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Joachim Löw
Joachim Löw sah zum Auftakt der EM-Qualifikation einen 2:1-Sieg seines Teams gegen Schottland. © Getty Images

Joachim Löw hat seine ideale Elf nicht gefunden - vor allem in der Abwehr. Mario Götze sollte er nicht im Sturm einsetzen.

Das 2:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Schottland war ein Paradebeispiel für ein Spiel, nach dem der Trainer sagt: "Das Wichtigste waren heute die drei Punkte."

So ungefähr tat es auch Joachim Löw nach dem mühevollen Start in die EM-Qualifikation am Sonntagabend.

"Meine Einzige Erwartung an die Mannschaft war, dass wir das Spiel gewinnen", sagte der Bundestrainer und erklärte, er sei "absolut zufrieden".

Nach außen machte Löw einen gelassenen Eindruck, doch es darf bezweifelt werden, dass er innerlich tatsächlich so ruhig war.

Denn der Weltmeister zeigte, wie schon zuvor beim 2:4 gegen Argentinien, Schwächen, besonders in der Defensive. Der Glanz des WM-Triumphs ist zwar noch nicht weg, aber der Lack blättert doch allmählich ab.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. In Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Mats Hummels musste Löw bei den ersten beiden Spielen nach der WM auf drei verletzte Leistungsträger verzichten.

Die Lücke, die die zurückgetretenen Weltmeister Philipp Lahm, Miroslav Klose und Per Mertesacker hinterlassen, ist ebenfalls nicht so leicht zu schließen.

Löw war zum Experimentieren gezwungen. Er beorderte Benedikt Höwedes, der bei der WM durchgängig als Linksverteidiger gespielt hatte, ins Abwehrzentrum und brachte den jungen Erik Durm auf links.

Rechts versuchte er es auf der einstigen Position von Lahm gegen Argentinien mit Kevin Großkreutz, der bei der WM als Backup für diese Position kein einziges Spiel absolviert hatte. Die beiden Dortmunder gehörten gegen Argentinien zu den Schlechtesten.

Gegen Schottland bekam Durm eine neue Chance, Großkreutz nicht. Für den Dortmunder rückte überraschend Sebastian Rudy in die Abwehrkette, ein Mittelfeldspieler, der nur in der Jugend und einmal in einem Freundschaftsspiel diese Position gespielt hatte.

Rudys Startelf-Debüt in einem Pflichtspiel war geprägt von Licht und Schatten. Offensiv bereitete er das 1:0 vor, defensiv war er am 1:1 nicht schuldlos. Dennoch bekamen er und Durm Lob vom Bundestrainer.

Löw hat noch nicht die Lösung für die Probleme auf den Außenbahnen gefunden - und ist bei seiner Suche nicht immer konsequent.

Großkreutz werde beim BVB kaum Spiele als Rechtsverteidiger absolvieren, meinte Löw. Deshalb sehe er den Dortmunder nicht als Lösung für die rechte Seite. Rudy spielt in Hoffenheim im zentralen Mittelfeld. Auch wenn Rudy spielerisch stärker und ballsicherer ist als Großkreutz: In so einem Spiel einen Neuen zu bringen war nicht ohne Risiko.

Shkodran Mustafi hat bei der WM rechts verteidigt, ist aber noch nicht wieder vollkommen fit. Der Weltmeister muss sich bei seinem neuen Klub in Valencia beweisen, hat aber Löw schon von sich überzeugt.

Antonio Rüdiger erwähnte der Bundestrainer in der vergangenen Woche häufig, wenn er über Alternativen in der Abwehr sprach. So auch am Sonntagabend. Rüdiger habe beim Training einen sehr starken Eindruck hinterlassen, erklärte Löw.

Die Freiburger Oliver Sorg und Christian Günter aus Freiburg nannte er "Spieler mit Perspektive". Er werde in den kommenden Wochen und Monaten "schauen, wer welche Form hat und das eine oder andere probieren."

Auffällig und hinlänglich bekannt ist dabei, wie häufig der Bundestrainer Spieler aus Freiburg, Stuttgart oder Hoffenheim beobachtet und einlädt.

Auf der linken Seite hat Durm Kredit beim Bundestrainer. Marcel Schmelzer und Marcell Jansen werden es sehr schwer haben, noch einmal zurückzukommen.

In der Innenverteidigung dürfen sich der Ex-Freiburger Ginter und der Stuttgarter Rüdiger Chancen für die Zukunft ausrechnen. Die beiden Spiele gegen Argentinien und Schottland haben gezeigt: Ohne Hummels hat die Abwehr Probleme, und nur Höwedes hat momentan die Qualität, Mertesacker ersetzen zu können.

Im Sturm ist die Lage ähnlich: Klose ist nicht 1:1 ersetzbar. Mario Gomez fehlt es noch an Spielpraxis und Sicherheit im Abschluss.

WM-Finalheld Mario Götze ist nicht die Idealbesetzung als falsche Neun. Und außer Thomas Müller gibt es niemanden, der konstant Tore schießt. Das hat das Schottland-Spiel gezeigt.

Löw sollte Götze besser im zentralen Mittelfeld oder auf der rechten Seite einsetzen. Dort kann er sein großes Potenzial besser zur Geltung bringen.

Viele Spieler fehlen, andere spielen auf für sie nicht idealen Positionen. Der Bundestrainer hat seine ideale Formation noch nicht gefunden.

Die Qualifikation für die EM wird dennoch kein Problem sein. Sogar Platz drei könnte reichen. Der Weltmeister wird sich durchsetzen, daran besteht trotz der aktuellen Probleme kein Zweifel. Auch für die Fans. Vielleicht blieben deshalb in Dortmund fast 500 Plätze leer.

Im Oktober geht es in Polen weiter. Man darf gespannt sein, wen Joachim Löw dann aus dem Hut zaubert.

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