Leverkusen - Leverkusen und Hakan Calhanoglu setzen das ersehnte Ausrufezeichen. Der Spielmacher erklärt bei SPORT1 das Erfolgsgeheimnis.

Von Bayer Leverkusen berichtet Andreas Reiners

Am Ende konnte Hakan Calhanoglu sogar über sich selbst lachen.

Der Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen musste immer wieder Stellung beziehen. Erklären, wie das passieren konnte. Und eigentlich gibt es für solch einen Fauxpas keine Ausreden. Auch wenn der Ball kurz vorher versprang. Doch seinen Ausrutscher nahm er mit Humor.

"Nach einer solchen Szene muss ich überlegen, ob ich die Mannschaft nicht mal zum Essen einlade", scherzte Calhanoglu mit breitem Grinsen.

Und versprach: "Nächstes Mal passiert das nicht mehr." 

Chance zur Wiedergutmachung

Ausgerechnet er, der hochbegabte Edeltechniker, hatte beim 3:1 im zweiten Gruppenspiel der Champions League gegen Benfica Lissabon den Ball aus zwei Metern am leeren Tor vorbeigeschossen.

Es wäre das 3:0 gewesen. Die Vorentscheidung. Stattdessen fiel wenig später der Anschlusstreffer für die Portugiesen. Dass Calhanoglu praktisch im Gegenzug die Chance zur Wiedergutmachung bekam, hatte er Stefan Kießling zu verdanken.

Der Ex-Nationalspieler fiel nach einem Tackling im Strafraum und gab anschließend Calhanoglu den Befehl, den (unberechtigten) Elfmeter zu schießen. Und Heung-Min Son gab dem Mittelfeldmann noch ein paar warme Worte mit auf den Weg zum Punkt.

Calhanoglu verwandelte sicher.

Doch so sicher und zielstrebig wie vom Elfmeterpunkt war er in den zurückliegenden Monaten nicht immer gewesen.

Kratzer am Image

Im Sommer hatte er mit seinem Wechsel vom Hamburger SV zu Bayer für Aufsehen gesorgt. Und für Unmut.

Denn er hinterließ einen faden Beigeschmack. Im Saisonendspurt hatte er seinen Vertrag noch bis 2018 verlängert. Nach dem Klassenerhalt mit dem HSV forcierte er seinen Abflug.

Als der Klub auf Vertragserfüllung pochte, ließ er sich zum Trainingsbeginn krankschreiben. Bayer legte für das Mittelfeld-Juwel 14 Millionen Euro auf den Tisch, der finanziell klamme HSV willigte schließlich ein.

Nach dem wochenlangen Hickhack und seiner urplötzlichen Genesung beim Amtsantritt in Leverkusen hatte das Image des 20-Jährigen einige Kratzer abbekommen.

Doch das ist inzwischen vergessen. Zumindest für ihn selbst.

Locker und selbstsicher

"Die Mannschaft hat mich sehr gut aufgenommen, ich fühle mich super wohl hier. Deswegen war es für mich auch einfach, mich hier reinzufinden. Das ist genau das, was ich gewollt und mir erträumt habe. Ich fühle mich locker und selbstsicher und mache deshalb einfach mein Spiel", sagte Calhanoglu im Gespräch mit SPORT1.

So einfach, wie es sich anhört, ist das allerdings nun auch wieder nicht. Das System von Trainer Roger Schmidt fordert hohe Laufintensität, Spielintelligenz, Einsatzbereitschaft und Leidenschaft. Schmidts Erfolgsgeheimnis?

"Trainer hat das super gemacht"

"Er hatte in der Vorbereitung fünf Wochen Zeit. Er hat das super gemacht. Er hat uns das System immer wieder gezeigt, im Training und auch in Videos. Er hat uns super eingestellt und das zeigen wir auch auf dem Platz", erklärte Calhanoglu.

Doch auch das ist alles andere als simpel. Denn für jedes System braucht man die passenden Spieler. Schmidt hat sie. Alle geben Gas, alle ziehen an einem Strang und leben die Philosophie des Trainers auf dem Platz aus.

Dreh- und Angelpunkt

Und in Calhanoglu hat Schmidt einen wichtigen Fixpunkt. Spielmacher. Dreh- und Angelpunkt. Ideengeber. Zuletzt mit einigen Durchhängern und Kunstpausen. Aber immer für den einen magischen Moment gut.

Mal macht der 20-Jährige mit Dribblings oder kurzen Pässen in die Spitze das Spiel schnell. Manchmal wirkt es, als sei er gar nicht wirklich anwesend. Schleicht mit hängenden Schultern über den Platz. Dann explodiert er, schlägt blitzschnelle Haken, sticht mit Auge und Technik in die Räume und schafft so Lücken für seine Nebenmänner.

Ein anderes Mal nimmt er wiederum das Tempo raus oder überbrückt das halbe Spielfeld mit langen, präzisen Bällen in den Fuß.

Das System scheint auf den hoch veranlagten Calhanoglu zugeschnitten. Doch auch der türkische Nationalspieler würde ohne technisch versierte und lauffreudige Mitspieler wie Karim Bellarabi, Son oder Kießling kaum funktionieren.

So klang Kießlings Führungstor bei SPORT1.fm

"Im Moment passt alles"

"Viele von uns lieben den Offensivfußball. Wir haben da sehr viel Qualität. Das System passt, die Mannschaft will es auch spielen. Deswegen passt im Moment alles", so Calhanoglu.

Auch wieder in der Champions League. Gegen Lissabon zeigte Bayer nach der kleinen Ergebniskrise mit nur einem Sieg aus fünf Spielen endlich wieder den gewohnten Powerfußball. Drückte dem Spiel den Stempel auf. Und überrollte den Gegner förmlich mit der geballten Offensivkraft.

Mit nunmehr drei Punkten ist Leverkusen wieder im Geschäft und nur einen Zähler hinter dem AS Monaco und dem kommenden Gegner Zenit St. Petersburg.

Was ist drin für Bayer?

"Wir treten sehr gut auf. Ich hoffe, dass es so weiterläuft, wir sind auf einem guten Weg. Wir dürfen nicht locker lassen und müssen weiter Gas geben."

Und die Chancenverwertung verbessern, die gegen Lissabon mal wieder ein Manko war. Siehe Calhanoglu.

Doch zumindest der hat ja Besserung gelobt.

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