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Samuel Umtiti mit der Nationalmannschaft von Frankreich
Frankreichs Nationalspieler Samuel Umtiti (v.) wechselt zur neuen Saison zum FC Barcelona © Imago

Paris - Die Offensive von Frankreich überstrahlt vor dem EM-Halbfinale gegen Deutschland alles. Hinten ist die Equipe Tricolore aber verwundbar. SPORT1 erklärt, wie.

In der französischen Presse ist es in diesen Tagen wie auf dem Rasen bei der Equipe Tricolore: Die Offensive dominiert.

"Durst auf Revanche", titelte L’Equipe am Dienstag. "58 Jahre sind genug!", ergänzte Le Parisien in Anlehnung an die Sieglos-Serie der Franzosen gegen Deutschland bei großen Turnieren. Und lieferte gleich fünf Gründe, warum die Leser an einen Erfolg gegen Deutschland glauben sollen.

Die Abwehr der eigenen Mannschaft wurde auf dieser Liste nicht aufgeführt. Sie ist vor dem Halbfinal-Duell mit dem DFB-Team (Do., 20 Uhr LIVE in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKER) der große Schwachpunkt der Mannschaft von Didier Deschamps.

Und damit auch der Punkt, an dem die Elf von Bundestrainer Joachim Löw am Donnerstag ansetzen muss, um den Finaleinzug perfekt machen zu können.

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Nach dem alten Leitsatz: "Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Meisterschaften", sieht es schlecht aus für die Franzosen. "Wir müssen unsere Fehler in der Abwehr abstellen, denn gegen Deutschland würden wir dafür einen großen Preis zahlen", warnte Stürmer Olivier Giroud nach dem 5:2 im Viertelfinale gegen Island.

Lange Mängelliste in der Defensive

Trotz des hohen Erfolgs sah man selbst in diesem Spiel alle Schwächen der französischen Defensive.

Die da wären:

- sie ist nicht eingespielt
- sie ist anfällig über außen
- sie ist änfällig bei Standardsituationen
- sie ist anfällig für Konter.

Das ist eine ganz schön lange Liste für einen EM-Halbfinalisten.

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Das größte Problem ist sicher die fehlende gemeinsame Erfahrung. Schon die Kombination von Laurent Koscielny mit Adil Rami in der Innenverteidigung war eine Notlösung, weil zahlreiche Stammkräfte verletzt oder aus anderen Gründen ausfallen.

Wegen Ramis Gelbsperre feierte mit Samuel Umtiti im EM-Viertelfinale ein Verteidiger sein Nationalmannschaftsdebüt, der der Ersatz vom Ersatz vom Ersatz vom Ersatz vom Ersatz vom Ersatz ist. Sozusagen nicht Plan B, sondern Plan H, wie es der britische Guardian treffend beschreibt.

Hinterher wurde Umtiti, der zur neuen Saison zum FC Barcelona wechselt, demonstrativ von Kollegen wie Giroud und auch von Coach Deschamps gelobt. Dass er auch gegen Deutschland in der Mannschaft bleibt, ist nicht ausgeschlossen. Auch Rami hat in den vier Partien zuvor nicht grenzenlos überzeugt.

Außenverteidiger als Problem

Bisher hat die französische Abwehr noch in jedem Turnierspiel ihre Probleme gehabt. Selbst gegen Island, als sie in den ersten Minuten riesige Lücken anboten, die die Isländer eben nur nicht nutzen konnten. Die beiden Gegentore fielen passenderweise nach einer Ecke und einer Hereingabe von rechtsaußen.

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Erfahren, aber anfällig: Frankreichs Außenverteidiger Bacary Sagna (l., 33) und Patrice Evra (r., 35) © Getty Images

Da wirkt auf der linken Abwehrseite immer noch Patrice Evra, der gefühlt auch schon beim WM-Erfolg 1998 hätte im Kader stehen können. Evra ist so etwas wie der Klassensprecher der Equipe Tricolore. Von den PR-Mitarbeitern des Verbands muss er nach den Spielen fast schon aus der Interviewzone heraus in den Mannschaftsbus getragen werden.

Gemeinsam mit Bacary Sagna (33 Jahre) auf der anderen Seite bringt Evra (35) stattliche 68 Jahre auf die Uhr. Beide schalten sich gerne mit nach vorne ein. Das Geschick in der Defensive leidet darunter.

Weltmeister Lizarazu warnt

Trotz der forschen Töne auf den Titelseiten ist die Furcht der Franzosen relativ groß, ein ähnliches Schicksal zu erleiden wie Brasilien vor zwei Jahren im Halbfinale gegen Deutschland. Vielleicht nicht von der Höhe des Ergebnisses her, aber zumindest vom Spielverlauf.

Ex-Bayern-Profi Bixente Lizarazu warnte in seiner Zeitungskolumne schon mal davor, gegen das DFB-Team so offensiv aufzutreten wie im 4-2-3-1-System gegen Island.

"Wenn sie nicht die ganze Zeit dem Ball hinterherlaufen wollen", wäre die Rückkehr zum 4-3-3 mit N'Golo Kante als zentralem Prellbock auf der Sechs womöglich die bessere Idee. Der könnte dann die Bälle zurückerobern, die die Kollegen in der Vorwärtsbewegung doch recht häufig verschludern.

Gegen die kombinationsstarken Deutschen ist das eine Todsünde, nachzufragen in Brasilien. Es wird ein steiniger Weg für die Franzosen zur ersehnten Revanche.

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