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Bordeaux - Nach einem dramatischen Viertelfinale gegen Italien steht die deutsche Nationalmannschaft unter den letzten vier Teams der EM. Jonas Hector entscheidet vom Punkt.

Als Jonas Hector einen epischen Elfmeterkrimi mit seinem Zitterschuss zu einem glücklichen Ende gebracht hatte, tanzten die deutschen Weltmeister in Ekstase - und aus den Lautsprechern in Bordeaux erschallte die WM-Hymne "Ein Hoch auf uns".

Das Trauma Italien ist endlich besiegt, Deutschland steht nach insgesamt 18 Schüssen vom Punkt im Halbfinale der EM in Frankreich.

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Der Kölner Linksverteidiger Hector erzielte gegen den Angstgegner den entscheidenden Treffer zum 6:5, nachdem Simone Zaza, Thomas Müller, Mesut Özil, Graziano Pellè, Leonardo Bonucci, Bastian Schweinsteiger und Matteo Darmian verschossen hatten.

"Das ist schwer in Worte zu fassen. Ich bin überglücklich, dass er irgendwie reingegangen ist", sagte Hector. "Ich habe das Herz in die Hand genommen. Es war schwierig, wir hatten Glück."

Im neunten Turnierspiel gegen Italien gelang der DFB-Auswahl damit endlich der erste Sieg. Gegner am kommenden Donnerstag in Marseille ist Frankreich oder Island. Dann allerdings fehlt Mats Hummels wegen einer Gelbsperre. EM 2016

Boateng verursacht Elfmeter

Nach 90 Minuten und der Verlängerung hatte es 1:1 gestanden. Vor 38.764 Zuschauern in Bordeaux hatte zunächst ein Treffer von Mesut Özil (65.) das Spiel aus seiner taktischen Erstarrung gerissen. Italien aber glich nach einem Handspiel von Jerome Boateng im Strafraum durch Bonuccis Elfmeter aus (78.). (Die Torjäger der EM 2016)

Danach waren die Italiener in der regulären Spielzeit näher am Siegtreffer als die deutsche Elf, in der bereits ab der 15. Minute Schweinsteiger den verletzten Sami Khedira ersetzte. In der Verlängerung, als beide Mannschaften nicht mehr das letzte Risiko suchten, besaß dann der in der 72. Minute eingewechselte Julian Draxler die beste deutsche Gelegenheit (107.).

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Nicht weniger als acht Mal hatte Deutschland bei großen Turnieren versucht, Italien zu knacken - achtmal ging es schief, in legendären Duellen wie dem "Jahrhundertspiel" im WM-Halbfinale 1970 oder dem WM-Endspiel 1982. (Ergebnisse und Spielplan der EM 2016)

Und zuletzt im EM-Halbfinale 2012, als Bundestrainer Joachim Löw sich mit Toni Kroos als Bewacher von Andrea Pirlo verzockt hatte. Diesmal überraschte er mit einer defensiven Grundeinstellung - aber am Ende ging alles gut.

De Rossi kann nicht spielen

Die deutsche Mannschaft hatte sich ihre Führung nach zaghaftem Beginn zunächst verdient, sie tat nach der Pause mehr als die Italiener, die auf ihren Regisseur Daniele De Rossi verzichten mussten. (Das Spiel zum Nachlesen im TICKER)

Der Turnierbaum der EM 2016 in der Übersicht
Der Turnierbaum der EM 2016 in der Übersicht © SPORT1-Grafik: Paul Haenel

Der starke Mario Gomez, der das 1:0 prima eingeleitet hatte, hätte fast per Hacke das 2:0 erzielt (68.), Torhüter Gianluigi Buffon reagierte großartig. Kurz darauf musste Gomez (72.) verletzt vom Feld. Er fehlte danach als Anspielstation und Brecher im Strafraum.

Ausgerechnet der bis dahin herausragende Boateng brachte mit einem Missgeschick die Italiener wieder ins Spiel. Bedrängt von Giorgio Chiellini riss er im Strafraum beide Hände nach oben, der Ball flog an seinen rechten Arm, Schiedsrichter Viktor Kassai (Ungarn) entschied zurecht auf Strafstoß. Neuer ahnte die Ecke, doch der Schuss von Bonucci war zu scharf.

Höwedes zurück in der Startelf

Bis zu den Treffern war das Spiel von den taktischen Vorgaben der beiden Trainer Löw und Antonio Conte geprägt. Der Bundestrainer etwa hatte Draxler aus der Mannschaft genommen, Benedikt Höwedes als dritten Innenverteidiger für eine Dreierkette gebracht und eine defensive Grundausrichtung angeordnet.

Früh war klar: Beide Mannschaften warteten vor allem auf den entscheidenden Fehler beim Gegner.

Wenn Italien sich zurückzog, begann das Geduldsspiel um den Strafraum herum. Überraschende Momente waren Mangelware. Schweinsteiger köpfte schon bald nach seiner Einwechslung den Ball ins Tor (27.), hatte zuvor aber regelwidrig Mattia De Sciglio aus dem Weg geräumt.

Kimmich zeigt Schwächen

Kurz darauf musste der aufmerksame Boateng einen Stellungsfehler von Joshua Kimmich ausbügeln (31.). Er klärte vor Emanuele Giaccherini. Es blieb nicht die einzige Gelegenheit für die Azzurri, ihre beste hatte Stefano Sturaro kurz vor der Pause, Boateng aber brachte gerade noch die rechte Fußspitze dazwischen und lenkte den Ball zur Ecke.

Defensiv stand die deutsche Mannschaft meistens gut, nur offensiv fand sie keine geeignete Lösung, um den italienischen Riegel zu knacken. Auch, weil sie zu zaghaft war. Erst in der zweiten Halbzeit besserte sich dies ein wenig. Müller besaß in der 54. Minute seine beste Chance, kurz darauf Boateng mit einem Weitschuss.

Erst nach dem deutschen Treffer kamen die Italiener wieder ein wenig in Schwung. Viel brachten sie nicht zustande, ehe ihnen Boateng unfreiwillig weiterhalf.

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