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Andrea Pirlo und Gianluigi Buffon sind am Höhepunkt ihrer jeweiligen Karriere © SPORT1/Getty

München - Die Juve-Stars Pirlo und Buffon kehren zum großen Finale nach Berlin zurück. Es ist der Endpunkt einer gewaltigen Reise, Tiefpunkte eingeschlossen.

Im zarten Fußballeralter von 26 Jahren dachte Andrea Pirlo ans Aufhören. Ernsthaft und über Wochen hinweg. Der Sprössling aus einer Weinbauernfamilie hatte den Job zum Geldverdienen eh nicht nötig.

"Mir wurde vom Fußball regelrecht übel", schreibt Pirlo in seiner Autobiographie "Ich denke, also spiele ich", die jetzt auf Deutsch erschienen ist.

Das Champions-League-Finale 2005 hatte dem Italiener die Lust auf den "calcio" genommen, die spektakuläre Pleite gegen den FC Liverpool trotz einer zwischenzeitlichen 3:0-Führung betrachtete der damalige Regisseur des AC Milan als seine eigene. "Ich fühlte mich nicht mehr als Fußballspieler. Meine Leistung war lächerlich gewesen."

Zehn Jahre später spielt Pirlo immer noch Fußball. Mit Raffinesse und Eleganz. Dazu mit Mähne und Vollbart ausgestattet, was ihn sofort qualifizieren würde, im nächsten Woody-Allen-Film die männliche Hauptfigur zu geben.  

Zurück am Finalort

Der Himmel über Berlin brachte Pirlo den Glauben an seine Kunst wieder. Im Elfmeterschießen gegen Frankreich siegte Italien. Pirlo versenkte trotz einer Heidenangst den ersten Elfmeter, tanzte anschließend mit dem WM-Pokal im Berliner Olympiastadion.

An jenem Ort also, an den er jetzt zurückkehrt.

Zum Champions-League-Finale gegen den FC Barcelona (Sa., ab 20.15 Uhr im LIVETICKER und zudem im Finaltalk in unserem Sportradio SPORT1.fm). Und Juventus ist ebenso klar Außenseiter, wie es Liverpool 2005 gegen den AC Milan war. In Turin glauben sie dennoch an den Coup. Auch wegen Pirlo.

Von Kroos nicht zu beherrschen

Ein Pass dieses Fußballgenies oder einer seiner außergewöhnlichen Freistöße könnte das Endspiel entscheiden. An guten Tagen wie im EM-Halbfinale 2012 gegen Deutschland ist er ja nicht einmal in Sonderbewachung - damals von Toni Kroos - zu bremsen.

Im Piemont galt Pirlo lange als großer Schweiger und Mysterium. Seine Autobiographie änderte das etwas. Plötzlich zeigte er sich als Lausjunge, als einer, der mit einer diebischen Freude und engelsgleichem Unschuldsgesicht die Mitspieler foppte.

Gattuso als Opfer der Streiche

Immer wieder das Opfer: Gennaro Gattuso. Einmal besprühte ihn Pirlo gemeinsam mit Mitspielern mit einem Feuerlöscher von oben bis unten. Ein anderer Mal schnappte er sich Gattusos Handy. Und schrieb in dessen Namen eine SMS an Milans Sportdirektor Ariedo Bardo: "Lieber Ariedo, wenn du mir gibst, was ich will, dann kannst du meine Schwester haben."

Der Ärger war in beiden Fällen, inklusive einer Abreibung, programmiert. Befreundet sind Gattuso und Pirlo immer noch.

Der Süd-Italiener wird daher Pirlo für Berlin alles Gute wünschen - genauso wie dem früheren Nationalteamkollegen Gianluigi Buffon.

Das Triple vor Augen

Das Double in Italien haben die beiden Juve-Routiniers schon eingeheimst, jetzt könnten sie sich das Triple schnappen. Dass Juve mit dem höchsten Durchschnittsalter aller Champions-League-Halbfinalisten nun kurz vor dem höchsten Thron steht, liegt auch an Buffons unersättlichem Titelhunger.

Mit Juventus ging der Weltklasse-Torhüter nach dem Manipulationsskandal 2006 in die Serie B, es dauerte Jahre, bis sich die Bianconeri wieder an Italiens Spitze kämpften.

Doch der Weltmeister blieb der Alten Dame treu, jetzt ist er dem Fußballolymp ganz nah.

Der 37-Jährige überragte bereits beim 1:1 im Halbfinal-Rückspiel in Madrid. Mit seinen Paraden brachte er nicht nur Cristiano Ronaldo zur Verzweiflung. In Berlin soll ihm, so hoffen die Juventini, gegen Barcelonas Superfloh Lionel Messi das Gleiche gelingen.

Buffon als Weltfußballer?

Die Gazzetta dello Sport glaubt, dass Buffon dann sogar Chancen bei der Weltfußballerwahl hätte. Zieht man den Vergleich mit Manuel Neuer, dem als Weltmeisterkeeper diese Ehre nicht vergönnt war, scheint dies eine gewagte Prognose.

Doch Buffon leistete sich in dieser Champions-League-Saison laut Statistik keinen einzigen schweren Fehler, fürs Finale sieht er sein Team dennoch als heftigen Außenseiter.

"Barcelona ist stärker, wir haben 30 Prozent Chancen auf den Titel", sagt der Keeper. "Doch dann muss alles für uns laufen."

Eines ist sicher: Vielleicht denken Pirlo und Buffon nach diesem Champions-League-Finale wieder ans Aufhören. Mit Mitte 30 wäre das sicherlich nachvollziehbar. Mit einem so großen Titel zum Abschluss noch viel mehr.

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