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Carlo Ancelotti ist konsterniert: Hat sich Bayerns Trainer verpokert? © SPORT1-Grafik: Eugen Zimmermann/ Getty Images/ iStock

München - Der FC Bayern offenbart gegen Real Madrid Schwächen, die in der Bundesliga verdeckt bleiben. Der Plan von Trainer Carlo Ancelotti schlägt fehl. Steckt der Fehler im System?

Carlo Ancelotti starrte ins Leere, konsterniert und verärgert über die Pleite seines FC Bayern gegen Real Madrid.

"Wir können von Glück reden, nicht noch höher zu verloren zu haben. Madrid hätte uns töten können", sagte Ancelotti nach dem 1:2 in der Champions League im spanischen Fernsehen. Scharfe Worte in einer prekären Lage.

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Zur Prime Time der Saison sollten die Münchner eigentlich auf Hochtouren laufen. So hatte es der Trainer immer wieder versprochen. Mit seiner stoischen Gelassenheit hatte er Bedenken an seinem Kurs zerstreut - auch intern. Und nun, da es drauf ankommt, droht den Münchnern bereits im Viertelfinale der Königsklasse das Aus. Hat sich Ancelotti verkalkuliert?

In der heißen Phase der Saison rächt sich das Urvertrauen, das der Rekordmeister in seinen dünnen Kader, in Ancelottis Erfahrung gesetzt hat. 

SPORT1 nennt fünf Punkte, bei denen Bayern plötzlich verwundbar ist.

1. Der Abwehrblock bricht weg

Womöglich hätte in der Winterpause ein Blick auf den Kader genügt, und man hätte auf die Idee kommen können, dass in der Defensive ein personeller Engpass drohen könnte. 

Jerome Boateng war seit der EM nicht richtig fit, Javier Martinez ist grundsätzlich anfällig für eine langwierige Blessur und Holger Badstuber hatte man nach dessen Verletztenmisere gestattet, beim FC Schalke wieder mehr Spielpraxis zu sammeln.

Von vier gelernten Kräften im Abwehrverbund galt nur noch Mats Hummels als verlässliche Konstante. Und trotzdem verzichteten die Bayern auf einen Transfer. Eine Entscheidung, die sich jetzt zwischen den entscheidenden Spielen womöglich als falsch erweisen könnte.

Hummels musste vor dem Real-Kracher wegen eines lädierten Sprunggelenks kurzfristig passen. Ancelotti war gezwungen, einen halbfitten Boateng neben Martinez aufzubieten. Der Nationalspieler hatte schon gegen Dortmund seine Probleme. Gegen Madrid überstand er 60 Minuten, bis er aus dem letzten Loch pfiff. 

Das Problem: In dieser Phase handelte sich Martinez die Gelb-Rote Karte ein. Bayerns Abwehr löste sich schon im Hinspiel gegen die Königlichen in ihre Einzelteile auf. Sollte Hummels, was zu erwarten ist, auch kommenden Dienstag ausfallen, stünden Ancelotti für das Rückspiel in Madrid nur Boateng und Aushilfs-Innenverteidiger David Alaba zur Verfügung. 

Nicht unbedingt die Konstellation, mit denen Bayern den Angriff auf Europas Krone starten wollte.

2. Lewandowski nicht zu ersetzen

Ancelotti gilt seit jeher als Trainer, der lieber auf einen überschaubaren Kader setzt. Spätestens seit dem Wechsel von Julian Green zum VfB Stuttgart im Winter haben die Bayern im Sturmzentrum keine echte Alternative zu Robert Lewandowski. 

Ein Fakt, den auch die Bayern-Bosse lange unterschätzt haben: Präsident Uli Hoeneß stellte noch in der Winterpause fest: "Robert ist so zäh, so fit, seine Muskulatur ist ein einziger Strang. Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen, bei dem ist alles tipptopp."

Auch Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bekräftigte noch im Februar: "Robert ist nie verletzt. Da muss man nicht unbedingt noch irgendeinen zweiten großen Mittelstürmer in der Hinterhand haben."

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Die Quittung für diese Personal-Politik bekamen die Bayern kurz vor dem Real-Spiel: Lewandowski verletzte sich an der Schulter. Thomas Müller, gerade selbst erst von einer Verletzung genesen, rückte notgedrungen ins Sturmzentrum. Man würde ihm wohl ins Zeugnis schreiben: Er war stets bemüht, mehr aber auch nicht.

Sollte Lewandowski auch für das Rückspiel nicht rechtzeitig fit werden, wird das Bayerns Chancen auf ein Weiterkommen nicht erhöhen.

3. Alternde Schlüsselspieler

Spieler wie Franck Ribery (34), Arjen Robben (33) oder Philipp Lahm (33) sind nach wie vor tragende Säulen der Bayern. In der Bundesliga mag das reichen. In der Champions League bekommen die Münchner ein Altersproblem. Erst recht, wenn jüngere Spieler wie Thiago oder Douglas Costa in großen Spielen abtauchen - oder nur auf der Bank sitzen.

Warum bezahlt der Rekordmeister 35 Millionen Euro für Renato Sanches, wenn er kaum eingesetzt wird? Kingsley Coman kommt seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr über einen Reservistenstatus hinaus. Und welche Perspektiven hat eigentlich noch Joshua Kimmich?

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Da den Bayern die Meisterschaft längst sicher sein dürfte, hätte Ancelotti zuletzt häufiger die Chance gehabt zu rotieren - auch gegen Dortmund. Stattdessen spielte seine Top-Elf, Bayerns alte Garde. Das Ergebnis: Robben und Ribery hatten gegen Real nur Luft für eine gute Halbzeit.

4. Elfmeter-Seuche

Wie das Spiel wohl verlaufen wäre, wenn Arturo Vidal kurz vor der Halbzeit vom Punkt aus zum 2:0 getroffen hätte? Vermutlich anders.

© iM Football

Elfmeterschießen wird mehr und mehr zum Albtraum für Bayern. Vidals Fauxpas vom Punkt erinnerte an Müllers Fehlschuss vor einem Jahr gegen Atletico Madrid. Auch damals lag Bayern in Führung - und schied später aus.

5. Taktische Defizite

Anders als Ex-Coach Pep Guardiola verzichtet Ancelotti nahezu komplett auf System- und Positionswechsel. Das heißt aber nicht, dass die Münchner unter ihm geordneter auftreten. Nach dem Platzverweis von Martinez präsentierte sich Bayern so konfus wie selten.

Dass Ancelotti nach dem Platzverweis ausgerechnet Stabilisator Xabi Alonso raus nahm, war für viele unverständlich. Danach brach in Bayerns Defensive heilloses Chaos aus.

Ex-Keeper Oliver Kahn monierte im ZDF: "Man kann auch mit zehn Mann ganz anders verteidigen. Viel besser, als es die Bayern gemacht haben. Da war keine Abstimmung beim Anlaufen des Gegners. Entweder war es viel zu früh oder zu spät. Da waren riesen Räume, die sich aufgetan haben."

Kahn hatte gar den Eindruck, "dass die Spieler das abschenken. Ich hatte nie das Gefühl, dass die Bayern wirklich versucht haben, ein vernünftiges Ergebnis über die Zeit zu bringen." 

Worte, die mindestens genauso hart daher kamen, wie Ancelottis eigene Analyse. 

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