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München - War die Länderspiel-Absage in Hannover richtig, welche Folgen ergeben sich für die Bundesliga? Sicherheits-Experte Helmut Spahn im SPORT1-Interview.

Der Sport und die Sicherheit: Kaum einer kennt sich bei diesen beiden Themenfeldern besser aus als Helmut Spahn.

Der 54-Jährige war Sicherheitschef der WM 2006 in Deutschland, Sicherheitsbeauftragter des DFB, seit 2011 ist der langjährige Polizeibeamte Generaldirektor des International Centre for Sport Security in Doha.

Im SPORT1-Interview ordnet er die Absage des deutschen Länderspiels gegen die Niederlande ein und bewertet die Folgen der Anschläge von Paris und des Terror-Alarms in Hannover für die Bundesliga und ihre Fans.

SPORT1: Herr Spahn, das Länderspiel sollte ein Symbol gegen den Terror werden, jetzt ist es wegen eines Terror-Alarms abgesagt worden. Nach allem, was man weiß: Die richtige Entscheidung?

Helmut Spahn: Absolut. Die Verantwortlichen konnten nicht anders reagieren. Wenn die Informationen über eine konkrete Gefährdung sich so verdichten und die Frage lautet, ob man ein Risiko eingehen kann, kann die Antwort nur "Nein" lauten.

SPORT1: Lief bei der Durchführung der Absage und der Evakuierung des Stadions aus Ihrer Sicht alles richtig?

Spahn: Es ist alles sehr gelassen und unaufgeregt passiert. Es ist schwer, so kurzfristig alle Detailentscheidungen richtig zu treffen, aber nach allem, was ich mitbekommen habe, ist das gut gemacht worden. Klar, es gibt enttäuschte Fans, auch einige, die sich mehr Informationen gewünscht hätten, aber das ist normal.

SPORT1: Zum zweiten Mal in kurzer Zeit wird ein großes Fußballspiel Zielscheibe. Hat der Terrorismus den Fußball jetzt als willkommenes Ziel für sich entdeckt?

Spahn: Das glaube ich nicht. Natürlich haben die Ereignisse von Paris eine neue Qualität, aber prinzipiell ist es nichts Neues, dass Sportveranstaltungen ein Ziel sind - so wie jeder Ort, an dem viele Menschen öffentlich zusammenkommen: Bahnhöfe, Flughäfen und, und, und. Wir können als Konsequenz daraus nicht unser Leben umstellen und das Haus nicht mehr verlassen. Nicht falsch verstehen, aber: Die Teilnahme am Straßenverkehr ist ein größeres Risiko als Opfer eines Terroranschlags zu werden, die Wahrnehmung und Gefühlslage ist aber eine andere. Wir müssen sensibel mit der Bedrohung umgehen, aber - so schwer es fällt - auch eine gewisse Gelassenheit und Ruhe bewahren.

SPORT1: Die öffentliche Wirkung, die ein wegen Terrorgefahr abgesagtes Fußballländerspiel hat, ist trotzdem doch eine andere als zum Beispiel der Ausfall von Zügen und Flugzeugen.

Spahn: Ganz klar, damit muss man als Verantwortlicher für ein solches Ereignis aber auch rechnen. Und auch mit den Trittbrettfahrern, die sich durch Anschläge wie in Paris animiert fühlen. Wenn aber so eine schwerwiegende Entscheidung wie die Absage in Hannover passiert, dann hat sicher nicht nur irgendwer die 110 angerufen.

SPORT1: Der nächste Bundesliga-Spieltag soll dennoch stattfinden, wie DFB-Interimspräsident Reinhard Rauball schon klargestellt hat. Müssen die Sicherheitsvorkehrungen verschärft werden, allein um den Fans jetzt das Gefühl eines gefahrenfreien Stadionbesuchs zu geben?

Spahn: Das wird definitiv passieren. Wobei das mit dem Sicherheitsgefühl so eine Sache ist: Eine große Polizeipräsenz beruhigt die einen, andere verunsichert sie eher. Ich finde sie in diesem Fall richtig, werbe aber gleichzeitig dafür, Ruhe und Gelassenheit zu bewahren. Die Fans sollen ins Stadion gehen. Wenn wir das als zu unsicher einstufen, dann müssten wir auch eine Vielzahl anderer Örtlichkeiten meiden und - wie gesagt - unser ganzes Leben umstellen.

SPORT1: Bundesinnenminister Thomas de Maiziere sagte in seiner Pressekonferenz, dass "ein Teil der Antworten die Bevölkerung verunsichern würde". Für beides erntet er nun Kritik. Zu Recht?

Spahn: Man muss seine Situation verstehen: Er gibt eine Pressekonferenz in einer Lage, in der unheimlich viele Informationen kursieren und in der schnell entschieden werden musste. Ich denke, dass er sich anders ausdrücken wollte. Generell sollte sicher vermittelt werden, dass man aus ermittlungstaktischen Gründen zu weiteren Einzelheiten aktuell nicht sagen kann, das hätte gereicht. Den Vertrauensvorschuss, den er sich gewünscht hat, sollte man ihm geben.

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