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Karlsruhe und Dortmund - Nach dem Bombenanschlag auf Borussia Dortmund wird in Baden-Württemberg ein Verdächtiger festgenommen. Die niederträchtigen Hintergründe der Tat schockieren.

Im Raum steht der Vorwurf des 20-fachen Mordversuchs aus reiner Habgier:

Zehn Tage nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund ist gegen den mutmaßlichen Täter am Freitagabend auf Antrag der Bundesanwaltschaft Haftbefehl durch den Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs erlassen worden.

Der Beschuldigte Sergej W. ist laut der offiziellen Presseerklärung "dringend verdächtig, am 11. April 2017 den Anschlag verübt zu haben". W. wurde am Nachmittag dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt, der den Vollzug der Untersuchungshaft angeordnet hat.

Beschuldigter hätte Millionengewinn erzielen können

Der perfide Plan des Sergej W.: Der 28-Jährige wollte nach Angaben der Bundesanwaltschaft mit drei Bomben und dem Tod möglichst vieler Spieler die BVB-Aktie zum Absturz bringen und dadurch abkassieren. Ein islamistischer oder rechtsextremer Hintergrund der Tat vom 11. April wäre damit ausgeschlossen.

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"Wir gehen davon aus, dass der Beschuldigte für die Tat verantwortlich ist", teilte Staatsanwältin Frauke Köhler am Freitagmittag auf einer Pressekonferenz der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit.

W., der am frühen Freitagmorgen in Tübingen von Spezialkräften der GSG9 verhaftet worden war, wird nun laut Köhler versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoff-Explosion und Körperverletzung zur Last gelegt.

Bundesinnenminister Thomas de Maiziere wertete die Festnahme am Freitagnachmittag als "großen Erfolg" und verurteilte den Anschlag auf das Schärfste: "Dass sich jemand bereichern will, indem er Menschen umbringt, um den Aktienkurs zu manipulieren, ist eine widerwärtige Tat und erfüllt voll das Mordmerkmal."

Laut Bundesanwaltschaft wollte der mutmaßliche Täter mit dem Attentat nach derzeitigem Ermittlungsstand wohl einen massiven Kurssturz der BVB-Aktie erzwingen.

Die Ermittler seien W. laut Köhler "durch auffällige Optionsgeschäfte auf die Spur gekommen". Er habe "drei verschiedene Derivate gekauft und damit auf einen Kursverlust der BVB-Aktie gesetzt".

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W. hatte laut Bundesanwaltschaft bereits Mitte März ein Zimmer für den Zeitraum vom 9. bis 13. April sowie für den Zeitraum vom 16. bis 20. April im Dortmunder Teamhotel L'Arrivee gebucht.

Zum Zeitpunkt der Buchung habe noch nicht festgestanden, an welchem Termin die Dortmunder gegen Monaco Heimrecht haben.

Zimmer mit Blick auf die Straße

W. habe lautet Bundesanwaltschaft am 9. April "ein Zimmer im Dachgeschoss des Hotels mit Blick auf den späteren Anschlagsort bezogen".

Noch am Tag des Anschlags erwarb er über die IP-Adresse des BVB-Teamhotels 15.000 Verkaufsoptionen in Bezug auf das Dortmunder Wertpapier - ein Einbruch des Kurses hätte dann den gewünschten Gewinn gebracht, je tiefer der Sturz, desto höher der erzielte Ertrag.

Für den Kauf der Optionen habe W. laut Anwaltschaft am 3. April einen Kredit in Höhe von "mehreren Zehntausend Euro" aufgenommen.

"Wie hoch der mögliche Gewinn ist, dazu können wir noch nichts sagen", teilte Köhler mit. Medienberichten zufolge hätte W. einen Millionenbetrag kassieren können.

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Der BVB dankte am Freitagvormittag den ermittelnden Behörden. "Wir hoffen, dass in dem Tatverdächtigen nun der Verantwortliche für den niederträchtigen Anschlag auf unsere Spieler und Staff-Mitglieder gefasst werden konnte", hieß es in einer Stellungnahme von Klub-Boss Hans-Joachim Watzke und Präsident Reinhard Rauball.

Dortmunds Trainer Thomas Tuchel zeigte sich nach der Festnahme erleichtert: "Wenn die Motive geklärt sind, dann hilft uns das sehr, das zu verarbeiten."

Keine Anhaltspunkte für Komplizen

Bei dem Attentat vor dem Viertelfinal-Hinspiel der Champions League gegen AS Monaco war der BVB-Profi Marc Bartra am Handgelenk und Arm verletzt worden, der Spanier musste operiert werden. Ein Polizist, der den Bus auf dem Motorrad begleitete, erlitt ein Knalltrauma und einen Schock.

Nach intensiven Ermittlungen der Bundesanwaltschaft, des Bundeskriminalamtes und der nordrhein-westfälischen Polizei in den vergangenen Tagen hatten die Ermittler am Freitagmorgen zugeschlagen. Um kurz vor 6 Uhr wurde W. festgenommen, kurz bevor er seine Arbeitsstelle in Tübingen erreichte.

Die Bundesanwaltschaft habe "nach bisherigen Erkenntnissen keine Anhaltspunkte für mögliche Gehilfen oder auch Mittäter".

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Die drei Sprengsätze des Anschlages, so die Bundesanwaltschaft in einer ersten schriftlichen Mitteilung am Freitagmorgen, waren über eine Länge von zwölf Metern in einer Hecke entlang der Fahrstrecke des Mannschaftsbusses angebracht. Die Wirkung der Sprengsätze war auf den Bus ausgerichtet.

Art des Sprengstoffs noch nicht bekannt

Die Zündung erfolgte nach derzeitigem Erkenntnisstand für jeden Sprengsatz separat über eine funkausgelöste elektrische Schaltung. "Die Sprengsätze wurden zeitlich optimal gezündet", hieß es.

Sie waren demnach mit Metallstiften bestückt, die etwa 70 mm lang waren und einen Durchmesser von sechs mm und ein Gewicht von etwa 15 Gramm hatten. In der Kopfstütze des zweiten Sitzes in der hinteren Reihe des Busses wurde einer der in den Sprengsätzen verbauten Metallstifte gefunden, sogar in einer Entfernung von 250 Meter wurde noch ein Metallstift entdeckt.

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Die drei Bekennerschreiben, die am Tatort gefunden wurden, stammen nach Informationen von Bild auch von dem verhafteten Tatverdächtigen. Die Zeitung bezieht sich auf Ermittlerkreise. 

Über die Art des Sprengstoffs machte die Bundesanwaltschaft am Freitagmittag noch keine Angaben. "Da der verbaute Sprengstoff komplett umgesetzt wurde, gestalten sich die Untersuchungen aufwändiger", sagte Köhler.

Die Börse reagierte derweil auf die Festnahme: Die BVB-Aktie legte bis zum Freitagmittag um vier Prozent zu.

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