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FC Barcelona v Manchester City FC Pep Guardiola (r.) fand am Mittwochabend in Luis Enrique seinen Meister
Pep Guardiola (r.) fand am Mittwochabend in Luis Enrique seinen Meister © Getty Images

München - Pep Guardiola steckt nach der Schmach beim FC Barcelona viel Kritik ein - aus altbekannten Gründen. Der Trainer von Manchester City bleibt aber gewohnt unbeirrt.

Lieber einmal 0:4 verlieren als viermal 0:1.

Es ist eine alte und damit heilige Kreisliga-Wahrheit, von der nicht anzunehmen ist, dass Pep Guardiola sie jemals aussprechen würde. In gewisser Weise scheint sich der Trainer von Manchester City ihr dennoch verpflichtet zu fühlen.

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Wenn schon verlieren, dann richtig: Das war schon beim FC Bayern oft der Lauf der Dinge für den Katalanen, gerade in wichtigen Spielen. Man denke an das 1:4 beim VfL Wolfsburg Anfang 2015. Oder das 0:4 gegen Real Madrid im Champions-League-Halbfinale 2014. Nicht zuletzt auch das 0:3 im Halbfinal-Hinspiel beim FC Barcelona ein Jahr später.

Nun, bei seiner erneuten Rückkehr an die alte Wirkungsstätte, hat Guardiola sozusagen noch einen draufgelegt. 4:0 fertigte Barca diesmal das Team seines früheren Trainers ab, mit drei statt zwei Toren von Lionel Messi.

Kritische Taktik-Fragen an Guardiola

Wenn schon verlieren, dann richtig: Es ist natürlich keine taktische Anweisung, die Guardiola seinen Spielern je mit auf den Weg gegeben hat. Aber wohl doch eine Folge davon.

Pep Guardiola hat seine Mannschaft in Barcelona einmal mehr höchst kompromisslosen Pep-Guardiola-Fußball spielen lassen. Den Fußball, der ihm unzählige spektakuläre Siege beschert hat, aber eben auch ein paar spektakuläre Pleiten - die dann spektakulär viel Angriffsfläche hinterlassen.

Warum ausgerechnet den torgefährlichen Angreifer Sergio Agüero aus taktischen Gründen draußen lassen, warum alles auf die Karte Ballbesitz? Warum dieses wahnwitzig hohe Verteidigen? Warum Torhüter Claudio Bravo - der ManCitys Schicksal mit seiner Roten Karte besiegelte - zu so viel Risikospiel ermuntern?

Unter Scharlatan-Verdacht

Es sind Kernfragen, die die britischen und auch die spanischen Medien nach dem Debakel stellen. Aus Bayern-Zeiten sind sie wohlbekannt, man ersetze beispielsweise nur "Agüero" durch "Müller".

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"Nach dem dritten Tor von Messi sah Guardiola aus wie ein Mann, der gerade vor seinem brennenden Haus stand, im Bewusstsein, dass es er war, der den Toaster angelassen hatte", hielt die Daily Mail pointiert fest.

El Mundo ging sogar so weit, den Champions-League-Siegertrainer von 2009 und 2011 unter Scharlatan-Verdacht zu stellen. Guardiola sei nur groß gewesen, "wenn Messi für ihn spielte". Der Katalane sei "nie das Genie gewesen, von dem er selbst glaubt, dass er es ist."

Guardiola bittet um Zeit

Guardiola wird all das so kalt lassen, wie ihn von außen herangetragene Zweifel an seinem Tun immer gelassen haben.

Er ließ am Mittwochabend jedenfalls keine solchen Zweifel zu und brachte einfachere Erklärungen vor: "Ja, wir haben 0:4 verloren, aber wir sind ein neu formiertes Team, wir lernen uns noch kennen."

Seine Mannschaft habe dennoch "mit großem Charakter" gespielt, bis zu Bravos Platzverweis sei die Partie ja auch offen gewesen.

Falsch sind diese Hinweise nicht, ebenso wenig wie die Feststellung, dass der Großteil der Barca-Tore eine Folge krasser individueller Fehler waren.

Enrique hat Barca noch weiter entwickelt

Wahr ist nur eben auch, dass der FC Barcelona einmal mehr beweisen konnte, dass er sich momentan nicht nach seinem früheren Trainer zurücksehnen muss.

Barca-Trainer Luis Enrique ist am Mittwochabend im Camp Nou nicht umsonst mit Sprechchören bedacht worden: Er hat das Erbe Guardiolas klug fortentwickelt, das System Barca konterstärker und weniger abhängig vom Passspiel gemacht. Dass an der Spitze dieses Systems dann dieser gewaltige Dreizack aus Messi, Neymar und Luis Suarez lauert, hilft natürlich auch.

Und beängstigenderweise befand Englands Ex-Nationalspieler Phil Neville bei BBC auch noch: "Barcelona ist erst bei 80 Prozent."

Das Monster ist zu mächtig

Ist das Monster, das Guardiola miterschaffen hat, einfach zu mächtig für ihn geworden?

Für den Moment ist es nicht verwunderlich, dass die Hürde Barca für das noch nicht voll eingespielte ManCity zu hoch ist. Irgendwann aber wird der Wanderprojektleiter beweisen müssen, dass er auch ein anderes Team an den Punkt bringen kann, an dem es so ein Monster bezwingen kann.

Und dass seine Kompromisslosigkeit dabei eine Hilfe und kein Hindernis ist.

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