vergrößernverkleinern
Bundestrainer Joachim Löw (M.) muss unter anderem mit Benedikt Höwedes (l.) und Sami Khedira mehr Geschwindigkeit ins eigene Spiel bekommen © SPORT1-Montage: Philipp Heinemann/Getty images

Paris - Gegen Polen hakte es bei der Nationalelf in der Offensive - es gab viel Kritik. Gegen die Defensivkünstler aus Nordirland kommen die Probleme zur denkbar schlechten Zeit.

Dominanz ist nicht gleichbedeutend mit Erfolg. Das musste die deutsche Mannschaft beim Remis gegen Polen einmal mehr schmerzlich erfahren. Die Abstimmung in der DFB-Offensive ist verbesserungswürdig. Da kommen die nordirischen Betonmischer als nächster Gegner zur Unzeit (ab 17 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER). 

Eine Szene aus der Partie zwischen Deutschland gegen Polen: Thomas Müller erhält den Ball im rechten Halbfeld. Er möchte die gegnerische Verteidigung auf dem falschen Fuß erwischen. Müller schlägt den Ball diagonal hinter die Abwehr. Doch auf der linken Seite ist Jonas Hector nicht rechtzeitig da, um das Spielgerät noch zu erreichen.

Video

Diese Situation aus der 21. Minute war geradezu exemplarisch für das Auftreten der DFB-Elf im zweiten Gruppenspiel. Es mangelte den Deutschen keineswegs an Ideen, wie die gegnerische Abwehr zu knacken wäre, aber die Abstimmung zwischen den einzelnen Akteuren war unzureichend.

Der Pass in die Tiefe erfolgte zu spät, er war nicht präzise genug, der Mitspieler lief zu früh hinter die Abwehr oder startete in die falsche Zone. Alle Rädchen müssen ineinandergreifen, um eine massierte Verteidigung zu überwinden.

Angriffe variieren

Die deutsche Offensivabteilung musste in den letzten Tagen viel Kritik einstecken. Der ehemalige Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack sprach beispielsweise davon, dass im finalen Spielfelddrittel "die letzte Überzeugung" fehle.

Es ist jedoch fraglich, inwieweit die DFB-Auswahl mit einer vertikaleren Ausrichtung – sprich mit schnellerem Spiel in die Spitze – Erfolg haben würde. Dicht gestaffelte Defensivreihen lassen sich nicht so einfach aushebeln.

Bundestrainer Joachim Löw wird an der grundsätzlichen Strategie sicherlich wenig ändern, aber er kann an den erwähnten Abstimmungsproblemen arbeiten.

Eine Möglichkeit bestünde darin, Passstafetten und Dribblings zu variieren. Oftmals konzentrieren sich die Gegner darauf, die Passwege der Deutschen zu blockieren. Würden also die talentierten Dribbler der DFB-Elf häufiger das Eins-gegen-Eins suchen, könnten sich Freiräume ergeben.

Video

Personelle Wechsel denkbar

Für Löw wäre es überlegenswert, die Positionen von Müller und Mario Götze zu tauschen, wie er es bereits nach der Halbzeitpause im Polen-Spiel getan hat. Müller ist auf der Außenbahn im Moment eher verschenkt, während Götze vom Flügel besser auf die Verteidigung zudribbeln kann.

Hilfreich wäre in diesem Kontext, wenn Rechtsverteidiger Benedikt Höwedes häufiger Vorstöße unternimmt – und dabei nicht nur an der Seitenlinie bleibt. Gegen Polen sprintete er in der zweiten Halbzeit einmal durch den Halbraum und erzeugte sofort Gefahr im Strafraum.

Um den Ball jedoch überhaupt zur rechten Seite bewegen zu können, muss die deutsche Mittelfeldzentrale flexibler im Aufbau werden. Löw könnte über personelle Anpassungen nachdenken und muss nicht starr an seiner Startformation festhalten.

Sami Khedira ist als zweiter Sechser neben Spielgestalter Kroos vor allem wichtig und wertvoll, wenn es wie im Ukraine-Spiel größere Räume gibt, in die der 29-Jährige hineinstoßen kann. Gegen Polen wiederum war Khedira nicht so wirkungsvoll, weil ihm der Platz fehlte.

Video

Ein zweiter Ballverteiler wie etwa Bastian Schweinsteiger könnte Kroos im Spielaufbau entlasten und das deutsche Angriffsspiel überraschender gestalten. 

Geduldsspiel für Deutschland

Angesichts der aktuellen Offensivprobleme kommt mit Nordirland eine unangenehme Mannschaft, die der DFB-Auswahl in Strafraumnähe auch wenig Platz anbieten wird. Trainer Michael O'Neill lässt im 5-3-1-1 aggressiv zum Ball verschieben.

Im alternativen 4-3-3 setzt er auf enge Manndeckung. Je nachdem, wo O'Neill die Schwachpunkte bei Deutschland sieht, wird er entweder dem Ballführenden Platz lassen und die Anspielstationen zustellen oder den Ballführenden umstellen und einige Gegenspieler fernab des Balls unbewacht lassen.

In beiden Fällen werden die Nordiren in der eigenen Hälfte Beton anrühren – also eng stehen und ihre physische Präsenz ausnutzen. Im Gegenzug fliegen einige lange Bälle in Richtung des eigenen Mittelstürmers Conor Washington (oder Kyle Lafferty). Er erhält vielleicht von Spielmacher Steven Davis noch Unterstützung, ist aber ansonsten häufig auf sich allein gestellt, wenn er Bälle festmachen soll, bis der Rest des Teams nachrückt.

Für Deutschland könnte es ähnlich wie gegen Polen ein Geduldsspiel in der Offensive werden, während die Verteidiger über 90 Minuten wachsam bleiben müssen.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel