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Germany v France - Semi Final: UEFA Euro 2016
Das deutsche Team hadert nach dem Halbfinal-Aus gegen Frankreich © Getty Images

Paris - Bei der EM muss das DFB-Team nicht nur Gegner Frankreich, sondern auch der Überbelastung Tribut zollen. Thomas Müller beklagt den Marathon-Spielplan. Abhilfe ist nicht in Sicht.

Am Freitagmittag landeten die deutschen Nationalspieler wieder in der Heimat.

Drei Tage früher als erhofft, nach dem 0:2 im EM-Halbfinale gegen Frankreich. Für manchen ging es per Flieger direkt weiter an irgendeinen Strand, andere freuten sich erstmal wieder auf die Lieben zuhause.

Was allen DFB-Profis gemeinsam sein dürfte, ist dieses Gefühl: endlich Urlaub!

Enttäuscht haben sie nicht bei diesem Turnier. Die Mannschaft von Joachim Löw hat ihren Stil durchgezogen, hatte alle ihre Gegner im Griff – und doch blieb das Gefühl, dass irgendetwas fehlte am Schluss gegen Frankreich. Diese letzten paar Prozent, die in entscheidenden Spielen den Unterschied ausmachen, so wie 2014 in Brasilien.

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Müller beschreibt mentale Belastung

Thomas Müller hatte schon vor dem Halbfinale einen Hinweis darauf gegeben, woran das liegen könnte und erstaunlich offenherzig darüber berichtet, was die hohe Belastung der Topspieler in Turnierjahren bedeutet.

"Du darfst drei Wochen Luft holen, dann wirst du wieder unter Wasser gedrückt. Mental ist das schon eine große Belastung", sagte er: "Wir wollen uns nicht beklagen, aber man sollte es auch nicht unter den Teppich kehren."

Die körperlichen Herausforderungen seien nicht das Problem bei teilweise 60 Pflichtspielen im Jahr. "Jeder Mensch, der gut trainiert ist, kann alle vier Tage viele Kilometer in hoher Intensität laufen. Aber es geht um mentale Ruhepausen."

Mentale Ermüdung wirkt sich aus

Die hat einer wie Müller, der als Profi des FC Bayern traditionell viele englische Wochen zu spielen hat, Jahr für Jahr kaum. In drei Wochen muss er wieder zur Vorbereitung in München antreten. Dann startet der Rhythmus von Trainings, Spielen und Reisen aufs Neue.

Nach der langen Saison im Verein waren die deutschen Spieler nun noch einmal knapp sieben Wochen bei der Nationalmannschaft. Auch wenn sie dafür selbstverständlich fürstlich entlohnt werden, darf nicht untergehen, dass es sich um junge Menschen handelt, die sich auch einmal freuen, wenn sie ihre Familien und Freunde sehen und abschalten können.

Eine mentale Ermüdung wirkt sich naturgemäß auch auf die Leistung aus. "Ich denke, dass insgesamt der Anteil der Psyche an jeder Form der Höchstleistung enorm hoch ist", sagt Dr. Babett Lobinger, Expertin für Leistungspsychologie an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Gerade in der absoluten Spitze seien die Unterschiede zwischen den Leistungen sehr gering, so Lobinger, die auch als Expertin bei der Fußballlehrer-Ausbildung des DFB im Einsatz ist, weiter: "Dann kann der mentale Bereich das Zünglein an der Waage sein."

Die zündende Idee fehlt

Wenn man so will, ist das bei dieser EM exemplarisch zu sehen. Gerade im deutschen Offensivspiel fehlte es bisweilen an der letzten zündenden Idee.

Zwar gehören auch die Topstars anderer Nationen wie Gareth Bale, Antoine Griezmann oder Cristiano Ronaldo zu den am höchsten belasteten europäischen Profis. Im Gegensatz zu Müller und Co. fehlt ihnen der große Titel mit dem Nationalteam aber noch.

Das ist eine Zusatzmotivation, die über die mentale Schmerzgrenze hinweghelfen kann.

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Abhilfe nicht in Sicht

Viele Trainer, angefangen von Ewald Lienen über Pep Guardiola bis Jürgen Klopp haben in den letzten Monaten und Jahren wegen des Problems der Überbelastung der Spieler schon Alarm geschlagen.

Hoffnung auf Besserung haben sie aber kaum. Wohl auch zu Recht. "Wir müssen diese Sorgen adressieren. Die Spieler sind der elementarere Bestandteil des Fußballs, wir müssen uns damit beschäftigen", sagte Interims-Generalsekretär Theodore Theodoridis bei der Abschluss-Pressekonferenz der UEFA am Freitag auf SPORT1-Nachfrage.

"Das ist ein generelles Problem, weil es verschiedene Wettbewerbe gibt. Wir können uns nicht auf einen Wettbewerb konzentrieren, wir müssen mit allen Beteiligten sprechen."

Er hätte auch einfach die Schultern zucken und sagen können: "Wat willste machen?"

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