vergrößernverkleinern
In Saint-Denis fallen bei einem Polizeieinsatz erneut Schüsse
Die Polizei ist schnell in der ganzen Stadt präsent © Getty Images

Paris - Aus Routine wird ein Einsatz im Krisengebiet. Frankreich erlebt schwarze Stunden, der Sport ist egal. Bericht einer surrealen Nacht voller Ungewissheit.

Es ist Nacht in Saint Denis. Ein Hubschrauber kreist am dunklen Himmel, man sieht Blaulichter und hört Polizeisirenen.

Die Zuschauer strömen aus dem Stade de France, wollen schnell nach Hause. Doch plötzlich bricht Panik aus, weil irgendwo ein lautes Geräusch zu hören ist. Es klingt wie ein Schuss. Menschen rennen um ihr Leben, zurück ins Stadion. Ich renne mit.

Schlechtes Gefühl

Drinnen springen Menschen von den Tribünen auf den Rasen. Doch die Lage beruhigt sich. Falscher Alarm. Das macht mein schlechtes Gefühl in der Magengrube aber auch nicht besser.

Nur weg hier, denke ich. Weg von diesem Stadion, weg von diesem Ort, wo Selbstmord-Attentäter unschuldige Menschen in den Tod reißen wollten. Weg aus Frankreich. Aus dem Land, das sich nach den Terror-Anschlägen vom Freitag im Ausnahmezustand befindet.

Ich gehe in Richtung der Station La Plaine - Saint Denis. Zur RER, der Pariser S-Bahn. Jochen ruft an. Er und Markus, meine Kollegen, sind noch im Stadion. Genau wie die deutsche Mannschaft. Doch das erfahre ich erst später. Die Verbindung bricht ab.

Die Situation ist diffus. Dennoch leert sich das Stadion erstaunlich geordnet. An mir gehen Schulklassen vorbei, die Lehrer und Betreuer bemühen sich, den Kindern Normalität zu zeigen.

Paris steht still

Ich muss zum Hotel. Das ist am Flughafen Charles de Gaulle, mein Flug nach Hannover geht am Samstagmorgen. Doch wie komme ich hin? Die RER fährt nicht, wegen der Attentate, erklärt mir ein Polizist. Ich frage ihn nach dem Weg zu einem Taxistand. Er zeigt mir die Richtung und sagt: 20 Minuten.

Ich fühle mich sicher, weil an fast jeder Straßenecke Polizei steht. Viele Straßen sind gesperrt. Dann endlich: ein Taxi. Nach 45 Minuten Fußmarsch.

Schwarzer Tag für Frankreich

In der Lobby meines Hotels laufen die Fernseher. "Bilan Provisoire: 118 Morts" steht auf einer gelben Bauchbinde. Man sieht Polizisten in schwarzen Uniformen, Ministerpräsident Francois Hollande gibt eine Erklärung ab. Es ist einer der schwärzesten Tage in der Geschichte Frankreichs.

In der Lobby versorgt eine Frau ihre blutende Wunde am Bein. Sie hatte sich verletzt, als in der Metro Panik ausbrach.

Ich rufe zuhause an, ich schreibe WhatsApp-Nachrichten, ich twittere, ich kann nicht schlafen.

Es beginnt normal

Rückblick: Der Freitag beginnt wie ein ganz normaler Spieltag.

Am Morgen noch ein, zwei Texte schreiben, mit den Kollegen in München telefonieren, den Plan für den Abend besprechen. Das Übliche.

Doch am Vormittag schreckt uns eine Meldung auf: Bombendrohung im Hotel der Nationalmannschaft! Also schnell die Ausrüstung packen, von der Situation vor Ort berichten.

Warten, twittern, filmen

Für mich eine lange Fahrt vom Hotel am Stade de France mit der Metro, die Kollegen Jochen und Markus wohnen in der Nähe des Teamhotels in Boulogne und sind sofort zur Stelle.

Während die Mannschaft samt Entourage auf der benachbarten Tennisanlage von Roland Garros die Zeit überbrückt, stehen wir draußen vor dem Zaun und versuchten einen Blick auf das zu erhaschen, was sich im Inneren abspielt. Warten, twittern, filmen.

Nach etwa zwei Stunden ist der Spuk vorbei, die Spürhunde haben nichts gefunden, die Spieler werden zurück ins Hotel gefahren. DFB-Teammanager Oliver Bierhoff gibt ein Statement ab. Jochen und Markus überspielen ihr Material, ich schreibe noch einen Text. Routine. Die Bombendrohung ist kein Thema mehr.

Weitere 100 Menschen sterben

Wir fahren ins Zentrum von Paris, Stimmung einfangen und das Flair der Weltstadt schnuppern. Auf dem Weg zum Stadion steige ich mit einem anderen Kollegen an der Station "Temple" in die Metro ein. Nur ein paar hundert Meter von hier entfernt sterben im Musikclub Bataclan nicht einmal drei Stunden später 100 Menschen.

Wir sind im Stadion. Das Spiel läuft. Wir hören einen lauten Knall, dann einen zweiten, einen dritten.

Sieben Anschläge, mehr als 120 Tote. An Schlaf ist in dieser Nacht nicht zu denken.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel