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Dietmar Mateschitz, Ralf Rangnick, Klaus Allofs und Dieter Hecking
RB Leipzig und der VfL Wolfsburg wollen langfristig ganz oben angreifen © SPORT1/Getty Images

München - Das Achtelfinale zwischen RB Leipzig und dem VfL Wolfsburg ist nichts für Traditionalisten. Doch es duellieren sich tatsächlich jene Vereine, die langfristig am ehesten zum Herausforderer des FC Bayern taugen.

Von Frank Hellmann

Wie gut, dass sich ungeachtet aller Erfolge die Reiselust der Anhänger des VfL Wolfsburg noch in Grenzen hält.

Ihr norddeutsches Revier verlassen die meisten "Wölfe" ziemlich ungern, worüber sich aber in diesem Fall alle Fans von RasenBallsport Leipzig freuen. Im Sektor C Oberrang über dem nicht ausverkauften Gästeblock werden unter anderem die letzten Restkarten verkauft, denn der Ansturm auf die Tickets fürs Pokal-Achtelfinale zwischen dem ambitionierten Zweitligisten und dem aktuellen Bundesliga-Zweiten (ab 19 Uhr LIVE im Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) übertrifft alle Erwartungen.

43.500 Karten sind verkauft, und die meisten sächsischen Zuschauer kommen in die WM-Arena, um wie vor drei Jahren eine Überraschung zu erleben. Damals hatte der aufstrebende Red-Bull-Ableger noch als Viertligist die Erstliga-Profis aus der Autostadt aufs Kreuz gelegt, woran Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking mit mahnendem Unterton in der Stimme erinnert. "In Leipzig erwartet uns ein angriffslustiger Gegner. Das wird ein schwerer Gang."

Aber die Serie des Werksvereins von 14 ungeschlagenen Pflichtspielen - die letzte Niederlage datiert vom 27. November aus der Europa League (0:2 gegen den FC Everton) - wird doch nicht beim Brause-Klub reißen? Leipzigs Trainer Achim Beierlorzer spricht von einem Bonusspiel "mit einer 50:50-Chance".

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VfL Wolfsburg hat neue Ziele

An Duelle wie diese wird sich der gemeine Fußballfreund gewöhnen müssen - die PR-Vehikel von Getränk und Auto sind in ihren Ligen auf der Überholspur unterwegs. Beim VfL Wolfsburg werden die Millionen-Subventionen in einer Fußball GmbH als 100-prozentige VW-Tochter zusammengefasst und wieder sinnvoll gebündelt, seit Hecking gemeinsam mit Klaus Allofs das Sagen hat.

VfL Wolfsburg v LOSC Lille - UEFA Europa League
Dieter Hecking (r.) und Klaus Allofs (M.) erleben derzeit erfolgreiche Zeiten beim VfL Wolfsburg © Getty Images

Ständig werden ihre Ansagen mutiger. Vor Saisonbeginn galt die Qualifikation für den europäischen Wettbewerb als das einzige Ziel, doch der furiose 4:1-Rückrundensieg gegen den FC Bayern und die Verpflichtung von Weltmeister André Schürrle machten Lust auf mehr. Ziel nun: die direkte Champions-League-Qualifikation. 

Denn seit dem 5:3 in Bremen möchte Hecking in der Liga mehr. "Wir halten sie unter Druck", meinte der 50-Jährige in Richtung FC Bayern, "sie sehen uns immer noch im Rückspiegel." Und was ließ Allofs kürzlich verlauten? "Sportlich sind wir für einige Klubs eine Bedrohung."

Den FC Bayern ärgern

Keiner hat in der jüngeren Vergangenheit länger die Bayern geärgert wie der 58-Jährige in seiner Zeit beim SV Werder Bremen, obwohl der heutige VfL-Geschäftsführer damals ein deutlich begrenzteres Budget verwaltete. Und wer sich erinnert, wie stolz sich der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn im Mai 2009 im Autokorso durch Wolfsburg kutschieren ließ, als der VfL Deutscher Meister wurde, der kann die Sehnsucht ahnen, auch den Branchenprimus in den nächsten Jahren herauszufordern.

Martin Winterkorn
Martin Winterkorn präsentiert 2009 stolz die Meisterschale © Getty Images

Ein ähnliches Ziel wird mit dem Projekt Leipzig verfolgt, wo Sportdirektor Ralf Rangnick in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" verraten hat, dass Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz nicht erst 80 Jahre alt sein möchte, bis RB Leipzig Deutscher Meister wird. Will heißen: Ist erst einmal der Bundesliga-Aufstieg geschafft, wird voll angegriffen, um den Boss zu befriedigen.

Rangnick setzt dabei auf die "drei Ks": Kompetenz, Konzepte und Kapital. Dafür sei Wolfsburg gerade ein gutes Beispiel. Aber für den 56-Jährigen käme nicht infrage, einen André Schürrle zu kaufen. "Unser Beuteschema ist ein André Schürrle, als er noch in Mainz war. Oder ein Marco Reus, bevor er zu Mönchengladbach gewechselt ist. Einen Schürrle für 32 Millionen Euro oder einen Gareth Bale für 100 Millionen Euro zu holen - dafür bedarf es keiner Scoutingabteilung. Das ist nicht unser Weg."

Erstklassige Gehälter bei RB Leipzig

Tatsächlich hat Leipzig unter Rangnick sogar einen Transferüberschuss erwirtschaftet, aber bezahlt den meisten Spielern schon jetzt erstklassige Gehälter. Dennoch ist die Herangehensweise auf dem Transfermarkt eine andere - im Fokus stehen jüngere Fußballer, die weiterentwickelt werden können.

Auch die Struktur ist nicht vergleichbar mit dem nach Kriegsende gegründeten VfL Wolfsburg mit seinen 30 Abteilungen und knapp 20.000 Mitgliedern. Der eingetragene Verein RasenBallsport Leipzig besteht lediglich aus 14 handverlesenen Mitgliedern, die entweder Angestellte in Mateschitz' Red-Bull-Imperium sind oder aber in Geschäftsbeziehungen zum Konzern stehen.

Je drei dem österreichischen Patron hörige Vorstände, Aufsichtsratsmitglieder und Ehrenrat-Vertreter sorgen dafür, dass alles nach Willen von Mateschitz abläuft und jede Einflussnahme von außen unterbunden ist.

Worauf die Leipziger stolz sind: Wie schnell das gesamte Gebilde trotzdem in einer Stadt verankert wurde, von denen viele Fußballinteressierte die ewigen Scharmützel zwischen Lok und Sachsen Leipzig einfach satt hatten. So ist Rangnick auf die Resonanz des Pokalspiels besonders stolz: "Bei uns wird das Spiel ausverkauft sein, in Wolfsburg wäre das in dieser Konstellation wahrscheinlich nicht der Fall. Wir sind ein Fußballstandort."

Eins wollen aber beide sein: Erfolgsstandorte. Am Geld wird es nicht scheitern.

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