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Italiens Fußball-Weiser Arrigo Sacchi erklärt exklusiv, was schief läuft in Italien und im Calcio. Dennoch hat der Fußball-Revolutionär Hoffnung für die EM in Frankreich.

Arrigo Sacchi hat den Fußball revolutioniert. Ende der achtziger Jahre schuf der Sohn eines Schuhfabrikanten beim AC Milan ein System, auf das sich alle Fußballgelehrten von heute beziehen.

Sacchi kombinierte den totalen Ballbesitzfußball niederländischer Prägung mit der taktischen Disziplin der Italiener. Er etablierte die Viererkette in der Abwehr, setzte auf konsequentes Pressing und schnelle Kombinationen.

Ancelotti war Sacchis Schlüsselspieler

Milan spielte einen betörenden Fußball. Sacchi wurde zum Vorbild für Pep Guardiola, Carlo Ancelotti und Co.

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Die Milan-Mannschaften der Saisons 1988/1989 und 1989/1990 um Bayerns Bald-Trainer Ancelotti, der zu Sacchis Schlüsselspieler wurde, Paolo Maldini, Franco Baresi und den Holland-Giganten Marco van Basten, Ruud Gullit und Frank Rijkaard gelten als mit die besten aller Zeiten und gewannen in beiden Saisons den Landesmeistercup.

Vize-Weltmeister mit Italien

1991 verließ Sacchi Milan, um auch die Squadra Azzurra zu revolutionieren. 1994 führte er Italien zur Vize-Weltmeisterschaft. Später arbeitete Sacchi, der sich auch mit mittlerweile 70 Jahren noch als "Studierender des Fußballs" bezeichnet, noch unter anderem als Trainer von Atletico Madrid und als Sportdirektor bei Real Madrid.

SPORT1 traf den Fußball-Weisen im Badeort Milano Marittima, wo Sacchi mit seiner Familie ein paar Hotels betreibt und sprach mit ihm über Italien und die bevorstehende EM in Frankreich (alle Spiele LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) in Topform.

(Einen Beitrag über den Besuch bei Sacchi sehen Sie auch bei EM Aktuell am Dienstag ab 18.30 Uhr im TV auf SPORT1)  

Arrigo Sacchi bei SPORT1 über…

Italien und den Zustand des Calcio:

"Der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, wirtschaftlich, sozial und politisch. Und in Italien erleben wir gerade eine Krise, ökonomisch, kulturell und auch moralisch.

Das spiegelt sich im Fußball wider. Wir sind ein Land, das sich in der Rezession befindet. Wir haben auch eine Rezession der Ideen, sind ein Land, das momentan alles aufs Geld, auf die Individualität und die Ausländer setzt, um wettbewerbsfähig zu sein. Das ist im Fußball genauso."

Nationaltrainer Antonio Conte:

"Antonio Conte ist ein toller Trainer. Er gehört zu den fünf, sechs italienischen Trainern, die aus der alten italienischen Tradition ausgebrochen sind. Momentan dominiert im Weltfußball die Idee des totalen Fußballs. Und diese Trainer um Conte praktizieren das. Ich habe großes Vertrauen in ihn und in die Spieler, die er mitnehmen wird nach Frankreich.

Conte war ein Spieler von mir, ich bin ein großer Freund von ihm. Conte ist ein großer Trainer, der leider nicht den besten Moment Italiens erwischt hat."

Italiens EM-Aussichten:

"Die Situation ist nicht optimal. Es sind wichtige Spieler wie Marco Verratti und Claudio Marchisio verletzt.  Ich bin trotzdem zuversichtlich.

Auch wenn es im Kader sogar Spieler gibt, die in ihren Klubs kaum spielen. Simone Zaza spielt bei Juve nicht, Graziano Pelle hat in England seinen Stammplatz verloren. Ciro Immobile war lange verletzt.

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Die italienische Nationalmannschaft. © Getty Images

Aber: Der Wille der Spieler ist das Benzin für das Spiel. Wenn die Spieler den Willen haben, dann werden sie zur Mannschaft, auch wenn die Einzelspieler vielleicht keine Phänomene sind. Wenn die Leidenschaft da ist, wird das Spiel die Spieler verbessern.

Niemand hätte gedacht, dass Deutschland zum WM-Halbfinale in Brasilien fahren und fünf Tore in 20 Minuten schießen könnte.

Ich habe Conte geraten: Nimm nur Spieler mit, die alles geben werden. Ich habe meinen Spielern früher immer gesagt: Wer nicht alles gibt, gibt nichts."

den deutschen Fußball:

"Deutschland ist Weltmeister, und das verdient. Deutschland ist die Nummer 1. Sie machen in der Jugendarbeit einen hervorragenden Job, der DFB hat 14 regionale Jugendakademien eröffnet. Sie haben die Klubs gezwungen, Jugendleistungszentren aufzubauen und die Ausbildung der Trainer gestärkt und verbessert.

Die Klubs müssen sich in der Ausbildung nach bestimmten Standards richten. Es gibt tausende von Scouts. Deutschland hat in den letzten Jahren einfach Großartiges geleistet, sie führen einen Plan nach deutscher Art aus."

seine EM-Favoriten:

"Es ist immer schwer, einen Favoriten zu bestimmen. Denken Sie an Griechenland damals.  Auf dem Papier sind es Frankreich, weil es zu Hause spielt, und Deutschland, weil es Weltmeister ist. Aber am Ende wird es ein Kampf. Aber ich hoffe, dass auch Italien wettbewerbsfähig sein wird."

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