vergrößernverkleinern
SPORT1-Redakteur Matthias Becker nimmt die deutsche Chancenverwertung ins Visier © SPORT1 Grafik: Imago

Oliver Kahn hat recht: Deutschland braucht wieder echte Stürmer. Das zeigte sich bei der Niederlage gegen Frankreich. Das Problem liegt nicht nur an Löws Kaderarchitektur. Kommentar.

Nach dem Viertelfinal-Erfolg gegen Italien habe ich an dieser Stelle dem TV-Experten Mehmet Scholl widersprochen. Der hatte die Taktik von Joachim Löw dafür verantwortlich gemacht, dass Deutschland gegen die Italiener um ein Haar ausgeschieden wäre.

Nach dem Halbfinal-Aus gegen Frankreich muss ich den TV-Experten Oliver Kahn unterstützen. Der macht einen Mangel an Durchschlagskraft und die Abkehr von den echten Torjägern für die Niederlage verantwortlich. Und Kahn hat Recht.

Deutschland hat gegen Frankreich nicht enttäuscht. Das Team von Joachim Löw hat in der ersten Halbzeit ab der sechsten Minute wahrscheinlich sogar die besten 39 Minuten des Turniers gespielt. Die Franzosen eingeschnürt, traumhaft sicher kombiniert – aber eben nicht das Tor getroffen.

Video

Nach dem Ausfall von Mario Gomez hat den deutschen Passkünstlern die Abnahmestelle für ihre Kombinationen gefehlt. Im Halbfinale eines großen Turnieres gegen den Gastgeber auszuscheiden, ist keine Schande. Auch nicht als Weltmeister. Die Franzosen haben tolle Individualisten in ihrer Mannschaft, mit Doppeltorschütze Antoine Griezmann sogar den Spieler des Turniers. Sie haben einen guten Trainer und einen starken Zusammenhalt.

Dass es in den Spielen vor und nach dem Mitwirken von Stürmer Gomez für das DFB-Team bei diesem Turnier aber nur zu einem Tor aus dem Spiel heraus reichte (Bastian Schweinsteigers 2:0 in der Nachspielzeit gegen die Ukraine), muss Joachim Löw zu denken geben.

Die Kaderarchitektur ist auf Spielertypen wie Mario Götze, Mesut Özil,  Julian Draxler und Thomas Müller ausgerichtet. Einen wirklichen Stürmer-Ersatz gibt es nicht. Wenn es beim Tor-Erwurschtler Müller dann mal nicht läuft, so wie bei dieser EM, wird es schnell ungefährlich. Schon in der EM-Qualifikation war das häufiger ein Thema.

Nun hat sich auch kein weiterer echter Mittelstürmer für eine Nominierung aufgedrängt. Genau hier muss aber angesetzt werden. Die zwei Jahre bis zur WM muss Löw kurzfristig nutzen, um auch solche Typen zu finden, auszuprobieren und an die Mannschaft heranzuführen. Langfristig gilt es für den DFB und seinen Sportdirektor Hansi Flick, in der Talentausbildung wieder mehr das Thema Abschlussqualitäten auf den Lehrplan zu bringen.

Es muss ja nicht gleich ein klassischer Neuner wie Gomez sein. Griezmann ist auch nur 1,76 Meter groß. Im Abschluss ist er aber eine Waffe. Nicht nur bei der EM, sondern auch schon vorher. Die Spieler und Fans des FC Bayern werden sich ungern daran erinnern.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel