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Paris - Im SPORT1-Interview spricht DFB-Präsident Reinhard Grindel über AfD-Anfeindungen gegen Nationalspieler, Sicherheit bei der EM und Aussichten des DFB-Teams.

Für Reinhard Grindel ist die EM in Frankreich das erste große Turnier als DFB-Präsident.

In den letzten Wochen musste er sich dabei mit vielen Themen abseits des Sportlichen beschäftigen. Den Attacken mehrerer AfD-Politiker auf deutsche Nationalspieler beispielsweise.

SPORT1 traf Grindel bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Fußball und Integration. Im Interview spricht er über seinen Umgang mit den Anfeindungen aus der rechten Ecke, die Sicherheitslage bei der EM und die sportliche Situation des DFB-Teams

SPORT1: Herr Grindel, Fußball und Integration ist ein Thema, das derzeit mehr im Mittelpunkt steht, als man es sich vielleicht wünscht. Bedrohen die Begleitumstände die Arbeit, die an der Basis geleistet wird?

Reinhard Grindel: Nein, beides gehört zusammen: Klar Flagge zu zeigen in der Öffentlichkeit, wenn Spieler wie Jerome Boateng zu parteipolitischen Zwecken missbraucht werden. Aber auf der anderen Seite auch zu betonen, dass wir uns nicht nur vor unsere Nationalspieler stellen, sondern auch vor die Spieler mit Migrationshintergrund, die an der Basis in unseren Vereinen aktiv sind. Die dort integriert werden und ein soziales Umfeld vorfinden. Auch sie verdienen es gleichermaßen, wenn sie auf oder neben dem Platz angegriffen werden, unsere Solidarität zu erfahren.

SPORT1: Sollte man Angriffe, wie die verschiedener AfD-Politiker auf Nationalspieler, nicht einfach ins Leere laufen lassen?

Grindel: Ich habe mir bei allen Themen - ob es jetzt um die Kinderschokolade, Herrn Gauland oder die Mekka-Bilder von Mesut Özil ging - sehr genau überlegt, ob ich überhaupt darauf eingehen soll. Aber es ist eben wichtig, Flagge zu zeigen, klar Stellung zu beziehen und sich dabei sprachlich nicht auf dasselbe Niveau zu begeben. Es wäre schön, auch diese Leute eines Besseren zu überzeugen. Da habe ich aber bei einigen leider meine Zweifel.

SPORT1: Der Fußball wird zuletzt immer wieder instrumentalisiert. Ob jetzt von rechtspopulistischen Kräften oder eben auch von Hooligans. Bedroht das die integrative Kraft, die der Fußball gerade an der Basis hat?

Grindel: Überhaupt nicht, wir lassen uns da gar nicht beirren. Wir haben die Aktion "1:0 für ein Willkommen", wo es besonders um die Integration von Flüchtlingen in unsere Vereine geht. Über 2000 Vereine haben hier schon eine Förderung erhalten. Die Vereine integrieren die Flüchtlinge nicht nur in ihre Mannschaften, sondern helfen auch bei Behördengängen und bieten kleine Sprachkurse an. Menschen mit Migrationshintergrund gehören zur Wirklichkeit unserer Vereine. Das wird durch die öffentliche Diskussion in keiner Weise beeinträchtigt. Die Vereine machen ihre Arbeit in aller Regel sehr gut.

SPORT1: Neben dem Thema Integration bestimmte auch das Thema Hooligan-Gewalt den Auftakt der EM. Deutsche Hooligans haben in Lille friedlich feiernde Fans angegriffen. Wie hat der DFB darauf reagiert?

Grindel: Wir haben im Vorfeld schon viel gemacht. Es war im Vorfeld beispielsweise umstritten, ob wir Eintrittskarten nur an Mitglieder des Fanclubs Nationalmannschaft oder an alle vergeben. Wir haben uns für den ersten Weg entschieden und in den Stadien war es bei beiden Spielen bisher sehr friedlich. Das hat uns darin bestärkt, dass es der richtige Weg war, Karten an die zu verkaufen, die wir kennen.

SPORT1: Aber was kann man gegen die Gewalttäter außerhalb der Stadien tun?

Grindel: Wir versuchen im Zusammenwirken mit den Sicherheitsbehörden, mit der deutschen Polizeidelegation und durch die Arbeit unserer Fanbotschaft dafür zu sorgen, dass diejenigen, die Gewalt anwenden wollen, isoliert werden. Gerade bei dem Polen-Spiel hat sich gezeigt, dass es erfolgreiche Ansätze sind. Wir wollen uns da nicht überheben: Die Einschätzung gilt für den bisherigen Turnierverlauf und wir wissen nicht, was bei den kommenden Spielen ist. Aber dass es in den Stadien bei unseren Spielen bisher friedlich geblieben ist, ist ein gutes Signal.

SPORT1: Waren Sie froh, als das Polen-Spiel vorbei war und nichts passiert ist?

Grindel: Ich bin sehr froh, dass wir insgesamt bisher eine gute Bilanz ziehen können. Das ist vielleicht auch eine gewisse Mahnung, im Vorfeld eines solchen Spiels bestimmte Themen in der öffentlichen Diskussion nicht zu hoch zu ziehen. Denn die Wahrheit war, dass wir im Stadion Ruhe hatten und weitgehend auch um das Stadion herum.

SPORT1: Sie sind auch Leiter der DFB-Delegation bei dieser EM. Wie beurteilen Sie das Turnier bisher in den Punkten Sicherheit und Organisation?

Grindel: Ich kann das beurteilen, was wir mit der deutschen Mannschaft an Erfahrungen machen. Vor allem in unserem Basecamp in Evian. Dort können wir überhaupt keine Kritik äußern. Wir haben den Eindruck, dass die französischen Sicherheitsbehörden alles Notwendige für unsere Sicherheit tun. Das gilt auch für die Spielorte, in denen wir zu Gast waren.

SPORT1: In Lille gab es allerdings die deutsche Hooligan-Attacke.

Grindel: In Lille hätten Dinge besser gemacht werden können. Da hat es nach meinen Informationen anschließend auch Besprechungen und Analysen gegeben. Auch unter Einbeziehung von deutschen Sicherheitsexperten, die Hinweise auf den Umgang mit deutschen Hooligans gegeben haben.

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SPORT1: Kommen wir kurz zum Sportlichen. Nach dem 0:0 gegen Polen herrschte große Enttäuschung, gerade auch bei den Spielern. Wie schätzen Sie die Ausgangslage für den Rest des Turniers ein?

Grindel: Ich gehe davon aus, dass wir uns sehr konzentriert auf das Spiel gegen Nordirland vorbereiten. In der Abwehr stehen wir ausgesprochen stabil. Ich freue mich, dass Mats Hummels das Spiel sehr gut durchgestanden hat. Bis Dienstag kommt es darauf an, dass wir im Offensivbereich das ein oder andere noch entwickeln. Aber ich bin mir ganz sicher, dass die Mannschaft mit jedem Tag, den sie zusammen trainiert, zusammenwachsen wird. Es wird besser werden und wir werden gegen Nordirland mit großem Optimismus antreten.

SPORT1: Bringt der Delegationsleiter Grindel seine Meinung in Fachgesprächen mit dem Bundestrainer ein?

Grindel: Ich werde einen Teufel tun! Wir haben eine klare Aufgabenteilung: Jogi Löw ist für das Sportliche zuständig und ich kümmere mich um meine Aufgaben. Ich informiere mich, ich lasse mich unterrichten – aber ich gebe keine Hinweise.

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