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Marcel Reif (r.) sieht Joachim Löw aktuell über Zweifel erhaben © SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann/Getty Images

München - Im zweiten Teil des SPORT1-Interviews spricht TV-Experte Marcel Reif über den Viertelfinal-Kracher der DFB-Elf - und vergleicht Italien-Coach Conte mit einem Sektenführer.

Marcel Reif nimmt kein Blatt vor den Mund. Das zeigte der Sportjournalist im ersten Teil des SPORT1-Interviews, als er mit der englischen Nationalmannschaft nach deren EM-Aus hart ins Gericht ging. Der 66 Jahre alte frühere Sky-Kommentator schaut ganz genau hin, was sich bei der EM in Frankreich abspielt. 

Vor dem Viertelfinale zwischen Deutschland und Italien spricht Reif im zweiten Teil des SPORT1-Interviews über die DFB-Elf, Bundestrainer Joachim Löw, die Squadra Azzurra - und deren Coach Antonio Conte

SPORT1: Herr Reif, wie sehen Sie die deutsche Mannschaft vor dem Klassiker gegen Italien? Zeigt es sich wieder, dass sie eine Turniermannschaft ist?

Marcel Reif: Ich mache den Job schon seit rund 35 Jahren und es gibt Sprüche, die ich einfach nicht mehr hören kann. Einer ist ganz weit vorne, nämlich "Deutschland ist eine Turniermannschaft". Aber: Die deutsche Elf steigert sich ja, genau wie es sein muss, von Spiel zu Spiel bis zum Finale. So muss man Turniere spielen. Ich weiß nicht, wo sie das her haben und in welchen Genen das vererbt wird, aber es ist so.

SPORT1: Joachim Löw sagte, dass sich am Samstag die beiden bisher besten Teams gegenüberstehen. Hat er recht?

Reif: Er will da sicher die eigene Mannschaft loben, zu Recht, und er will den Gegner loben, auch zu Recht. Ob es die besten sind, will ich noch nicht sagen. Die Franzosen haben in der zweiten Halbzeit gegen Irland auch sehr gut gespielt. Wir warten jetzt einfach mal ab. Die zwei besten Mannschaften des Turniers werden im Finale gegeneinander spielen. Das würde ich mir wünschen. Aber dass am Samstag eine große Nummer steigt, das können wir alle unterschreiben.

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SPORT1: Wenn überhaupt, was ist die Schwachstelle bei den Deutschen?

Reif: Die Chancenauswertung. Sonst nichts. Und wenn sie das behoben haben, gibt es keine Schwachstelle. Die Mannschaft funktioniert von A bis Z. Selbst die Defensive ist noch besser als die der Italiener. Mit Kimmich scheint es zu klappen, mit ihm haben wir in diesem Land nach langer vergeblicher Suche endlich einen Rechtsverteidiger gefunden, nachdem Philipp Lahm sich verabschiedet hat. Mario Götze funktioniert immer noch nicht. Und als Löw Julian Draxler brachte, dachte ich 'Das ist nicht sein Ernst', weil er Götze zu ähnlich ist. Doch dann macht er sein bestes Spiel. Löw hat die ersten Schritte bereits getan und er wird bald problemlos über Wasser gehen.

SPORT1: Ist Kimmich der neue Lahm?

Reif: Ich bin überzeugt davon, dass er der neue Lahm werden wird. Aber da müssen wir schön in der Futur-Form bleiben. Dann nehme ich das gerne in den Mund. Er hat alle Anlagen und nimmt die Rolle an. Und Außenverteidiger ist heutzutage die anspruchsvollste Position im Fußball.

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SPORT1: Muss Löw gegen Italien überhaupt etwas verändern?

Reif: Wir haben gegen die Slowakei wie ein Weltmeister gespielt. Nach zwei Minuten denkst du dir 'Komm, was machen wir heute Abend? Das Spiel muss ich mir nicht anschauen. Das Spiel ist erledigt.' Das hat man an der Körpersprache gesehen. Man war gewillt, einen unterklassigen Gegner dahin zu befördern, wo er hingehört. Du wirst andere Qualitäten gegen Italien brauchen, aber die haben die Deutschen. Die Mannschaft steht.

SPORT1: Schweinsteiger bleibt also weiter nur die Joker-Rolle?

Reif: Das kann ich nicht beurteilen, weil das eine Sache der Fitness ist. Und wie sehr fehlt ihm Spielpraxis? Das kann man nur intern bearbeiten. Das ist aber keine Kardinalfrage. Das wird man zwar diskutieren, aber man kann mir nicht erzählen, dass Sami Khedira oder Toni Kroos so viel schwächer sind als Schweinsteiger in Topform. Um die Diskussion überhaupt loszutreten, muss Schweinsteiger erst mal in so einer Form sein. Aber wegen Schweinsteigers Meriten einfach zu sagen, dass eine gut funktionierende Mannschaft verändert werden soll, nur weil jemand gerne die Diskussion hat: 'Was machen wir mit unserem Kapitän?', ist Quatsch. Im Übrigen ist Schweinsteiger ein erwachsener Mann, der weiß, wie die Dinge funktionieren oder nicht funktionieren. Und er ist viel zu sehr Teil der Mannschaft.

SPORT1: Auch Thomas Müller ist Teil der Mannschaft, warum trifft er nicht?

Reif: Weil er gerne auch mal den Ball abspielt, wenn er selber schießen kann, wie im Spiel gegen die Slowakei bei dem Gomez-Tor. Und weil er arbeitet und am Ende dennoch 3:0 gewonnen wird. Wenn man 0:2 verliert und er fünf Chancen versemmelt, dann können wir uns gerne über Müller unterhalten. Aber solange das Team gewinnt, er ein Teil des Ganzen ist, der seinen Job macht, indem er den Kollegen Räume schafft durch sein unkonventionelles Herumrennen und immer anspielbar ist, solange kann ich die Diskussion nicht führen.

SPORT1: Auch nicht über Leroy Sane? Warum gibt Löw dem Schalker keine Chance?

Reif: Man wird mich nicht dazu kriegen, einen Weltmeister-Trainer, der gerade möglicherweise eine Mannschaft in Richtung EM-Titel führt, zu kritisieren. Er hat intern klare Überlegungen. Erst, wenn es nicht läuft, erzählen wir dem Bundestrainer, wie er es machen soll.

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SPORT1: Sie haben die Italiener Rentner-Band genannt. Warum ist diese Combo trotzdem so gefährlich?

Reif: Dass jeder Mühe haben wird, mir drei Spieler zu nennen. (lacht) Früher gab es Pirlo, Balotelli, Totti. Heute gibt es außer Buffon keine Stars mehr bei den Italienern. Und der alte Mann spielt auch noch so. Welche Freude der immer noch im Tor hat und wie er gehalten hat gegen Spanien, das ist eins der schönsten Märchen der ganzen EM. Italien ist eine Mannschaft ohne Stars, aber eine Mannschaft. Die ist von innen zusammengewachsen, weil ihr von außen nichts zugetraut wurde. Gegen die zu spielen, ist wie Sommergrippe mit Zahnschmerzen.

SPORT1: Was macht Italien so stark?

Reif: Nicht nur die starke Defensive. Es ist die einzige Mannschaft, die mit zwei Stürmern spielt. Das ist etwas ganz Neues oder wieder neu. Die erste Hälfte gegen Spanien war überragender Angriffsfußball. Die Italiener nur auf Mauern zu reduzieren, das wäre falsch. Das ist etwas anderes und hat mit der Spielweise von Nordirland und der Slowakei nichts zu tun. Und zum Thema Verteidigung: Als die Spanier hinten lagen, wussten sie, dass der Tag gelaufen war. Die Deutschen dürfen keine Fehler machen. Italien verliert kein Spiel, Italien musst du schlagen.

SPORT1: Italiens Nationalcoach Antonio Conte sagte nach dem Sieg über Spanien "Die Idee schlägt das Talent". Wie meinte er das?

Reif: "Form schlägt Klasse" ist ein ähnlicher Spruch. Wenn man aus einer Mannschaft von Nicht-Stars ein Team formt, das dann funktioniert, dann schlägt man die Individualisten, die keine Mannschaft sind, nach Belieben. Die Galaktikos bei Real Madrid waren die mit Abstand beste Ansammlung von Fußballern aller Zeiten. Gewonnen haben sie nichts.

SPORT1: Wie sehen Sie Conte als Typ?

Reif: Italien ist wie Atletico Madrid. Und Conte ist wie Diego Simeone. Gegen Italien spielen alle so gerne wie gegen Atletico Madrid. Conte ist wie ein Sektenführer, der aus Spielern, die zu hören bekommen, sie seien eigentlich zu schlecht, das Land zu vertreten, das Beste rausholt. Er sagt 'Leute wir können nichts, aber wir machen es'. Und Simeone macht das genauso. Das schweißt zusammen. Aber dafür brauchst du einen Sektenführer, dem die Mannschaft glaubt. Und Conte tobt draußen herum im dunklen Anzug. Das ist Simeone 2.0.

SPORT1: Letzte Frage. Wie tippen Sie für Samstag und für das Finale?

Reif: Wenn Belgien so wie das Tableau jetzt liegt, nicht in das Finale kommt, verstehe ich diese Welt nicht mehr. Und Deutschland wird gegen Italien dieses Mal gewinnen. 2:1.

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