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Marseille - Angst vor dem Terror herrschte in Marseille nicht. Stattdessen sorgen die Gewaltexzesse unter vermeintlichen Fans für einen verstörenden Eindruck. Die erste Bilanz ist erschütternd.

Er habe keine Angst, hatte Nicolas, ein Mittdreißiger aus der Nähe von Marseille, am Freitagabend in der friedlichen Fanzone am Stadtstrand gesagt, als er dort das EM-Auftaktspiel zwischen Frankreich und Rumänien auf einer der beiden großen Leinwände verfolgte.

Keine Angst vor dem Terror, hatte er gemeint, der nach den Anschlägen im November in Paris ja als die größte Bedrohung für dieses Turnier wahrgenommen worden war. "Die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf dem Heimweg mit dem Auto verunglücke, ist wesentlich höher", hatte Nicolas dazu gesagt.

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Tagelange Gewaltexzesse in Marseille

Oder aber, das ist jedenfalls der verstörende Eindruck des ersten Turnierwochenendes, bei dieser EM in eine üble Schlägerei verwickelt zu werden.

Besonders in Marseille war es tagelang zu regelrechten Gewaltexzessen gekommen. Vor allem im Ausgehviertel am alten Hafen im Stadtzentrum, nur ein paar Kilometer vom Strand und dem EM-Stadion entfernt.

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In der Arena war am Samstagabend nach dem 1:1 zwischen England und Russland die nächste Eskalationsstufe zu beobachten, als russische Anhänger aus ihrem Block stürmten und englische Zuschauer attackierten.

Prügeleien mit Metallstangen

Die vorläufige Bilanz der tagelangen Krawalle: Ein schwer verletzter englischer Fan, der laut Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve in Lebensgefahr schwebt, mindestens drei weitere schwerverletzte Personen und Dutzende leicht verletzte.

Hinzu kommen unfassbare Bilder, die erschaudern lassen: Blutüberströmte Menschen, Fangruppen, die mit abgeschlagenen Glasflaschen und Metallstangen aufeinander einprügeln, auch auf wehrlose Personen am Boden.

Massives Polizei-Aufgebot

Am Freitagabend, in der relativen Ruhe nach den zweiten schweren Zusammenstößen kurz zuvor, ließ sich am Hafen von Marseille noch immer zumindest erahnen, was sich hier in den Stunden zuvor eignet haben muss.

Überall liegen Scherben, als seien ganze Lkw-Ladungen von Altglas hierhin geschüttet worden. Die Polizei ist noch immer mit einem massiven Aufgebot vor Ort, überall stehen Beamte in Schutzmontur.

Die englischen Fans, die nach den Ausschreitungen noch übrig geblieben sind, stehen nun hauptsächlich wieder an jenem Irish Pub, an dem es am Vorabend zu den ersten Zusammenstößen mit französischen Jugendlichen gekommen war.

"Nicht alle Engländer sind so schlimm"

Jetzt singen sie nur, was die Stimmbänder noch hergeben nach offensichtlich sehr vielen Litern Bier. Ein Fan hat eine üble Schnittwunde am Hinterkopf, auf sein T-Shirt ist recht viel Blut getropft.

Vor der Metrostation ist derweil eine junge Engländerin zu beobachten, die mit vier schwer bewaffneten Polizisten posiert. Sie hält das Schutzschild eines Beamten und lässt mit sich zusammen mit ihm und seinen Kollegen von einem Kumpel fotografieren.

Zwischenzeitlich war auch der Vorwurf laut geworden, die Polizei habe die Ausschreitungen durch ihr wenig deeskalierendes Verhalten begünstigt. Ein Freund der Engländerin sagt nun zu den Beamten: "Nicht alle Engländer sind so schlimm."

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