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München - Vor dem Rückspiel gegen Atletico Madrid quält sich Pep Guardiola und kämpft gegen das Aus in der Champions League. Genau diese Situation macht ihm aber am meisten Spaß.

Mit einem Bohrer ein Löchlein in Pep Guardiolas Schädel fräsen und hineingucken, das gehört sich nicht, selbst im Sinne der Wissenschaft. Dabei stürzten sich Fußballgelehrte sicher begierig auf einen Zugang zum Geist dieses Mannes.

Wie lassen sich Guardiolas Gedanken visualisieren vor dem Halbfinal-Rückspiel der Champions League des FC Bayern gegen Atletico Madrid (ab 20.15 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER)?

Vielleicht als Monty Pythons Fußballspiel der Philosophen aus dem Jahr 1972 zwischen Deutschland und Griechenland: Immanuel Kant, Sophokles oder Friedrich Nietzsche überbieten sich im Gedankenwettkampf, ehe ein Kopfballtor von Sokrates aus Abseitsposition in der 90. Minute die Partie entscheidet.

"Das ist Fußball." Diesen Satz sagt Guardiola gern als Begründung für Schwächen seiner Mannschaft, zum Beispiel als die Bayern bei Juventus eine 2:0-Führung verspielten. Manchmal ist es frustrierend einfach.

Da malt er seinen Spielern tagelang Atleticos Gefahren aus, die Stärken des Gegners und was die Münchner erwartet im Estadio Vicente Calderon. Und dann geht in der ersten Viertelstunde alles schief, wogegen er angekämpft hat.

Atletico macht es einfacher als Bayern

Saul Niguez spielt vier zusehende Münchner aus und schießt den Ball ins Tor und alles Denken ist zunächst dahin. Es wirkte wie Archimedes' "Heureka!"-Moment, als er den griechischen Siegtreffer vorbereitete, nachdem ihm klar geworden war: Man muss den Ball treten. Der Körper besiegt den Geist.

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Ganz so einfach ist es freilich nicht. Nur hat man bei Guardiola manchmal das Gefühl, sein Hirn stehe kurz vor dem Bersten. Ein nie ruhender Rechner, die Kühlung kommt gar nicht nach. Und doch hat er ständig Angst, etwas vergessen zu haben.

Zum Beispiel, dass man Thomas Müller eben nicht auf die Bank setzt in so einem Spiel. Das verlangt die bayerische Tradition.

Guardiola muss Müller aufstellen - oder?

Guardiola wusste seine Entscheidung gut zu begründen, und hätte seine Mannschaft im Hinspiel den Ausgleich erzielt, wäre jetzt Ruhe. Grausamer Fußball. So aber musste er auch auf der Pressekonferenz vor dem Rückspiel erneut erklären: "Wir haben in Madrid nicht verloren, weil Thomas Müller nicht dabei war."

Der Katalane wirkt jetzt in der Entscheidung über die Aufstellung im Rückspiel jedenfalls nicht mehr völlig frei. Klar stellt der Guardiola den Müller jetzt auf, der kann doch gar nicht anders, das wäre ja Wahnsinn! Wäre es das? Guardiola sagt: "Es kommt nicht darauf an, ob Thomas spielt oder nicht."

Der Trainer selbst hatte seine Mannschaft ab dem Ende der ersten Halbzeit bei Atletico so stark wie selten in der Rückrunde gesehen, die Bayern spielten Atletico her, so etwas hatte man lange nicht gesehen in der Champions League. Und zwar zum Großteil ohne Müller.

Guardiolas Erbe steht auf dem Spiel

Die Lehre aus dem Scheitern der vergangenen Jahre gegen Real Madrid und den FC Barcelona lautet im Jahr 2016: weniger Risiko, mehr Stabilität. Doch geht das unter Guardiola? Verrät er damit seine Prinzipien? Oder ist es nur ein normaler Schritt in seiner persönlichen Entwicklung?

Fragen, die auch über Guardiolas Erbe in München entscheiden. "Wir haben noch eine Chance. Wenn es schiefgeht, dürft ihr mich gerne killen", sagte er am Freitag zur versammelten Presse. Es wäre das dritte Halbfinal-Aus in Serie. Überragend konstant, aber ohne den großen Triumph. An Halbfinals erinnert sich niemand.

Champions League soll Sehnsucht lindern

Guardiola kam vor drei Jahren nach München als Symbol des Ausbruchs der Bayern aus dem deutschen Kontext. Die Bundesliga war zu klein geworden, deswegen holten sie sich den besten Trainer der Welt. In jeder Sekunde spürte Guardiola diese Bürde.

(Wahrscheinlich) drei Meistertitel unter ihm, insgesamt vier in Serie können die Sehnsucht nicht lindern. Es konzentriert sich also auf die im Idealfall sieben Spiele in der Champions League ab Februar.

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Die letzte Patrone im Revolver

Umso mehr quält sich Guardiola jetzt, keine Idee darf entkommen. Wenn es in seiner obersten Etage rast und er auf die Öffentlichkeit losgelassen wird, kommen solche Auftritte heraus wie vor dem Gladbach-Spiel, als er verbal seine "letzte Patrone" in den Revolver schob.

Ganz sicher lässt Guardiola nicht nach in den letzten Wochen seiner Amtszeit. Gerade jetzt merkt man, wie sehr ihm eine solche Herausforderung wie gegen Atletico Freude bereitet. Und nur so kann er verhindern, vom Messias zum einfachen Kapitel in der Münchner Vereinschronik zu verkommen.

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