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Lionel Messi spielt seit der Jugend für den FC Barcelona © Getty Images/ SPORT1

München - Wie verbessert man ein Luxusmodell? Ballast weg, ein fieser Anstrich drauf. Lionel Messi entfernt sich vor dem Finale der Champions League noch weiter vom Rest der Welt.

Stellen Sie sich einen Fußballer vor, durchtrainiert und auf dem Höhepunkt. Beim Freistoß. Er bockt sich auf, schichtet beim Anspannen Muskel auf Muskel, die Beine breit. Die Sekunden vergehen. Dann endlich darf der Zuschauer ihm dabei zusehen, wie er den Ball tritt.

Und jetzt stellen Sie sich vor, das wäre Lionel Messi. Geht nicht. Er bleibt der Gegenentwurf zu Cristiano Ronaldo. Und hat sich doch erstaunlich verändert in den letzten eineinhalb Jahren.

Messi tritt am Samstag mit dem FC Barcelona im Finale der Champions League gegen Juventus an, als Luxus-Version seiner selbst.

Rekorde warten

Zum vierten Mal könnte er den Titel holen, würde damit Clarence Seedorfs Rekord der Champions-League-Ära einstellen. Mit einem Tor wäre er zudem der erste Spieler, der in drei verschiedenen Champions-League-Endspielen trifft. Selbst der absolute Rekord von Real Madrids Alfredo di Stefano mit sieben Treffern bei fünf Finalsiegen ist ihm zuzutrauen.

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Er hetzt sich selbst nicht mehr so, dafür den Gegner mehr. Und er hat das Wichtigste erkannt: Nur wenn er zufrieden ist mit sich selbst, kracht er auch zuverlässig durch Abwehren.

Gemeinsam haben sie das hinbekommen in Barcelona. Wer Messi ansatzweise kennt, der weiß: Seine Gewohnheiten grundlegend zu ändern, seine Ansichten, das ist, als erzähle man der Giraffen-Gruppe im Kindergarten nebenan, dass der Pizzafreitag jetzt der Fenchelfreitag ist.

Vier Kilo abgenommen

Mit Ernährung hat seine Verwandlung tatsächlich zu tun. Lange sammelte Messi sinnlos Kalorien. Heute bestellt er auch bei einem Werbedreh fernab der Kontrolleure Barcelonas "Reis ohne Soße, Gemüse und Fisch". Vier bis fünf Kilo soll er dadurch abgenommen haben in dieser Saison.

Messi heute (l.) und mit sichtbar mehr früher © Getty Images

Regelmäßig reist er mittlerweile nach Norditalien zu Giuliano Poser. Für viele ist dieser ein "Guru". Seine Methoden: emotionale Therapien mit Hilfe von Psychotherapeuten und die Verwendung der Bach-Blütentherapie.

Bei letzterer trinkt der Patient stark verdünnte Essenzen von insgesamt 38 verschiedenen Blüten und bringt Seele und Persönlichkeit wieder in Einklang.

Sonderbehandlung für Messi

Poser hat Messi aber auch einfach Junkfood verboten. Nichts was jeder herkömmliche Ernährungsberater nicht auch hinbekommen hätte. Messi aber braucht in diesen Dingen gern eine Extra-Betütelung. Und die Medien hatten ihre leicht absurde Geschichte. Win-win.

Darüber hinaus besserten sich auch Messis Magenprobleme. Er übergibt sich im Training und im Spiel, seit seiner Jugend. Zwar passiert das immer noch ab und zu, aber längst nicht so oft wie früher.

Trainer Luis Enrique ließ ihn zu Poser gehen, obwohl er zunächst nicht begeistert war. Er war im Sommer 2014 angetreten mit dem festen Vorsatz, Messi genauso zu behandeln wie alle anderen.

Beziehung zu Luis Enrique der Schlüssel

Heute ist ihre Beziehung einer der Schlüssel für den Erfolg Messis und den Erfolg des FC Barcelona.

Der Klub steht vor dem zweiten Triple seiner Geschichte, Luis Enrique hat eine bessere Siegquote als Pep Guardiola in dessen erstem Jahr als Cheftrainer bei Barca. Und all das vor allem dank einer Wendung im Januar.

Damals verlor Barcelona 0:1 in San Sebastian. Viel schlimmer aber: Messi saß zunächst auf der Bank. Die dadurch vier Punkte Rückstand auf Tabellenführer Real Madrid hätte der Trainer überstanden. An Messi wäre er beinahe nach einem halben Jahr gescheitert.

Xavi, Busquets und Iniesta schlichten

Der Argentinier legte sich offen mit ihm an, schwänzte die Trainingseinheit danach. Xavi, Sergio Busquets und Andres Iniesta schlichteten, sonst hätte Luis Enrique Messi öffentlich an die Wand genagelt. Kein Trainer hatte je eine Strafe gegen Messi gewagt. Es wäre Enriques Ende gewesen, und damit wohl auch das Ende der Titelträume dieser Saison.

Seitdem verlor Barcelona nur noch ein Ligaspiel und holte letztlich überlegen die Meisterschaft. "Es gibt angespannte Situationen, wenn du gewinnen willst. Das hat null Bedeutung. Das Thema ist abgeschlossen", sagte Xavi. Messi und Luis Enrique bewegten sich endlich aufeinander zu.

Der Star verstand: Wenn er auf Luis Enrique hört, kann er wieder die Champions League gewinnen. Der Trainer verstand: Messi braucht zwar klare Führung, aber in erster Linie Verständnis.

Messi spielt immer

In 4431 der 4500 Pflichtspielminuten in Liga und Champions League stand er auf dem Platz, spielte auch im Pokal seit dem Viertelfinale fünfmal in Folge über 90 Minuten. Weil Enrique ihn lässt. Und weil er kann.

Eine Oberschenkelzerrung, ein Muskelriss, wieder Schmerzen im Oberschenkel, dann in den Adduktoren, hatten die vergangene Saison für Messi immer wieder unterbrochen. Ohne Titel fuhr er zur WM nach Brasilien und mit Frust. Plötzlich schmeckte die Pizza noch leckerer.

Weder Barcelonas Trainer Tata Martino noch Argentiniens Alejandro Sabella hatten Messi etwas zu sagen. In Brasilien wurde er zum "Besten Spieler", weil er eben Messi ist. Doch erst danach merkte er, dass eine harte Hand nicht immer wehtut, sondern auch streicheln kann. Dank Enriques Forderungen nach mehr Professionalität wurde er fit wie nie.

Abklatschen als Riesenthema

Beide leben eine Zweckgemeinschaft, ganz anders noch als unter Guardiola. Mit einem 2:2 gegen Deportivo La Coruna beendete Barca seine Saison, Messi und Enrique liefen bei der Meisterfeier auf dem Platz aufeinander zu - und klatschten lachend ab. Ein Riesenthema für Spaniens Presse.

Der Finalsieg im Pokal gegen Bilbao endete gar in einer Umarmung der beiden. Sondersendungen im TV. "Ohne Zweifel ist das Leben einfacher mit Leo", hatte Enrique schon nach dem 3:0 gegen den FC Bayern in der Champions League gesagt. Man sah beinahe seinen Kopf rauchen unter dieser Kosten-Nutzen-Rechnung.

Thiago hat "alles verändert"

Neben Luis Enrique hat noch ein anderer Mensch Messi verbessert, fast einen Meter kleiner und deutlich sanfter: "Alles hat sich verändert. Vor allem die Art, wie ich denke. Jetzt steht Thiago an erster Stelle, alles andere kommt danach", sagte Messi über seinen Sohn. "Es hat auch die Art verändert, wie ich Spiele sehe. Davor habe ich drei oder vier Tage lang mit niemandem gesprochen, wenn ich eine Chance vergeben oder ein schlechtes Spiel hatte. Jetzt komme ich nach einem Spiel nach Hause, sehe meinen Sohn und alles andere verfliegt."

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Zweieinhalb Jahre ist Thiago mittlerweile alt, entfaltet seine volle Wirkung aber offenbar erst jetzt.

Spieler wie Messi gibt es nicht in pflegeleicht. Konstant droht er einzugehen, sich zu verkriechen. Noch immer hat er eine Abneigung gegen das Telefonieren. Wer etwas von ihm will, schickt ihm eine Kurznachricht. Am Hörer wäre er ohnehin kaum zu verstehen, so verschwindend spricht er.

Plötzlich ein harter Arbeiter

Auf dem Platz ist der komplette Wandel in dieser Saison weniger offensichtlich. Sein Treffer gegen Bilbao zum 1:0 am vergangenen Samstag reiht sich ein in die großen Messi-Kunstwerke - die eigentliche Magie aber ist eine andere.

"Er ist der Kleinste in der Mannschaft, aber wahrscheinlich der Beste, auch in der Luft. Er ist auch die beste Verteidigung. Wenn er auf den gegenüberliegenden Flügel presst, gewinnt er oft den Zweikampf. Er ist der Beste in allem, was auch immer er macht", urteilte Xavi.

Messi spielt in dieser Saison mit Neymar und Luiz Suarez an seiner Seite mannschaftsdienlicher denn je. 30 Torvorlagen in allen Wettbewerben sind der zweitbeste Wert seiner Karriere, dazu kommt eine ganz neue Lust am Verteidigen.

Nicht mehr nur der kleine Knuff aus Rosario

Heute kann Messi den Gegner auch gegen den Ball niederrennen. Mit demnächst 28 Jahren will er endlich als kompletter Fußballer gesehen werden und als härtester Gegenspieler überhaupt. Nicht mehr nur als der kleine Knuff aus Rosario, der die entscheidenden Tore herausdribbelt.

Er kann sich gar eine Zukunft im Mittelfeld vorstellen: "Das ist möglich, viele Spieler rücken weiter nach hinten gegen Ende ihrer Karriere. Ich habe schon in der Mitte gespielt und dort viel Raum abgedeckt." Irgendwann lässt sein Sprint nach. Deshalb denkt er schon jetzt an eine Rolle als Iniesta oder Xavi.

Auf Messis linker Wade prangt eine große "10", auch der Name seines Sohnes Thiago ist verewigt © Getty Images

Der schlankere Messi zeigt auch äußerlich: Er geht deutlich deftiger zur Sache. Sein rechter Arm und sein linkes Bein verschwinden schon fast unter großen Tattoos. Dafür setzte er an seinen jetzt perfekt glatten Extremitäten den Wachsstreifen an.

Schnörkel nur wenn es sein muss

Bei allem Erstaunen über Messi, geradlinig war sein Spiel schon immer, nur mit nützlichen Schörkeln. Jedes Dribbling hat einen Zweck. Seine Tore macht er gern auf kurzem Weg, ins Torwarteck etwa.

Am größten wird der Unterschied zu Ronaldo beim Freistoß, womit wir wieder beim Anfang wären. Messi schießt auch einen ins halbleere Tor, während der Torhüter noch seine Mauer stellt, wie einmal gegen Atletico. Auf diese Idee käme Ronaldo gar nicht. Er würde sagen: Weil er es nicht nötig hat. Und den großen Konkurrenten insgeheim bewundern.

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