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Marseille - Kein vierter EM-Titel für Deutschland, Frankreich jubelt. Joachim Löws Mannschaft vergibt riesige Chancen und wird bitter vom besten Torjäger des Turniers bestraft.

Elfmeter-Verursacher Bastian Schweinsteiger raufte sich die Haare, Jerome Boateng kauerte bandagiert auf der Bank und suchte mit seinen Augen die große Leere, Mesut Özil fiel auf den Rasen.

Als der Traum vom Endspiel in Paris geplatzt war, rappelten sich die deutschen Weltmeister nur langsam wieder auf, um sich mit versteinerten Gesichtern von ihren Fans zu verabschieden. Zu bitter war das Aus im EM-Halbfinale gegen Frankreich, zu dramatisch. (Ergebnisse und Spielplan der EM 2016)

Neuer und Bierhoff frustriert

"Wir haben eine gute EM gespielt, aber wir sind ausgeschieden. Das ist ein Halbfinale, blödere Momente gibt es nicht", klagte Torhüter Manuel Neuer, auch noch sichtlich mitgenommen, nach dem 0:2 (0:1) in Marseille. "Das ist kein faires Ergebnis." Teammanager Oliver Bierhoff fügte im ZDF frustriert hinzu: "Das war ein unglückliches und dummes Aus. Eigentlich hätte man von den Spielanteilen her das Spiel gewinnen müssen."

Bundestrainer Joachim Löw war angefasst. Auf die Frage, ob er auch künftig auf der Bank sitzen werde, presste er heraus: "Ich denke mal." Seiner Mannschaft machte er ein "Riesenkompliment" für das Spiel: "Wer viel riskiert, läuft Gefahr zu verlieren. Wer nichts riskiert, hat von vornherein verloren."

Aber das Aus war auch ein selbstverschuldetes. Nach einem Handspiel des zuvor überragenden Schweinsteiger und einem groben Abwehrfehler verlor die deutsche Mannschaft das packende Halbfinale gegen den Gastgeber. "Das war unser bestes EM-Spiel, auch wenn es blöd klingt. Ich kann der Mannschaft nichts vorwerfen. Das ist bitter", sagte Toni Kroos.

Antoine Griezmann (45.+2 und 72.) verwandelte vor 64.078 Zuschauern in Marseille zunächst den von Schweinsteiger verursachten Handelfmeter.

Griezmann spürt die Unterstützung Frankreichs

"Ich habe den Elfmeter im Champions-League-Finale verschossen und wollte ganz sicher gehen, dass ich ihn versenke. Das ganze Land steht hinter uns. Das war sehr viel Arbeit, die wir geleistet haben. Alle haben sich voll ins Zeug gelegt", sagte Griezmann. 

Mit seinem zweiten Tor machte er der Hoffnung auf das zweite deutsche Double aus WM und EM nach 1974 ein Ende.

In dieser Szene patzten Benedikt Höwedes, Joshua Kimmich, Shkodran Mustafi und am Ende sogar Torhüter Manuel Neuer. (Das Spiel zum Nachlesen im TICKER)

Frankreich hat noch kein Finale verloren

Frankreich erwartet in seinem dritten EM-Finale nach 1984 und 2000 am Sonntagabend (ab 20.30 Uhr in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) Portugal - die Equipe tricolore hat noch kein Endspiel verloren. 1984 (EM) und 1998 (WM) gewann sie ihre Heimturniere. Die DFB-Auswahl verlor erstmals seit 50 Jahren gegen einen Turniergastgeber.

Bis Schweinsteiger im Kopfballduell mit Patrice Evra seinen rechten Arm hochriss und den Ball blockte, hatte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw das Spiel im Griff gehabt. Nach anfänglichen Problemen waren die Räume eng, der Ball lief gut, es gab mehrere Chancen - und Schweinsteiger war der stärkste Mann auf dem Platz.

Der berechtigte Elfmeter, pikanterweise nach dem italienischen EM-Aus gegen Deutschland im Viertelfinale vom Italiener Nicola Rizzoli gepfiffen, war ein Schock. Er zwang die Deutschen in die Offensive, Löw zeterte an der Seitenlinie. In der 61. Minute musste auch noch Abwehrchef Jerome Boateng verletzt raus. Beim Versuch, einen langen Pass zu schlagen, schmerzte sein rechter Oberschenkel.

Löw überrascht mit Aufstellung

Mit seiner Aufstellung hatte Löw überrascht. Dass Schweinsteiger beginnen würde, hatte der Bundestrainer verraten, und doch stand beim Anpfiff auch Emre Can auf dem Spielfeld. In seinen bisherigen sechs Länderspielen hatte der 22-Jährige als Rechtsverteidiger gespielt, diesmal sollte er helfen, das Zentrum zu verdichten.

Der gelbgesperrte Mats Hummels und der verletzte Sami Khedira fanden sich in der Rolle der Mutmacher wieder: "Auf geht's Jungs, ihr schafft das", schrieben sie in einem Tweet kurz vor dem Anpfiff vom Spielfeldrand. Für Hummels spielte Höwedes, mit dem die DFB-Auswahl erstmals ein Pflichtspiel verlor. Für Boateng kam Mustafi ins Spiel.

Die deutsche Defensive kam anfangs gewaltig ins Schwimmen. In den ersten Minuten übten die Franzosen enormen Druck aus, die deutsche Mannschaft wirkte überrascht. Neuer vereitelte einen Rückstand, indem er einen Schuss Griezmanns parierte, der Franzose war zuvor an Mesut Özil und Höwedes vorbeigestürmt (7.).

Lloris pariert glänzend

Erst nach dieser Szene gelang es der deutschen Mannschaft, das Spiel zu beruhigen. Prompt ergaben sich gute Gelegenheiten: Nach Vorlage Cans verpasste Thomas Müller knapp den Ball (13.), kurz darauf war es der französische Torhüter Hugo Lloris, der einen Linksschuss von Can nach Vorlage von Özil glänzend parierte. Mario Gomez (Muskelfaserriss) fehlte im Sturmzentrum schmerzlich.

Aber, keine Frage, die deutsche Mannschaft war jetzt im Spiel. Can und Kimmich bildeten auf der rechten Seite lange ein ordentliches Tandem, auch wenn es bei Kontern der Franzosen stets etwas unsicher wirkte. Der Chef auf dem Spielfeld war jetzt Schweinsteiger, und er prüfte zwischendurch in der 25. Minute Lloris mit einem Schlenzer.

Götze kommt für Can

Die beste Chance ergab sich dann aber doch für die Franzosen: Olivier Giroud gewann auf Höhe der Mittellinie ein Kopfballduell mit Boateng und lief auf und davon, verfolgt allein von Höwedes - im letzten Moment klärte der Schalker im Strafraum mit einer herausragenden Grätsche (42.).

Löw hoffte dann, dass sich Geschichte wiederholt - er brachte den WM-Helden Mario Götze für Can. Die deutsche Mannschaft mühte sich, aber eine Fehlerkette nach der Auswechslung von Boateng machte alles zunichte. Mustafi ließ sich von Paul Pogba austanzen, die folgende Flanke erreichte Neuer nur mit den Fingerspitzen, der Ball fiel Griezmann vor die Füße - 0:2.

Kurz drauf traf Kimmich mit einem Schlenzer das Lattenkreuz (74.). Fünf Minuten später hatte der eingewechselte EM-Debütant Leroy Sané das 1:2 auf dem Fuß. Das Aufbäumen kam spät. Zu spät.

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