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Shkodran Mustafi feierte am 13. Mai 2014 beim 0:0 gegeg Polen sein Länderspiel-Debüt in der A-Nationalmannschaft

Frankfurt am Main und München - Vor der EM-Quali in Polen spricht Shkodran Mustafi im SPORT1-Interview über Familie und erklärt seinen Wechsel nach Valencia.

Der Weg des Shkodran Mustafi vom unbekannten Italien-Legionär zum Weltmeister ist ein außergewöhnlicher.

Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der als Sohn albanischer Eltern mit 14 Jahren sein Zuhause verließ, um Fußballprofi zu werden.

Er zog nach Hamburg, spielte in England beim FC Everton, doch erst in Italien schaffte er bei Sampdoria Genua den Durchbruch ins Profigeschäft.

Beim DFB durchlief er von der U 16 bis zur U 21 sämtliche Nachwuchsteams, doch seine Berufung in die A-Nationalmannschaft für das Länderspiel gegen Chile Anfang März kam für viele überraschend.

Mustafi schaffte es sogar bis nach Brasilien und wurde Weltmeister. Jetzt spielt er erfolgreich beim FC Valencia und will mit der Nationalmannschaft zur Europameisterschaft 2016 nach Frankreich.

Im SPORT1-Interview spricht Mustafi vor dem EM-Qualifikationsspiel in Polen (Sa., ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) über seinen Werdegang, die tiefe Verbundenheit zu seiner Familie, die WM - und er erklärt seinen Wechsel zum FC Valencia.

SPORT1: Das DFB-Team hat sich in Frankfurt auf das Spiel in Polen vorbereitet. Von Frankfurt bis in Ihre Heimat Bebra sind es nur 150 Kilometer. Waren Sie zu Hause?

Shkodran Mustafi: Nach dem Training in Valencia bin ich am Montagmorgen nach Hause gereist und am Dienstag zur Nationalmannschaft gekommen. Es war leider nur ein ganz kurzer Besuch.

SPORT1: Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zur Familie und zu Freunden in der Heimat?

Mustafi: In all den Jahren, in denen ich in England und Italien gespielt habe, war mir der Kontakt mit Zuhause immer sehr wichtig. Daran hat sich nichts geändert. Wenn ich sehe, wie meine früheren Mannschafts- und Klassenkameraden ihre "normalen" Leben führen und arbeiten gehen, hält mich das auf dem Boden und zeigt mir, dass ich mich glücklich schätzen kann, meinen Traum leben zu können. Ich würde aber notfalls auch den Fußball aufgeben, wenn es sein müsste, um mit meiner Familie leben zu können. Die Familie, meine Wurzeln sind das Wichtigste. Alles andere kommt danach.

SPORT1: Aber Sie haben schon als Jugendlicher ihr Zuhause verlassen, sind nach Hamburg gezogen, dann nach England und Italien.

Mustafi: In Bebra gibt es leider nicht die Möglichkeit, im Fußball Karriere zu machen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als von Zuhause wegzugehen. Meine Eltern standen immer hinter mir und haben mir nie gefehlt, weil sie mich überall besucht haben. Obwohl ich seit meinem 14. Lebensjahr nicht mehr zu Hause gewohnt habe, hatte ich nie das Gefühl, die enge Bindung zu meiner Familie zu verlieren.

SPORT1: Es gab Spekulationen, Sie würden vielleicht in die Bundesliga wechseln. Sie haben sich aber für Valencia entschieden. Was war ausschlaggebend?

Mustafi: Es wurde viel spekuliert, weil viele davon ausgingen, dass ich auf jeden Fall wechseln würde. Für mich war das aber zunächst nicht so ganz klar. Ich habe überlegt, ob ich noch ein Jahr in Genua bleibe. Einfach um alles, was in diesem Jahr mit der Nationalmannschaft passiert ist, zu bestätigen. Aber letztendlich habe ich mich entschieden, den nächsten Schritt zu machen. Aber nicht den nächsten Sprung.

SPORT1: Wie meinen Sie das?

Mustafi: Ich wollte nicht zu einem absoluten Top-Verein, sondern den nächsten Schritt machen. Und da war Valencia einfach perfekt. Es ist kein Verein, der wie Genua gegen den Abstieg spielt, sondern die Champions League als Ziel hat. Wichtig war auch, dass ich im neuen Verein konstant zu Einsätzen komme. Mein nächster Gedanke ist die Europameisterschaft 2016. Und wenn du im Verein nicht regelmäßig spielst, schrumpfen die Chancen.

SPORT1: Sie spielen im Land des amtierenden Europameisters und ehemaligen Weltmeisters. Werden Sie als Weltmeister anders angesehen als zuvor?

Mustafi: Es macht schon etwas aus. Man sieht einen Weltmeister einfach mit anderen Augen. Das würde ich auch so machen, wenn einer in meine Mannschaft käme. Ich genieße dieses Ansehen, aber auf der anderen Seite weiß ich, dass es nicht reicht, sich darauf auszuruhen. Mein Anspruch ist es, den Maßstab hochzuhalten und weltmeisterliche Leistungen zu zeigen.

SPORT1: Wie bewerten Sie das Niveau in der spanischen Liga im Vergleich zu Italien und England?

Mustafi: Die Italiener versuchen in erster Linie, defensiv gut zu stehen. In Spanien versucht man das auch. Aber sobald man den Ball erobert, wird zielstrebig und so schnell wie möglich nach vorn gespielt, um zum Abschluss zu kommen. Man hat weniger Zeit, es ist ein Mix zwischen Italien und England. England war für mich immer Entertainment, es ging rauf und runter, kreuz und quer.

SPORT1: Die Spielweise in Spanien müsste Ihnen für die Nationalmannschaft also entgegenkommen.

Mustafi: Ja. Für mich war es auch wichtig, vor meiner Entscheidung für einen Wechsel meinen zukünftigen Trainer kennenzulernen. Ich habe mich mit ihm zusammengesetzt um herauszufinden, ob ich überhaupt in seine Mannschaft passe. Ich habe schnell gemerkt, dass wir dieselbe Auffassung von Fußball haben und seine Spielidee der Idee der Nationalmannschaft entspricht.

SPORT1: Joachim Löw hat Ihnen sehr viel Vertrauen entgegengebracht. In Brasilien haben Sie sich verletzt, Sie haben auch die ersten beiden Länderspiele nach der WM verpasst. Haben Sie gegenüber den anderen Spielern noch einen Rückstand aufzuholen?

Mustafi: Ich hatte im September noch mit meiner Verletzung zu kämpfen und hatte Trainingsrückstand. Ich habe mir genügend Zeit genommen, um die muskulären Probleme auszukurieren. Ich habe in Valencia drei Spiele gemacht, zuletzt hatten wir eine englische Woche. Ich hatte keine Probleme mehr und kann sagen, dass ich bei 100 Prozent bin.

SPORT1: Löw hat sich noch nicht auf einen Rechtsverteidiger festgelegt. Rechnen Sie sich aus, schon in Polen auf der Position, auf der Sie auch bei der WM gespielt haben, eingesetzt zu werden?

Mustafi: Ich war schon in der Schule schlecht im Rechnen (lacht). Ich nehme es, wie es kommt. Wenn ich in Polen spielen sollte, wissen der Trainer und meine Mitspieler, dass ich versuche, der Mannschaft so weit es geht zu helfen. Wenn nicht, werde ich das Team von außen unterstützen. Bei der WM hat genau das zum Erfolg geführt. Wir waren immer ein Truppe. Egal, wer auf dem Platz stand.

SPORT1: Sie haben in Brasilien dreimal gespielt und sich dann verletzt. Wie war das Gefühl, nicht mehr helfen, aber dann den Titel feiern zu können?

Mustafi: Es ging die ganze Zeit auf und ab. Erst die Einladung vom DFB, dann hat es nicht für den endgültigen Kader gereicht, und schließlich wurde ich nachnominiert. Das Gute war, dass es mit einem Hoch geendet hat - dem höchsten überhaupt: Wir sind Weltmeister geworden. Die Stimmung war bei der WM so gut, dass man sich immer als ein Teil der Mannschaft gefühlt hat. Ich habe gar nicht realisiert, dass ich verletzt war. Ich war voll dabei, habe mitgelebt und mitgefiebert. Es war eine super Erfahrung.

SPORT1: Während der WM hat Per Mertesacker Sie in den höchsten Tönen gelobt und gemeint, er könne sich von Ihnen sogar etwas abschauen. Wie gehen Sie mit einem solchen Lob um?

Mustafi: Es freut mich sehr und macht mich stolz, wenn jemand wie Per so etwas sagt. Aber ich weiß, dass ich noch viel lernen muss, um das zu erreichen, was er geschafft hat und irgendwann nach 100 Länderspielen Platz für die Nächsten zu machen.

SPORT1: Am Samstag in Polen geht es gegen Robert Lewandowski, einen der besten Stürmer der Welt. Wie kann man ihn stoppen?

Mustafi: Wir haben immer eine Lösung. Wir werden auch für ihn eine finden.

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