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Stefan Kuntz jubelt als Trainer der U21
Stefan Kuntz hat beim DFB einen Vertrag bis 2017 unterschrieben © Getty Images

München - Stefan Kuntz tritt die Nachfolge von Horst Hrubesch als Trainer der U21 an. Im SPORT1-Interview spricht der frühere Vorstandsboss des FCK über seine neue Herausforderung.

Die Nachricht hatte einen echten Überraschungseffekt. Nach acht Jahren als Vorstandsboss beim 1. FC Kaiserslautern wurde Stefan Kuntz in der vergangenen Woche als neuer Trainer der U21-Nationalmannschaft vorgestellt.

Der 53-Jährige tritt damit das Erbe von Horst Hrubesch an. Die Premiere gelang: Ein 3:0-Sieg im Freundschaftsspiel gegen die Slowakei. Jetzt wird es ernst. Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Finnland (ab 18 Uhr im LIVETICKER) spricht Kuntz im SPORT1-Interview über seinen neuen Job. 

SPORT1: Herr Kuntz, wie schwer fiel die Umstellung vom Klub-Boss im feinen Anzug zum Trainer?

Stefan Kuntz: Die Umstellung war nicht schwer. Schon beim FCK war ich über Jahre sehr eng an der Mannschaft dran, stand zwei- bis dreimal die Woche auf dem Trainingsplatz und hatte immer ein Auge auf Spielphilosophie und Talentförderung. Ich war immer in engem Austausch mit den Fußballlehrern und habe die Entwicklungen in der Trainingsarbeit intensiv verfolgt. Die größte Veränderung bei meiner neuen Aufgabe war die Perspektive auf das Spiel. Man verfolgt das Geschehen nicht mehr von der Tribüne aus, sondern lebt die Emotion am Spielfeldrand hautnah. Das hat richtig Spaß gemacht.

Germany U21 v Slovakia U21 - Friendly Match
Stefan Kuntz (l.) hatte an seiner Rückkehr in den Trainerjob sichtlich Freude © Getty Images

SPORT1: Die Nachricht von Ihrer Rückkehr auf die Trainerbank kam für viele sehr überraschend...

Kuntz: Damit hat niemand gerechnet. Aber es spricht auch für die guten und vertraulichen Gespräche mit dem DFB, dass unsere Gedankenspiele intern geblieben sind. Nach der Verkündung habe ich viele Nachrichten erhalten. Diejenigen, die mich lange und gut kennen, haben sofort geschrieben: "Das passt zu dir!"

SPORT1: Nach Ihrem Aus in Kaiserslautern sind nur vier Monate vergangen. Wie haben Sie diese Zeit genutzt?

Kuntz: Die Auszeit habe ich gebraucht und sie hat mir gut getan. Ich hatte Zeit zu reflektieren und konnte die Ruhe nutzen, um mir darüber Gedanken zu machen, was ich in Zukunft machen möchte. Dann gab es ein Gespräch mit Hansi Flick (DFB-Sportdirektor, Anm. d. Red.). Daraus sind wie bei einer Pflanze langsam Sprossen gewachsen. Schließlich habe ich gespürt, dass die Möglichkeit, neuer U21-Trainer zu werden, genau das Richtige ist.

SPORT1: Als Trainer haben Sie aber vergleichsweise wenig Erfahrung...

Kuntz: Das Trainerdasein hat sich in den vergangenen Jahren extrem weiterentwickelt. Heute ist ein Trainer nicht nur Fußballlehrer, sondern auch Manager, Organisator, Psychologe, Pädagoge und vieles mehr. In den Vereinen gibt es teilweise vier, fünf oder mehr Experten, die mit den Spielern in verschiedenen Bereichen arbeiten. Deshalb ist es heute wichtig, ein großes Team führen und zusammenführen zu können.

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SPORT1: Das Erbe von Horst Hrubesch ist gerade nach der Silbermedaille bei Olympia nicht gerade klein. Glauben Sie, dass der Übergang reibungslos klappen kann?

Kuntz: Horst Hrubesch hat tolle Arbeit geleistet. Diese erfolgreiche Arbeit möchte ich fortführen und unsere Spieler weiterentwickeln, sie noch besser machen und ihnen helfen, den nächsten Schritt in ihrer Karriere zu machen. Sei es in ihren Vereinen oder der Sprung in die A-Nationalmannschaft. Dass das klappen wird, davon bin ich überzeugt. Ich kann mich jetzt voll und ganz auf die Arbeit auf dem Rasen konzentrieren. Das ist das Beste, was mir passieren konnte.

SPORT1: Sie sprachen von einer unglaublichen Qualität im Kader. Wie sehen Sie die aktuelle Situation in der U21?

Kuntz: Wir haben eine exzellente Nachwuchsförderung in Deutschland. Es ist hervorragend, auf wie viel Qualität wir zurückgreifen können. In der U21 verfügen wir über einen Kreis von 30 bis 35 Spielern. Einige davon haben bereits den Schritt in die Mannschaft von Joachim Löw gemacht, wie aktuell zum Beispiel Max Meyer, Julian Brandt oder Niklas Süle. Und es gibt noch einige bei uns, die die Qualität besitzen, es ihnen nachzumachen. Auf dieses höchste Niveau bereiten wir sie vor.

SPORT1: Was heißt das konkret?

Kuntz: Das beginnt schon in den jüngsten U-Mannschaften. Wir wollen Spieler, die technisch versiert sind, taktisch sehr gut ausgebildet sind und hohes Tempo gehen können. Darauf basiert die von Hansi Flick entwickelte Spielidee. Diese einheitliche Philosophie hilft den Spielern auch, sich in den verschiedenen Jahrgängen schnell anzupassen und sich kontinuierlich zu verbessern.

SPORT1: Hatten Sie eigentlich schon ein Gespräch mit Joachim Löw?

Kuntz: Wir werden uns im Nachgang der Länderspiel-Phase sicherlich austauschen. Die Verbindung zwischen der A-Mannschaft und der U21 ist schon allein aufgrund des Spielerkreises sehr eng. Auch was die handelnden Personen angeht. Mit Joachim Löw habe ich den Trainerschein gemacht, mit Oliver Bierhoff und Andreas Köpke zusammengespielt. Zudem war Hansi Flick acht Jahre lang an Jogis Seite und mein Co-Trainer Antonio Di Salvo war bisher der Co-Trainer von Marcus Sorg, der jetzt zu Jogis Trainerstab dazu gestoßen ist. Die Zusammenarbeit wird bestimmt sehr gut funktionieren.

JUBEL/EURO 1996 CZE - GER 1:2 n.V
Gemeinsam Europameister: Stefan Kuntz (l.) und der heutige Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff (r.) 1996 © Getty Images

SPORT1: Als Nationaltrainer haben Sie nicht mehr den täglichen Stress. War das auch ein Grund, warum Sie nicht zurück in die Bundesliga wollten?

Kuntz: Die Aufgabe als Nationaltrainer unterscheidet sich stark von der als Vereinscoach. In meiner neuen Funktion arbeiten wir jetzt viele Monate auf ein großes Ziel hin: die EM 2017 in Polen. Im Verein ist immer das nächste Wochenende das wichtigste. Ich konzentriere mich jetzt auf die Entwicklung der Spieler in ihren Vereinen, auf die Vorbereitung der nächsten Länderspiele. Der Kontakt und die Kommunikation zu den Spielern und den Kollegen aus den Vereinen werden jetzt anders sein.

SPORT1: Was aus den Jahren als Klub-Boss werden Sie am meisten nutzen können für Ihre neue Aufgabe?

Kuntz: Als Vorstandsvorsitzender führst Du keine Mannschaft mit 25 oder 30 Spielern, sondern ein Team mit 100 Mitarbeitern mit vielen verschiedenen Charaktereigenschaften und vielen unterschiedlichen Bedürfnissen. Dabei ist gegenseitiges Vertrauen das Wichtigste. Diese gelernte Menschenführung wird mir als Trainer sicherlich zugutekommen.

SPORT1: Mit welchen Gedanken gehen Sie in Ihr zweites Spiel als U21-Coach gegen die Finnen?

Kuntz: Wir haben in den vergangenen Tagen sehr gut trainiert. Die Jungs ziehen toll mit. In Finnland wollen wir den nächsten Sieg einfahren und einen weiteren Schritt in Richtung Gruppensieg machen.

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