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SPORT1-Onlinechef Martin Volkmar bewertet Pep Guardiolas Schaffen in München © SPORT1 Grafik: Getty Images

München - Pep Guardiola wird seine Bilanz in der Champions League vorgeworfen. Für SPORT1-Onlinechef Martin Volkmar ist das nur die halbe Wahrheit.

"So ist Fußball" - so leicht wie die Zeitung Sport aus Barcelona, traditionell (neben Barca) sowohl Pep Guardiola als auch Atletico Madrid wohl gesonnen, auf ihrer Titelseite kann man es sich auch machen.

Mit anderen Worten: "Pech für Pep" - aber ist es tatsächlich so trivial? In jedem Fall ist es auch nicht so einfach, wie viele Oberkritiker es nach dem dritten Champions-League-K.o. in Serie gerne hätten.

Guardiola lag nicht ganz falsch mit seiner Aussage in der Pressekonferenz, die Bilanzen seines dreijährigen Wirkens beim FC Bayern seien schon vor dem unglücklichen Halbfinal-Aus gegen Atletico Madrid geschrieben gewesen.

Neben zahlreichen Fans, die seit jeher von der Spielphilosophie und der Aura des katalanischen Meistertrainers begeistert sind, hat sich Guardiola in seiner Zeit in München mit seiner Unnahbarkeit auch jede Menge Kritiker herangezüchtet – nicht nur bei den Medien, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit.

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Selbst im Verein haben sie Guardiola oft nicht verstanden, Wertschätzung und Unverständnis hielten sich oft die Waage.

Weil es der Coach in allen Jahren nicht geschafft hat, einen signifikanten Leistungsabfall in der entscheidenden Saisonphase zu verhindern. Weil er mit seiner Sturheit zu oft wichtigen Spielern wie zuletzt Thomas Müller vor den Kopf gestoßen und damit auch für Unruhe in der Mannschaft gesorgt hat.

Und weil er letztlich ungeachtet von drei Meistertiteln eben nicht das große Ziel erreicht hat: den Gewinn der Champions League.

Das alles wird bleiben in der Bilanz seiner Ära – und doch ist es nur die halbe Wahrheit. Für dieses Pro und Contra stand die Begegnung gegen Atletico Madrid exemplarisch. Denn das Team zeigte über fast die gesamte Spielzeit, zu welcher Klasse sie Guardiola weiterentwickelt hat.

Es war der Beweis, dass sich der FC Bayern in den letzten Jahren in der Weltspitze festgesetzt hat und erstmals seit den glorreichen Siebziger Jahren wieder dauerhaft zum Favoritenkreis gehört. Diese Entwicklung, die unter Louis van Gaal begann und von Jupp Heynckes mit dem Triple gekrönt wurde, hat Guardiola fortgesetzt.

Der Rekordmeister hat unter ihm noch einen Sprung nach vorne gemacht, taktisch und spielerisch. Guardiolas Wirken in der Bundesliga hat dem Renommee des deutschen Fußballs spürbar gut getan. Dadurch wurden die Bayern überhaupt erst interessant für einen Trainer wie Carlo Ancelotti.

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Atletico Madrid wurde am Dienstag 90 Minuten die Luft abgeschnürt, einem der aktuell vor allem defensiv besten Teams weltweit. Dass ausgerechnet Thomas Müller das 2:0 vom Elfmeterpunkt vergab, Jerome Boateng den entscheidenden Fehlpass vor dem 1:1 spielte und zig gute Chancen ungenutzt blieben – dafür kann man Guardiola nicht verantwortlich machen.

So unglücklich auszuscheiden, zumal im Halbfinale der Champions League, ist also alles andere als ein Scheitern. Trotzdem bleibt am Ende die Frage, welches Vermächtnis Guardiola hinterlässt. Und schon jetzt vergleichen einige die Zahl und Bedeutung seiner Titel und ordnen ihn dann weit hinter den Säulenheiligen Lattek, Heynckes und Hitzfeld ein.

Mit diesen Fakten wird Guardiola leben müssen. Und deshalb wird er München ungeachtet seiner Verdienste als Unvollendeter verlassen.

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