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Lyon - Cristiano Ronaldo führt Portugal ins EM-Finale. Im Halbfinale gegen Wales reduziert er seine Ego-Show - und wird trotzdem zum wichtigsten Mann auf dem Rasen.

Sogar die "Messi, Messi"-Rufe waren diesmal nicht zu hören.

Sie hatten Cristiano Ronaldo durch die EM in Frankreich verfolgt. Immer wenn er eine Chance vergab, wenn er den Ball verlor, oder mal wieder mit weinerlicher Miene auf dem Boden saß und lamentierte, stimmte der gegnerische Fanblock sie an.

Im Halbfinale von Lyon gegen Wales bekam Portugals Superstar sie aus dem großen, roten Block der Waliser nicht entgegen geschleudert.

Vielleicht ist es ein Zeichen, dass es jetzt endlich so weit ist. Dass Ronaldo etwas erreichen kann, was Messi nicht im Lebenslauf stehen hat - einen großen Titel mit der A-Nationalmannschaft.

Und den vorletzten Schritt dahin macht Ronaldo ausgerechnet an dem Tag, an dem Messi wegen Steuerhinterziehung zu einer Haftstrafe von 21 Monaten verurteilt wurde. Manche Zufälle sind schon verrückt.

Entscheidung aus 2,53 Metern Höhe

Große Spiele werden von großen Spielern entschieden, heißt es immer. Wer noch einen Beweis gebraucht hat, dass Ronaldo ein großer Spieler ist, bekam ihn am Mittwochabend.

Zehn Minuten lang spielte er den verwöhnten Bengel, klagte theatralisch über ausbleibende Schiedsrichterpfiffe. Einmal sogar zu Recht. In den 80 Minuten danach war Ronaldo aber genau der Leader, den die Mannschaft Portugals brauchte, um den verdienten 2:0-Erfolg gegen die Waliser klar zu machen.

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Ronaldo stellte sich in den Dienst des Teams. Und als es darauf ankam, schraubte er sich unnachahmlich auf 2,53 Meter Höhe (laut ARD-Messung) und wuchtete den Ball per Kopf ins Tor. Das zweite Tor drei Minuten später legte er mit einem Schuss auch noch unfreiwillig auf.

Dass er immer erst mit den Kollegen jubelte und dann erst seine Ego-Pose für die Kameras machte, sagt viel aus.

Ronaldo gewinnt Duell mit Bale

"Diesmal war ich eben der Glücklichere", sagte er hinterher und strahlte mit seinen Brillanten in den Ohren und am Armband um die Wette. Die Lobrede auf die Kollegen Nani, Ricardo Quaresma und Renato Sanches folgte sofort: "Sie haben in diesem Turnier auch getroffen. Wir sind ein Team."

Es war ein Kompliment, das vom Gegner unterstrichen wurde. "Sie haben nicht nur Ronaldo, sie haben einen Plan", sagte Wales-Trainer Chris Coleman über die Portugiesen. Dass sich nicht alle Last auf den Schultern des Superstars konzentriert, war auch das Geheimnis des walisischen Wunderwegs bis ins Halbfinale.

Gareth Bale machte in der ersten Halbzeit sogar einen besseren Eindruck als Ronaldo, musste vom Real-Kollegen nach der Partie aber herzlich getröstet werden.

Superstar sammelt Sympathiepunkte

Ohnehin sammelt Ronaldo in den letzten Wochen Sympathiepunkte. Nach dem Schlusspfiff, aber auch auf dem Rasen. Nach dem Gruppenspiel gegen Österreich posierte er geduldig mit einem Flitzer für ein Selfie. Im Achtelfinale gegen Kroatien ordnete er sich dem Plan von Trainer Fernando Santos unter, der sehr großen Wert auf defensive Stabilität legt.

Ronaldo ackerte mit und wurde kurz vor Ende der Verlängerung mit der Vorarbeit zum Siegtreffer belohnt. Ein kurzer Rückfall in die Divenhaftigkeit wie gegen Polen im Viertelfinale wird ihm da auch verziehen. Zumal er in diesem Spiel auch noch den entscheidenden Elfmeter verwandelte.

Cristiano Ronaldo nach dem EM-Finale 2004
Bittere Tränen: Cristiano Ronaldo nach dem verlorenen EM-Finale 2004 © Getty Images

"Wir, ich, die Fans, jeder Portugiese hat es verdient, dass wir nun endlich einen Titel gewinnen", sagte Ronaldo in Lyon. Vor zwölf Jahren stand er als 19-Jähriger schon einmal im EM-Finale, verlor im eigenen Land gegen den Maximal-Außenseiter Griechenland und weinte bittere Tränen.

"Ein Finale spielt man nicht, ein Finale gewinnt man"

Es ist ein Trauma, dass wohl bis heute nachwirkt. "Ich hoffe, ihr seht mich am Sonntag Freudentränen weinen", sagte Ronaldo in Erinnerung an 2004: "Es ist ein Traum. Wir sind nahe dran und hoffen, dass wir gewinnen."

Für das große Ziel stellt Ronaldo das Ego hinten an. Dass er mit seinem neunten EM-Treffer den Bestwert von Michel Platini eingestellt hat, kommentierte der 31-Jährige in der Pressekonferenz mit einem Schulterzucken. Nicht wichtig, jetzt zählt nur noch das Endspiel.

"Vor dem ersten Finale meiner Karriere hat mir jemand gesagt: Ein Finale spielt man nicht, ein Finale gewinnt man", sagte Coach Santos in Lyon. Sein Superstar wird ihm nicht widersprechen.

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