt - und sein Weggang kann nun unangenehme Signalwirkung entfalten. Zumal es auch ansonsten nicht danach aussieht, als ob im Schalke-Kader personelle Kontinuität einkehrt.

Weitere Abgänge drohen

In diesem Sommer erst schnappte sich der FC Arsenal Linksverteidiger Sead Kolasinac zum Nulltarif, während Joel Matip zum gleichen Preis im Vorjahr zum FC Liverpool ging. Und weitere prominente Abgänge drohen.

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Max Meyer möchte seinen Vertrag bei seinem Jugendverein partout nicht verlängern und wird im nächsten Jahr ablösefrei zu haben sein, auch Leon Goretzka dürfte dann weg sein.

Und Senkrechtstarter Thilo Kehrer - der Mann, dem nun Höwedes' Position zufällt - sträubt sich bisher gegen eine Unterschrift. Er wäre 2019 ablösefrei zu bekommen.

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