Gelsenkirchen - Schalke geht gegen Chelsea wehrlos unter und blamiert sich. Die Kritik gegen den Manager wächst, der Trainer wirkt immer ratloser.

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Von Andreas Reiners

Horst Heldt war mächtig angeschlagen.

Angefressen. Traurig und enttäuscht. Einfach nur sauer. Der Manager von Schalke 04 brodelte innerlich. Und ließ seinem Frust dann auch freien Lauf.

"Das war eine blamable Leistung, die wir abgeliefert haben. Die Art und Weise ist nicht zu akzeptieren. Wir haben alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Wir haben Angsthasenfußball gespielt", wetterte Heldt nach dem 0:5 der Königsblauen in der Champions League gegen den FC Chelsea (BERICHT: Schalke erlebt Debakel).

Eine Demontage. Blamage. Katastrophe. Ein Debakel. Ein Armutszeugnis. Ein Offenbarungseid. Wenn es denn je eine Aufbruchstimmung unter dem neuen Trainer Roberto Di Matteo gegeben hat - seit Dienstagabend ist sie endgültig dahin.

Blutleer und emotionslos

Zu blutleer, zu emotionslos, mutlos, planlos, hilflos und ohne ein Mindestmaß an Kampfbereitschaft und Leidenschaft haben sich die Schalker mal wieder in ihr Schicksal ergeben.

Hatten weder taktisch noch kämpferisch etwas gegen die Spielfreude der Engländer entgegenzusetzen. Waren zu langsam im Kopf, zu behäbig mit dem Fuß und zu fehlerhaft in den Aktionen.

Das Spiel offenbarte schonungslos, was sich seit Wochen immer mal wieder angedeutet hat, trotz phasenweise passender Resultate: Viel verändert hat sich offenbar nicht in dieser Mannschaft. Ein Team, das einmal mehr kollektiv versagt hat, die nötige Mentalität vermissen ließ. Ein Team, das mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert.

Ein Team, das auch Horst Heldt zusammengestellt hat.

Vor dem Scheideweg

S04 steht nun vor dem Aus in der Champions League. Und damit bereits im Dezember vor den ersten Scherben der noch jungen Saison. Schalke steht am Scheideweg. Genauso wie Heldt auch.

Denn Schalke (5 Punkte) benötigt am letzten Spieltag in Maribor (3) die Schützenhilfe des FC Chelsea (11) gegen Sporting Lissabon (7). "Mit so einer Leistung müssen wir über gar nichts nachdenken", sagte Heldt zu den schwindenden Achtelfinal-Chancen.

Der Druck wächst, wie üblich auf Schalke. Und damit auch der Druck gegen den Manager, der nach der Entlassung von Jens Keller und der überraschenden Verpflichtung von Roberto Di Matteo bereits viel Kritik einstecken musste.

Einen ersten Vorgeschmack gab es für Heldt bereits kurz nach dem Spiel. Jermaine Jones hatte Heldt via Twitter scharf attackiert.

"Ich sage nur: Horst Heldt, wen machst du jetzt verantwortlich? Es ist schlimm, dass jemand einen Klub so ruinieren kann", twitterte Jones, der im Januar 2014 nach sieben Jahren auf Schalke zu Besiktas Istanbul gewechselt war. Wenig später löschte Jones seinen Eintrag.

"Das ist nicht mein Niveau"

"Ich habe das mitbekommen. Aber das ist nicht mein Niveau", sagte Heldt nur. Doch Jones erntete Zustimmung, legte mit seinem Tweet den Finger in eine Wunde. Denn dass sich unter dem neuen Coach nicht viel verändert hat zeigt im Umkehrschluss auch, dass unter Keller längst nicht alles falsch lief.

Di Matteo ist es während seiner nun knapp siebenwöchigen Amtszeit nicht gelungen, in der seltsam wankelmütigen Psyche dieser Mannschaft etwas zu verändern.

Den Hebel entscheidend anzusetzen, Verletzte und fehlende Fitness hin oder her. Die Taktik, gegen Wolfsburg noch erfolgreich, hatte er erneut verändert. Ohne Erfolg: Schalke rannte kopflos ins Verderben.

Di Matteo ist nun niemand, dem man Emotionen auf den ersten Blick ansehen kann. Der 44-Jährige hat eine relativ sparsame Mimik, ob nun nach Siegen, oder auch nach so herben Niederlagen wie gegen Chelsea.

Di Matteo analysierte dann auch beinahe stoisch, ohne eine groß erkennbare Regung, die momentane Situation.

"Wir müssen nach vorne schauen und die Fehler analysieren. Wir haben noch die Chance weiterzukommen. Es ist sicher eine schwierige Arbeit, die wir jetzt machen müssen", sagte er.

Kein böses Wort. Keine in dieser Situation verständliche Abrechnung mit einer Mannschaft, die ihn schmählich im Stich gelassen hatte. Es scheint, als sei auch er schon jetzt ratlos.

Doch wie sieht es in ihm aus? Ist er wütend? Oder zumindest enttäuscht? Di Matteo drückte seine Gefühlswelt diplomatisch aus.

Di Matteo "etwas überrascht"

"Glücklich bin ich nicht. Ich bin etwas überrascht, denn ich hatte das Gefühl, das Selbstvertrauen in der Mannschaft vorhanden ist. Ich hatte auch gedacht, dass wir eine andere Mannschaftsleistung zeigen", sagte der Italo-Schweizer. Eine sehr höfliche Umschreibung.

Dass auch er angeschlagen ist, ließ er zumindest zwischen den Zeilen wissen. Ja, vielleicht sei das tatsächlich seine bisher schlimmste Niederlage gewesen, gab er zu.

So kurz danach sei es ein schlechter Zeitpunkt für eine Analyse: "Wir müssen das morgen analysieren und versuchen, nach vorn zu schauen."

Seine Spieler suchten erst gar nicht nach Ausreden. Entschuldigten sich für das Auftreten. Wenn sie denn überhaupt über dieses Spiel sprechen wollten.

Das Mittelmaß halten

Dennis Aogo versuchte zumindest zu beschwichtigen. "Es ist wichtig, das Mittelmaß zu halten. So wie wir nach Wolfsburg nicht zu euphorisch sein sollten, müssen wir jetzt nicht den Betrieb einstellen."

Der Abwehrmann gab auch zu, dass es "den einen oder anderen Ansatz" gebe, woran dieses ständige Auf und Ab denn liege. "Es ist wichtig, dass wir das unter uns besprechen", sagte er.

Kann die Mannschaft dieses Debakel abschütteln?

Ein wenig Kampfgeist ließ er dann doch noch aufblitzen, wenn auch gute zwei Stunden zu spät: "Wenn eine Mannschaft das schon gewöhnt ist, ist es Schalke 04."

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