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Madrid - Ausgerechnet gegen Angstgegner Atletico Madrid erleidet Carlo Ancelotti seine erste Pleite als Bayern-Trainer. Das Spiel offenbart nicht nur eine Baustelle.

Carlo Ancelotti kaute mechanisch auf einem Stück Weißbrot herum und blickte etwas sparsam in die Runde, als Karl-Heinz Rummenigge in der Nacht zum Donnerstag seine Ansprache hielt.

Nach Auswärtsspielen in der Champions League gehören die Bankette zu später Stunde im Mannschaftshotel zu Tradition und Kultur des FC Bayern. Ancelotti war zum ersten Mal dabei. Nicht nur diese Situation war ungewohnt für den Italiener.

"Lieber Carlo, man kann sich leider das Debüt nicht aussuchen", sagte Rummenigge. "Nach acht Siegen in Folge gibt es auch hin und wieder eine Niederlage. Aber ich glaube, es macht keinen Sinn, ein Drama daraus zu machen."

Niederlagen seien schließlich manchmal gut, meinte der Bayern-Boss. Wenn man aus ihnen lerne.

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Es war klar, dass Ancelotti irgendwann einmal verlieren musste. Doch nach Siegen im Supercup, im Pokal und in der Bundesliga gegen nicht immer hochkarätige Gegner bekamen die Münchner in Madrid ihre Grenzen aufgezeigt.

"Es war die erste richtige Prüfung, und uns wurden schon ein paar Schwächen offenbart", sagte Thomas Müller nach dem Spiel zu SPORT1. Wenn ein neuer Trainer kommt, gehe eben "nicht alles innerhalb von ein, zwei Monaten von der Hand".

Wie genau es von der Hand geht, sagte Müller nicht.

"Wir haben insgesamt noch viel Arbeit vor uns", stellte Philipp Lahm fest.

SPORT1 zeigt, woran es im Bayern-Spiel in Madrid haperte und was besser werden muss.

- Wille und Leidenschaft:

Ein Auftritt wie der in Madrid mag für die meisten Spiele in der Bundesliga genug sein. In der Champions League reicht er gegen Top-Teams wie Atletico nicht.

Die Spanier machten es den Bayern vor. Mit mehr Laufbereitschaft (8,5 Kilometer liefen die Atletico-Spieler mehr als die Münchner), mehr Siegeswille und einem klaren Konzept.

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Atletico entzauberte die zuletzt hochgelobten Bayern, die eine deutlich schwächere Leistung zeigten als beim 0:1 im Halbfinal-Hinspiel im Frühjahr, als Pep Guardiola noch vor der Münchner Bank herumwirbelte.

"Atletico hat den Killerinstinkt, kann aus wenigen Chancen viel machen. Wir hatten diesen Killerinstinkt nicht", brachte es Manuel Neuer auf den Punkt.

- Kein klares Konzept:

Ancelotti hatte seine 4-3-3-Formation auf vier Positionen geändert. Jerome Boateng, Xabi Alonso, Arturo Vidal und Franck Ribery rückten wieder in die Startelf. Der zuletzt so starke Joshua Kimmich, Siegtorschütze in Hamburg, saß zunächst auf der Bank. Ancelottis Plan ging nicht auf. Er muss sich auch die Frage gefallen lassen, was denn eigentlich sein Plan war.

Bayerns Offensivabteilung blieb, abgesehen von Müllers Großchance (13.) und einigen wenigen gefährlichen Aktionen, wirkungslos. Franck Ribery verließ häufig seine Position auf dem Flügel, auch Müller war überall und zugleich nirgendwo. Robert Lewandowski rieb sich in der Spitze auf, blieb aber glücklos. Vieles war Stückwerk und Zufall.

"Wir sind spielerisch nicht so zum Zug gekommen", analysierte Müller: "Wir wussten, dass wir viel verlagern müssen, aber Atletico hat es trotzdem immer wieder geschafft, unsere Außenspieler unter Druck zu setzen."

Mit der Folge, dass die Abwehr unter Druck geriet und die Spanier zu Chancen kamen.

- Mängel im Spiel gegen den Ball:

Boateng übte deutliche Kritik an seinen Vorderleuten. "Wir haben vorn nicht viel Bewegung gehabt, dann ist es auch schwer, Anspielpunkte zu finden", sagte Boateng zu SPORT1: "Wie Atleticos Stürmer gegen den Ball arbeiten, daran müssen wir uns ein Beispiel nehmen."

Im Sturm fehlten die Ideen, im Mittelfeld zudem die ordnende Hand.

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- Wenig Ordnung im Mittelfeld:

Thiago Alcantara und Vidal ließen sich nach gutem Beginn zu weit zurückfallen. Thiago glänzte zwar mit ein paar Zauberpässen, gab dem Spiel aber nicht die nötige Ordnung. Vidal fiel vor allem durch Fouls auf. Alonso wurde von Atleticos Spielern immer wieder unter Druck gesetzt und zu Fehlern verleitet.

Dass der Ballbesitzfußball aus der Guardiola-Zeit nicht mehr so ausgeprägt ist, ist keine Neuigkeit. Beim 0:1 in Madrid im Frühjahr waren die Bayern dominant, aber es fehlte der Abschluss.

Am Mittwochabend fehlte viel mehr. Vom für Ancelotti typischen schnellen Spiel nach vorn war so gut wie nichts zu sehen. Bayerns Fußball wirkte bisweilen so antiquiert wie das charmante, aber marode Atletico-Stadion.

Auch die Wechsel Arjen Robben für Müller und Kimmich für Thiago brachten keinen Fortschritt.

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- Kein Zugriff auf den Gegner:

"Wir haben gut begonnen, aber dann einige Duelle und den Zugriff verloren. Wir hätten es besser machen können", meinte Ancelotti schmallippig.

Dass sie es besser machen müssen, ist allen klar. Am besten schon am Samstag gegen die nicht einfach zu spielenden Kölner (ab 15 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER).

"Wichtig ist, dass wir eine Reaktion zeigen und die Tabellenführung in der Bundesliga verteidigen", nahm Rummenigge die Profis in die Pflicht.

Er schickte aber zugleich einen klaren Auftrag an den Trainer, denn das große Ziel ist und bleibt der Triumph in der Königsklasse: "Es ist noch alles drin in der Champions League, auch der Gruppensieg. Wir müssen dafür sorgen, dass wir die Punkte holen, die wir am Ende des Tages brauchen."

Ancelotti ist gefordert. Nun muss er zeigen, dass er Bayern auch auf höchstem Niveau nach vorn bringen kann.

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